27.05.2011 · Deutschland will aus der Atomenergie aussteigen, China dagegen plant fleißig neue Meiler. Jetzt schielt man im Reich der Mitte verstärkt auf gut ausgebildete Fachleute aus Deutschland.
Von Christian Geinitz, PenglaiNach dem Ausstiegsbeschluss Deutschlands aus der Kernenergie umwirbt China deutsche Nuklearfachleute. „Wir laden die Experten ein, bei uns zu forschen und zu arbeiten“, sagte der stellvertretende Generalsekretär des Verbands für Nuklearenergie (CNEA), Xu Yuming, in einem Gespräch mit der F.A.Z. „Die deutschen Kraftwerke sind Weltklasse, die Ingenieure und Forscher genießen einen guten Ruf.“ Weil China mehr Atomkraftwerke baue als jedes andere Land, brauche es fähige Wissenschafter und Fachkräfte, sagte Xu am Rande des „Stars-Symposions“ für Nachwuchsführungskräfte im chinesischen Penglai. Xu hält es für falsch, dass eine Industrienation wie Deutschland mit wenig eigenen Rohstoffen der Atomkraft abschwört. Zum einen erhöhe das die Abhängigkeit von Stromimporten, die möglicherweise aus unsichereren Meilern stammten als den deutschen. Zum anderen verabschiede sich Deutschland freiwillig aus einer wachsenden und lukrativen Industrie.
China wolle jedes Jahr rund 80 Milliarden Yuan (9 Milliarden Euro) in die Kernkraft investieren, kündigte Xu an, der als einer der wichtigsten Vertreter der chinesischen Nukleartechnik gilt. 13 Reaktoren seien am Netz, 28 im Bau. „Das sind 46 Prozent der Projekte in aller Welt.“ Bis 2015 werde China die Kapazität von 10,8 auf 40 Gigawatt (GW) erhöhen. Bis 2020 seien 80 GW möglich. Von der Expansion könnten deutsche Hersteller profitieren. „Aber natürlich wird das schwieriger, je weniger Erfahrung sie auf dem Heimatmarkt vorweisen“, gab Xu zu bedenken. Schon an bestehenden Projekten, die von Amerikanern und Franzosen dominiert werden, beteiligten sich deutsche Lieferanten „nicht sehr eifrig“.
Erst die Gentechnik, dann der Transrapid, jetzt die Atomkraft
Der Rückzug aus der Kernenergie ist eine weitere Branche, in der die Deutschen aus chinesischer Sicht freiwillig die Segel streichen. Zuvor hatte sich die Bundesrepublik aus politischen Gründen aus der grünen Gentechnik und dem Bau von Magnetschwebebahnen zurückgezogen. Der deutsche Transrapid verkehrt ausschließlich zwischen dem Flughafen Schanghai und der Innenstadt. Statt die Verbindung wie geplant nach Hangzhou zu verlängern, eröffnete China zwischen beiden Städten im Oktober eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke der Rad-Schiene-Technik. Das wurde auch damit erklärt, dass es beim Transrapid an der Heimatbasis und an einem ausreichend starken Bekenntnis der Deutschen fehle.
Xu verteidigte Chinas Expansion in der Kernkraft trotz der Katastrophe von Fukushima. Seine Regierung habe alle bestehenden und im Bau befindlichen Anlagen auf ihre Sicherheit überprüft. Die Genehmigung neuer Reaktoren sei zurückgestellt worden. Chinas Meiler lägen zwar ebenfalls an der Küste. Ein Zusammentreffen von Erdbeben und Tsunami sei aber ausgeschlossen.
Dem Fachmann zufolge kann die Volksrepublik aus energetischen und ökologischen Gründen auf die Kernkraft nicht verzichten. Seit Beginn der Öffnungspolitik 1978 habe sich der Energieverbrauch fast versechsfacht. Xu verwies auf die Stromausfälle, unter denen China wegen der hohen Kohlepreise derzeit leidet. „Die Knappheit wird immer schlimmer werden, wenn wir nicht mehr Atomstrom erzeugen.“. Zugleich gab Xu zu, dass die Stromsperren weitergehen werden. „Wir können auf absehbare Zeit nicht garantieren, dass es genug Elektrizität gibt.“ Auch ausländische Unternehmen leiden unter den Abschaltungen.
Christian Geinitz Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.
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