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Greenpeace-Chef Kumi Naidoo „Die Welt schaut auf Deutschland“

24.04.2011 ·  Die Ereignisse in Japan haben eine Debatte über den Energiemix der Zukunft entfacht - weltweit. Greenpeace-Chef Kumi Naidoo über den deutschen Atomausstieg als globales Vorbild, drohende Klimakriege und Solarstrom für Afrikas Arme.

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Mister Naidoo, die Reaktorkatastrophe in Fukushima hat Deutschland verändert. Wird sie auch die Welt verändern?

Ich denke, die Veränderung ist schon in vollem Gange. Die Ereignisse in Japan haben weltweit eine Debatte darüber entfacht, welchen Energiemix wir in Zukunft benötigen. In Südafrika, meiner Heimat, wird darüber genauso leidenschaftlich diskutiert wie etwa in Indien, wo sich sogar schon politische Parteien gegen Atomenergie positionieren.

Doch sind das bisher nur Debatten …

… mit denen jede Veränderung ihren Anfang nimmt. Fukushima hat allerdings schon heute einen ganz anderen nachhaltigen Effekt: Atomenergie hat sich durch die Katastrophe erheblich verteuert. Das verändert die Kalkulationsbasis und am Ende das Handeln von Politik und Wirtschaft.

Wieso verteuert?

Weil selbst Regierungen, die in ihren Ländern neue Atomkraftwerke planen, jetzt – nach dem Unglück in Japan – ganz anderen Anforderungen an die Sicherheit gerecht werden müssen, um die Menschen von ihrer Energiepolitik zu überzeugen. Das wird viel Geld kosten, und dennoch bleibt ein Risiko.

Atomenergie gilt als billig.

Vermeintlich billig, weil die Risiken eines atomaren Unfalls unkalkulierbar und deshalb im Preis für Strom aus den Atomkraftwerken nicht enthalten waren. Genau das wird Japan verändern. Dort nämlich kann man die Kosten erkennen, die entstehen, wenn die Lage außer Kontrolle gerät. Viel beängstigender aber ist, dass auch 25 Jahre nach Tschernobyl noch immer niemand weiß, was im Fall einer Kernschmelze zu tun ist. Wussten Sie eigentlich, dass sich selbst in Frankreich die Mehrheit der Bürger gegen Atomkraft ausspricht?

Dafür stehen dort aber ziemlich viele Meiler.

Es ist der französischen Regierung und der Energiewirtschaft gelungen, die Bevölkerung von der Alternativlosigkeit dieser Energieform zu überzeugen. Die Franzosen mögen die Atomkraft nicht, aber sie meinen, es ginge nicht anders. Das ist hervorragende Lobby-Arbeit. An diesem Punkt setzt Greenpeace an. Wir müssen die Menschen davon überzeugen, dass es gute, weniger riskante, umweltfreundlichere und billigere Alternativen gibt.

Billiger? Hier in Deutschland heißt es, Strom würde mit der Energiewende deutlich teurer.

Das ist Teil des Spiels. Die Bevölkerung in Deutschland weiß aber längst, dass die Kosten für die Atomkraft nie fair berechnet worden sind. Das gilt übrigens auch für die Frage der Endlagerung. Die Atomindustrie kann uns nicht in die Augen schauen und behaupten, dass sie dafür eine sichere Lösung hat.

Die deutsche Regierung fährt Zickzack. Sie hat den Ausstieg beschlossen, dann die Laufzeiten verlängert. Jetzt – nach Fukushima – soll alles wieder ganz schnell gehen. Glauben Sie daran?

Ich hoffe sehr, dass die Vernunft siegt. Und dass Deutschland hier eine verantwortungsvolle Führungsrolle übernimmt. Die Garantie dafür ist allein die Bevölkerung.

Nun argumentieren Politiker oft, dass die Menschen gar nicht wüssten, was gut für sie ist.

Wenn die Regierung den Ausstieg aus der Atomenergie jetzt nicht forciert, dann wäre das international ein verheerendes Signal. Und zwar nicht nur in Sachen Energiemix, sondern auch in politischer Hinsicht: Eines der demokratischsten Länder der Welt hätte eine Regierung, die die Meinung der Bevölkerung missachtete. Stellen Sie sich das vor dem Hintergrund der Tatsache vor, dass Menschen in vielen Ländern der Welt für demokratische Grundrechte noch heute ihr Leben aufs Spiel setzen.

Wenn Deutschland allein aussteigt, wird die Welt nicht besser.

Die Regierungen der großen Industrienationen spielen Poker. Sie warten darauf, wer den ersten Schritt tut – wie auf dem Klimagipfel in Kopenhagen. Da hat Deutschland seine internationale Führungsrolle in Sachen Klimaschutz aufgegeben. Statt zu pokern, hätte Angela Merkel die EU gleich an die Spitze der Bewegung führen sollen mit der Verpflichtung, den CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2020 ohne Bedingungen um 30 Prozent zu verringern. Dann hätte sich international mehr Druck aufgebaut

Das soll sie jetzt mit dem Ausstieg aus der Atomenergie nachholen?

Wenn Deutschland die erneuerbaren Energien jetzt ausbaut, dann wird andere Länder die Sorge umtreiben, am Ende den Konkurrenzkampf um die besten Umwelttechnologien zu verlieren. Das Rennen um die Zukunft wird ein grünes Rennen werden. Übrigens wissen das auch die Chinesen. Sie werden riesige Summen in die Technologie für erneuerbare Energien investieren.

Hat die atomare Katastrophe in Japan eigentlich die Agenda von Greenpeace verändert?

Nein, hat sie nicht. Wir kommen ja aus der Anti-Atom-Bewegung, anfänglich mit einem starken Fokus auf Abrüstung. Wir sagen seit Jahren, dass Atomenergie nicht nur zu teuer ist, sondern auch nicht beherrschbar und dass darüber hinaus ihr Beitrag zum Klimaschutz völlig überschätzt wird.

Trotzdem hilft sie den Regierungen, die Klimaziele zu erreichen.

Atomkraft verträgt sich nicht mit erneuerbaren Energien. Sie steht ihnen schlicht im Weg, indem Atomstrom die Netze verstopft und Windstrom aussperrt. Atom- und Kohlekraftwerke lassen sich nicht kurzfristig rauf- und runterfahren, wenn Wind- und Solarenergie steigen oder abnehmen. Zudem lassen sich gar nicht so viele Atomkraftwerke zügig bauen, wie der Klimaschutz erfordern würde. Das Klima verändert sich nicht stärker, wenn wir auf Atomenergie verzichten.

Wenn man den Ausstieg so radikal macht, wie Sie es fordern, dann schon. Wie wollen Sie sonst den Übergang zu einem anderen Energiemix hinbekommen?

Wir sind kompromissbereit. In unserem Ausstiegsplan für Deutschland setzen wir zwischenzeitlich auf Gas. Gaskraftwerke lassen sich flexibel einsetzen. Auch wenn wir natürlich langfristig gegen fossile Energieformen sind. Aber Gas ist die bessere Übergangslösung.

Die deutsche Bundesregierung setzt auch auf Kohle. Langfristig will sie das bei der Verbrennung entstehende CO2 unter die Erde verpressen.

Aber das käme zu spät. Und es gibt bis heute keine Garantie dafür, dass diese Technologie wirklich funktioniert – eine teure Wette auf die Zukunft. Stellen Sie sich vor, die Subventionen für fossile und atomare Energie würden für die Entwicklung von erneuerbaren Energien ausgegeben, …

… die stark gefördert werden.

Aber nicht so sehr wie die umweltschädlichen Branchen. Seit 1950 hat der deutsche Steuerzahler Kohle mit 330 Milliarden Euro und Atom mit 200 Milliarden Euro finanziert. Für die erneuerbaren Energien gab es nur 39 Milliarden.

Greenpeace wurde vor 40 Jahren gegründet. Grün ist die Organisation mehr denn je. Aber was ist aus dem zweiten Teil des Namens geworden?

Green und Peace – diese Worte gehören heute mehr denn je zusammen. Frieden wird es in der Welt auf Dauer nur geben, wenn wir die Ressourcen schonen. Ansonsten werden Kriege geführt. In Darfur sterben die Menschen für Wasser. Solche Konflikte werden mit dem Klimawandel zunehmen. Das sagen übrigens auch ranghohe Mitarbeiter des amerikanischen Verteidigungsministeriums und der CIA: Die größte Bedrohung für den Frieden wird vom Klimawandel ausgehen.

Wind, Wasser, Sonne, Biomasse – welche Energiequelle fasziniert Sie am meisten?

Oh, die Sonne natürlich. Afrika ist meine Heimat. Der ganze Kontinent hat ein riesiges Potential für Sonnenenergie. Aber nicht einmal ein Prozent davon wird richtig genutzt. Weltweit haben 1,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Strom. Die große Mehrheit dieser Menschen lebt in Ländern, wo die Sonne permanent scheint. Es wäre leicht, ihre Lage zu verändern. Es brauchte nur ein paar Solarzellen.

Sie haben Ihr Leben lang gekämpft. Erst gegen die Apartheid in Südafrika, jetzt gegen den Klimawandel. Warum eigentlich?

In den Kampf gegen Apartheid bin ich im Alter von 15 Jahren hineingeraten nach dem Selbstmord meiner Mutter. Viele von meinen Freunden, die damals mit mir gekämpft haben, sind heute nicht mehr am Leben, allen voran mein bester Freund aus dem gleichen Township wie ich. Im Exil in Oxford erreichte mich die Nachricht von seinem Tod. Er war so brutal ermordet worden, dass seine Eltern ihn nicht erkannten. Seither denke ich, dass die Zeit, die ich lebe, eine geliehene Zeit ist. Es hätte mich genauso treffen können.

Und deshalb machen Sie immer weiter?

In gewisser Weise schon. Aber es ist nicht so, als würde ich mich aufopfern. Ich bekomme meinen Einsatz tausendfach zurück.

Das Gespräch führte Inge Kloepfer

Quelle: F.A.Z.
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