Home
http://www.faz.net/-h00-c4p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Frankreich Wenn die Ausstiegslust wächst

Der deutsche Atomausstieg setzt die französische Regierung unter Druck. Eine Mehrheit der Franzosen befürwortet inzwischen, die Abhängigkeit von der Nuklearenergie zu verringern. Präsident Sarkozy hat sich aber schon klar für die Nuklearindustrie entschieden.

© AFP Vergrößern Ende April fand eine französisch-deutsche Demonstration gegen das französische Atomkraftwerk in Fessenheim statt

Frankreich reagiert nervös auf den deutschen Atomausstieg. Während der bedingungslose Rückhalt der Franzosen für die Nuklearenergie bröckelt, fühlt sich ihre Regierung durch den energiepolitischen Alleingang der Bundesregierung herausgefordert. Energieminister Eric Besson hat am Montag eine Dringlichkeitssitzung der EU-Energieminister verlangt, um über die Folgen der deutschen Entscheidung für die europäische Energiepolitik zu beraten. Er werde den für Energie zuständigen EU-Kommissar Günther Oettinger noch am Montag bitten, ein solches Treffen zu organisieren, sagte Besson im Fernsehsender LCI. Er bemängelte, dass sich die Bundesregierung bislang nicht mit den europäischen Partnern abgestimmt habe. Die Abschaltung der deutschen Altmeiler werde Auswirkungen auf ganz Europa haben.

Michaela Wiegel Folgen:    

Frankreich richtet sich auf mögliche Energieengpässe in diesem Sommer ein. Weil die französische Energiebranche jahrelang die Modernisierung der Anlagen und des Leitungsnetzes hinausgezögert hat, um im Ausland expandieren zu können, kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Versorgungsengpässen etwa in der Bretagne und in Teilen der Provence. Zu Stoßzeiten wurde deshalb Strom aus Deutschland importiert. Dies wird nach der Abschaltung der deutschen Altmeiler nicht mehr möglich sein. Frankreich importierte im vergangenen Jahr 16,1 Terrawattstunden Strom aus Deutschland und exportierte 9,4 Terrawattstunden.

Mehr zum Thema

Der deutsche Atomausstieg setzt die französische Regierung aber auch innenpolitisch unter Druck. Eine Mehrheit der Franzosen befürwortet inzwischen, die Abhängigkeit von der Nuklearenergie zu verringern. Die 58 Kernkraftwerke liefern drei Viertel des verbrauchten Stroms in Frankreich. 62 Prozent sprechen sich nach einer jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop für einen Atomausstieg innerhalb der kommenden 25 bis 30 Jahre aus. 15 Prozent wollen einen schnelleren Ausstieg. Die Energiefrage dürfte eines der wichtigen Themen der Präsidentenwahlen sein, die im Frühjahr 2012 entschieden werden. Präsident Nicolas Sarkozy hat sich klar für einen Ausbau der „klimafreundlichen“ und höchsten Sicherheitsstandards genügenden Nuklearindustrie entschieden.

fessenheim © dapd Vergrößern Fessenheim im Elsass, in unmittelbarer Nähe zur deutschen Grenze

Er reiste als erster ausländischer Staatschef nach der Fukushima-Katastrophe nach Tokio und nutzte den G-8-Gipfel in Deauville, um für verstärkte Sicherheitsauflagen der Nuklearanlagen zu werben. Sarkozy befürchtet dennoch, dass die deutsche Strategie Nachahmer in Europa finden könnte. Deshalb lässt er die Generaldirektorin des staatlichen Atomkonzerns Areva, Anne Lauvergeon, öffentlich Kritik an der „isolierten Entscheidung“ der Bundesregierung üben. Deutschland gefährde die Klimaschutzziele der EU. „Deutschland wird Strom aus Ländern mit Atomprogrammen importieren müssen – wo ist da die Logik?“, fragte Frau Lauvergeon im „Journal du Dimanche“.

Umweltpartei nimmt Ausstieg zum Vorbild

Als Vorbild gilt der deutsche Atomausstieg hingegen bei der Umweltpartei „Europa Ökologie Die Grünen“, die am Wochenende die Atomkraftgegnerin Cécile Duflot an ihrer Spitze bestätigte. Frau Duflot wirbt für ein Referendum über die Nuklearenergie und möchte den Atomausstieg zur Vorbedingung für ein Regierungsprogramm mit den Sozialisten machen. Bei den Vorwahlen tritt Frau Duflot jedoch nicht an. Die Favoriten für die Präsidentschaftskandidatur sind die frühere Untersuchungsrichterin Eva Joly und der Fernsehmoderator Nicolas Hulot. Dieser hat für seine Stiftung lange Finanzmittel vom staatlichen Elektrizitätsunternehmen EDF angenommen, will aber unter dem Eindruck des Fukushima-Unfalls endgültig von der Atomenergie abgekehrt sein. Frau Joly wirbt seit langem für einen schrittweisen Ausstieg aus der Nuklearenergie.

In der Sozialistischen Partei herrscht dagegen Uneinigkeit über die Energiepolitik. Die Parteivorsitzende Martine Aubry sagte bei der Vorstellung des Präsidentschaftsprojektes, sie hätte sich „persönlich“ gewünscht, dass sich die Partei den Atomausstieg ins Programm schreibe. Doch darüber sei bis zuletzt kontrovers diskutiert worden. Der frühere sozialistische Parteichef François Hollande, der bei den sozialistischen Vorwahlen antritt, verteidigt hingegen das Nuklearprogramm als Garant für die energiepolitische Unabhängigkeit Frankreichs. Er lehnte es ab, sich von „Europa Ökologie Die Grünen“ eine neue Strategie aufzwängen zu lassen.

Das letzte linke Regierungsbündnis unter Premierminister Lionel Jospin (1998 bis 2002) hatte den Konsens über die Nuklearenergie nicht in Frage gestellt, auch als die rot-grüne Koalition in Berlin über den Atomausstieg verhandelte. Die Grünen-Vorsitzende Duflot hofft nun, dass sich das Machtverhältnis im linken Lager zugunsten ihrer Partei verschieben könnte und ein Atomausstieg durchzusetzen sei: „Unsere Stärke ist, dass wir nicht schauen, woher unsere Anhänger kommen, sondern verstehen, was sie anstreben.“

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Reaktionen auf Syriza-Sieg Ein neues Kapitel für Europa

In Frankreich ist der Sieg der griechischen Syriza-Partei sowohl im linken als auch im rechten Lager begeistert begrüßt worden – mit durchaus ähnlich klingenden Argumenten. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

26.01.2015, 12:14 Uhr | Politik
"Kate-Effekt" beflügelt Mode-Industrie

Für einen Designer muss es wie Traum sein, wenn die Herzogin von Cambridge eine seiner Kreationen trägt. Genau so war es für Cecile Reinaud der Marke Seraphine, als Kate dieses Kleid für das erste offizielle Familienfoto trug. Mehr

06.08.2014, 17:23 Uhr | Wirtschaft
Frankreich Prozess um L’Oréal-Milliardärin Bettencourt beginnt

In Bordeaux hat der Prozess um die L’Oréal-Milliardärin Liliane Bettencourt begonnen. Vorgeworfen wird unter anderen dem einstigen Vertrauten Nicolas Sarkozys, Eric Woerth, die alte Dame um mehrere hundert Millionen Euro betrogen zu haben. Mehr

26.01.2015, 10:24 Uhr | Politik
Berlin Start der Grünen Woche

Zum 80. Mal startet in Berlin die Grüne Woche. Die Ausstellung ist die weltgrößte Messe für Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau. Mehr als 1600 Aussteller präsentieren ihre Produkte Mehr

15.01.2015, 10:39 Uhr | Wirtschaft
Nach den Anschlägen in Paris Gegen vier Männer wird ermittelt

Vier mutmaßliche Helfer des Pariser Attentäters Amedy Coulibaly sollen ihn mit Waffen und Fahrzeugen versorgt haben. Acht Verdächtige wurden derweil wieder freigelassen und ein Franzose wird aus Bulgarien ausgeliefert. Mehr

21.01.2015, 16:20 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.06.2011, 17:31 Uhr

Dortmund macht’s spannend

Von Peter Penders

Die Bundesliga ist durch die Dominanz der Bayern langweilig? Ganz und gar nicht. Spannend ist es von Platz zwei bis achtzehn. In dieser Hinsicht ist der Absturz von Borussia Dortmund ein Segen. Mehr 2

Wiener Kuchenimperium Cupcakes müssen nicht süß sein

Die österreichische Küche ist berühmt für ihre Süßspeisen wie Kaiserschmarrn oder Sacher-Torte. Doch ausgerechnet mit Cupcakes hat die Wienerin Renate Gruber in kurzer Zeit ein kleines Kuchenimperium aufgebaut – inklusive mehrerer Filialen, Backkursen und fast 40.000 Facebook-Fans. Mehr 2

Fahrbericht Fiat Panda Cross Spielmobil für Erwachsene

Und noch eine Version vom Panda. Fiats Kleinster als Cross zwischen Witzfigur und Waldkauz. Er kann kraxeln und knurren, mehr Kraft vom Diesel wäre schön. Mehr Von Wolfgang Peters

Anwesenheitspflicht an Unis Theoretisch abgeschafft

Seit diesem Wintersemester gibt es an den Hochschulen in NRW keine Anwesenheitspflicht mehr. Der Asta der Uni Münster kritisiert nun: Manche Professoren kontrollieren trotzdem. Das sorgt für Ärger. Mehr 5

Shakira und Piqué Zweiter Sohn geboren – und schon Barca-Mitglied

Das Baby von Shakira und Gerard Piqué hat bereits eine Fußball-Konfession, die kleine North West könnte ein Geschwisterchen namens South West bekommen, undden Körper von Judi Dench ziert vielleicht bald ein besonderes Symbol – der Smalltalk. Mehr 11