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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Fukushima Die höchste, aber nicht die letzte Stufe

 ·  Die japanische Atombehörde hat das Atomunglück von Fukushima auf Stufe 7 hochgestuft. Dabei sind die Werte seit Tagen rückläufig. Endgültig ist die neue Einstufung des Reaktorunfalls nicht.

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Die Hochstufung des Atomunglücks in Fukushima zum „Katastrophalen Unfall“ - Stufe 7 auf der international gültigen Skala - hatte mancher externe Experte viel früher erwartet. Dass sie gerade jetzt kam, war für die Wissenschaftler umso überraschender. Denn die Radioaktivitätswerte rund um den Reaktor und im weiteren Umkreis, in den Lebensmitteln wie im Trinkwasser, waren seit vielen Tagen eher rückläufig gewesen. Und den Kühlnotstand in den Reaktorgebäuden schien man allmählich in den Griff zu bekommen. Jedenfalls gab die Internationale Atomenergiebehörde IAEA noch kurz vor Bekanntwerden der Hochstufung zu Protokoll, dass sich die Lage auf dem Kraftwerksgelände „allmählich stabilisiert“.

Die „World Nuclear Association“, die internationale Gesellschaft der Kernkraftwerksbetreiber also, ließ es sich nicht einmal nach der Heraufsetzung in die höchste Alarmstufe nehmen, auf die bisherige Opferbilanz hinzuweisen, die so gar nicht zu der Eskalation passen wollte: „Bis jetzt sind drei Arbeiter durch die direkte Einwirkung des Erdbebens und des Tsunamis ums Leben gekommen und niemand durch die Einwirkung der Strahlung. Es wird kein messbarer Effekt erwartet, der die allgemeine Bevölkerung betrifft.“

Entscheidend für die Neubewertung, so erklärte es die japanische Nationale Atomsicherheitsbehörde Nisa zuvor, seien neue Analysen von älteren Radioaktivitätsmessungen und Hochrechnungen gewesen. Diese neuen Daten hätten auch zu der am Vortag verkündeten Ausweitung der Evakuierungszone geführt.

„Zehntausenden von Terabequerel“

Entscheidend für die Einordnung in der siebenstufigen internationalen Gefährdungsskala „Ines“ - International Nuclear Event Scale - ist ein umfassender Kriterienkatalog, der nach dem Tschernobyl-Unglück im Jahr 1992 von der Atomenergiebehörde aufgestellt worden war. Dabei geht es zum einen um die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt - ob es also zu einer Freisetzung und Strahlenexposition in der Umgebung des havarierten Kraftwerkes gekommen ist. Zum anderen richtet sich die Höhe der Einstufung nach den Schäden in der Anlage selbst und nach den Mengen an radioaktiven Substanzen, die freigesetzt wurden, sowie nach dem Zustand der Sicherheitsvorkehrungen.

Einige dieser Kriterien hätten die höchste Einstufung längst erfüllt. Weil sich beim japanischen Kraftwerksbetreiber Tepco oder den Sicherheitsbehörden aber niemand so recht festlegen wollte, wie viel Radioaktivität tatsächlich in den ersten Tagen und Wochen ausgetreten war, erhielt man die am 18. März festgelegte Einordnung auf Stufe 5 (“Ernster Unfall“) lange aufrecht.

Bis zum Dienstag: In einer Erklärung der japanischen Regierung hieß es nun, dass „aufgrund von Informationen, die nach dem 18. März eingetroffen sind, vorläufig auf Stufe 7 erhöht wird“. Grundlage sind zwei neue Gutachten zur Freisetzung von Radioaktivität aus den havarierten Reaktorblöcken und Abklingbecken. Demnach werde die im Ines-Kriterienkatalog gesetzte Schwelle von „Zehntausenden von Terabequerel“ entwichene Strahlungsmenge klar überschritten. Bequerel ist die Maßeinheit für den radioaktiven Zerfall. Ein Bequerel entspricht einer Kernspaltung. Die nationale Atomsicherheitsbehörde Nisa und die Reaktorsicherheitskommission NSP hatten unabhängig voneinander Modelle entwickelt, die auf Basis der Messwerte an den und rund um die Reaktoren die Gesamtstrahlenmenge ermitteln sollten. Die Ergebnisse weichen zwar insbesondere beim Austritt von radioaktiven Cäsium-137-Nukliden bis zu einem Faktor zwei voneinander ab, aber insgesamt lagen die Werte deutlich über dem von „Ines“ vorgegebenen Limit. Für Jod-131 wurden bis zu 150 000 Terabequerel und für Cäsium-137 bis zu 12.000 Terabequerel ermittelt.

„Signifikant durch den Unfall betroffen“

Die ausgetretenen Radioaktivitätsmengen während des Tschernobyl-Unglücks vor 25 Jahren waren zwar zehnmal so hoch wie jetzt in Fukushima. Aber der japanische Atomunfall war damit endgültig auf derselben Gefährdungsstufe angekommen. Dabei ist eigentlich noch lange nicht klar, wie es zu der massiven Freisetzung an Radioaktivität gekommen ist, woher genau das zumeist kurzlebige Jodisotop-131 und das Cäsium mit einer längeren Halbwertszeit von gut 30 Jahren gekommen sind. Offiziell wird von „mehreren Ereignissen“ gesprochen, die zum Austritt der Spaltprodukte führten.

An den in der Präfektur Fukushima ermittelten Werten lässt sich zeigen, dass es insbesondere kurz vor dem 15. März zu einem solchen Ereignis gekommen sein musste - vier bis fünf Tage also nachdem eine fünfzehn Meter hohe Tsunamiwelle die Anlage bis zu fünf Meter unter Wasser und die Kühlaggregate in den Reaktoren zum Ausfall gebracht hatte. An dem Tag wurde auch die nordwestlich und vor allem außerhalb der anfangs eingerichteten 20-Kilometer-Evakuierungszone liegende Stadt Iitate mit frisch ausgetretenen Radionukliden verseucht. Woher diese Kontamination rührte, ist nach wie vor nicht bekannt. Sie soll aber nach Angaben der japanischen Behörden das „einzige Gebiet“ weit jenseits des Reaktorgeländes sein, das „signifikant durch den Unfall betroffen“ sei. Bis zu 45 Microsievert pro Stunde, ein Vielfaches der natürlichen Hintergrundstrahlung, waren in Iitate gemessen worden.

Radioaktivität sukzessive zurückgegangen

Die im Boden und in der Luft gemessene Radioaktivität ist seitdem in nahezu allen vermessenen Präfekturen um das Reaktorgelände sukzessive zurückgegangen - was vor allem auf den vergleichsweise schnellen Zerfall des ausgetretenen, leicht flüchtigen Jod-131 zurückzuführen ist. Inzwischen liegen die Messwerte im Schnitt bei einem Zehntel der anfänglichen Strahlenmengen.

Die Internationale Atomenergiebehörde hat deshalb auch noch einmal betont, dass sich die Einstufung des Reaktorunfalls noch einmal ändern könnte - „wenn weitere Informationen verfügbar werden“, so hieß es gestern. Eine Rückstufung der Gefährdungssituation wird nicht ausgeschlossen. Allerdings rechnet man auch von offizieller Seite noch mit einem weiteren Austritt von radioaktivem Material in die Umgebung in den nächsten Tagen und Wochen.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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