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Frankreich Atomstrom gar nicht so günstig

Selbst der Energiekonzern EdF vermutet, dass der Staat die Strompreise niedrig hält. Sarkozy fürchtet eine Debatte über steigende Preis im Wahlkampf. Die Kernkraftgegner fühlen sich bestätigt.

© Reuters Vergrößern Teuer: Die Wiederaufbereitungsanlage La Hague

Die Strompreise in Frankreich gehören zu den niedrigsten in Europa. Der jüngste Vergleich von Eurostat zeigt, dass die französischen Haushalte 12,5 Cent je Kilowattstunde bezahlen, während die Deutschen auf 23,7 Cent kommen. Liegt das tatsächlich an den vielen Kernkraftwerken, wie deren Befürworter sagen? Frankreichs Strom wird zu rund 80 Prozent in den 58 Nuklearreaktoren des Landes erzeugt – soviel wie nirgendwo sonst auf der Welt. Mit einem Durchschnittsalter von 23 Jahren sind die Kraftwerke zum großen Teil abgeschrieben. Doch das Kalkül vom billigen Atomstrom wird zunehmend in Frage gestellt.

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Ausgerechnet der staatliche Stromproduzent Electricité de France (EdF) hat starke Zweifel an der Rechnung angemeldet. Denn seiner Ansicht nach hält die Regierung den Strompreis zu niedrig, so dass EdF nicht auf seine Kosten komme. Unter dem Druck der EU-Kommission hat das französische Parlament im vergangenen November eine Reform des Energiemarktes beschlossen. Der ehemalige Monopolist soll nicht zerschlagen, sondern gezwungen werden, vom 1. Juli 2011 an 25 Prozent seines Nuklearstroms zum Selbstkostenpreis an die Wettbewerber zu verkaufen.

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Doch wo liegt der Selbstkostenpreis? EdF behauptet bei 4,2 Cent je Kilowattstunde, Wettbewerber wie GdF Suez fordern dagegen 3,5 Cent – jenes Niveau, das EdF für seinen staatlichen Endkundentarif heute zugrunde legt. Die Regierung lässt sich mit ihrer Entscheidung auffallend viel Zeit. Die EdF-Konkurrenten fürchten bereits, dass Präsident Nicolas Sarkozy das Thema auf die lange Bank schiebt, um im Präsidentschaftswahlkampf 2012 eine Debatte über steigende Stromkosten zu vermeiden. EdF dringt auf eine kräftige Anhebung der Strompreise, um die Kosten für die Instandhaltung seines Kraftwerkparks zu decken. Sarkozy könnte lieber einen Streit mit den Wettbewerbshütern der EU-Kommission in Kauf nehmen, als sich den Unmut der Wähler zuzuziehen, vermuten politische Beobachter.

Die Atomkraftgegner machen sich unterdessen die EdF-Argumentation zu eigen und unterstreichen, dass die niedrigen Strompreise nie die wahren Kosten der Nuklearenergie abgedeckt hätten. Dafür spricht vieles. Einen Großteil der Kosten hat immer der Staat übernommen, vor allem für die Forschungsarbeiten des staatlichen Atomenergiekommissariats CEA. Die Behörde hat entscheidend an der Geburt und Entwicklung des französischen Atomprogramms mitgewirkt.

Nach Angaben des Autors Bruno Barrillot, einem Atomkraftgegner, hat das CEA zwischen 1946 und 1992 Subventionen von 308 Milliarden Franc (rund 51 Milliarden Euro) für die zivile Nuklearforschung erhalten. Die Atomindustrie bekam die Forschungsergebnisse weitgehend kostenlos überreicht, baute die Kraftwerke und schrieb diese über die Jahre ab. EdF weist indes daraufhin, dass das Unternehmen heute mit einem Budget von 486 Millionen Euro erhebliche Forschungsanstrengungen selbst finanziere. EdF unterstütze umgekehrt das CEA oder andere Einrichtungen wie das internationale Materials Ageing Institute, sagt eine Unternehmenssprecherin.

Teures Gesetz

Strittig ist zudem die Frage, ob die Nuklearindustrie genügend finanziell vorsorgt für die Entsorgung des Atommülls und den Abbau der Kraftwerke. Schon die Kostenschätzung spaltet die Fachleute. Frankreich testet seit Jahren eine Endlagerstätte beim Örtchen Bure in Lothringen. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, doch könnte dort das erste französische Endlager entstehen. Die ursprünglich geschätzten Kosten werden sich nach Meinung vieler Experten von 15 auf 35 Milliarden Euro erhöhen.

Denn vor einigen Jahren entschieden die französischen Parlamentarier, dass es möglich sein soll, den Atommüll in Zukunft wieder an die Oberfläche zu holen. Dies verteuert die Technik. Im vergangenen Oktober hat sich EDF-Chef Henri Proglio schon über die explodierenden Kosten beschwert. Ein hoher Beamter ließ sich in der französischen Presse aber mit den Worten zitieren: „Das ist eine Frage der Sicherheit, nicht der Finanzen“.

Nach dem Gesetz müssen alle wichtigen Akteure der französische Nuklearindustrie Rückstellungen für den Atommüll und den Kraftwerksabbau bilden: der staatliche Kraftwerkskonstrukteur Areva unter anderem für seine Wiederaufarbeitungsanlage La Hague, das CEA, EdF und das Militär für die nuklearen Waffen. EdF wird vorgeschrieben, 17,9 Milliarden Euro zurückzustellen: 6,5 Milliarden Euro für die Lagerung des Atommülls, den Rest für den Kraftwerksabbau.

Kostenschätzungen immer überschritten

Die Frist zum Erreichen dieser Rückstellungen wurde kürzlich von 2011 auf 2016 verlängert. Jedes Jahr zahlt EdF in einen speziellen Fonds ein. Anfang des Jahres übertrug der Stromkonzern die Hälfte seiner Aktien an der staatlichen Stromübertragungsgesellschaft RTE auf diesen Fonds. Das stieß bei Umweltschützern auf Kritik, denn sie fragten sich, ob die Aktien verkaufbar seien, wenn EdF das Geld eines Tages brauche. RTE soll nach der bisherigen Strategie staatlich bleiben, von Privatisierungsplänen ist nichts bekannt.

„Auf jeden Fall sind die Rückstellungen viel zu niedrig“, meint Maryse Arditi, Energieexpertin von der Organisation France Natur Environnement. „Rund 1 Milliarde Euro je Reaktor erscheint mir realistischer“, meint sie. Das wären rund 58 Milliarden Euro anstatt der heute vorgeschriebenen 17,9 Milliarden Euro. Die Erfahrungen mit den von EdF schon teilweise abgebauten Anlagen zeigten, dass die Kostenschätzungen immer überschritten würden. Dies bestätigt der französische Rechungshof. Der Abbau des vor 25 Jahren stillgelegten Reaktors von Brennilis in der Bretagne ist vom französischen Staatsrat 2007 angehalten worden, um eine gründliche Untersuchung vorzunehmen. Der Grund: Man weiß nicht, wohin mit den am stärksten verstrahlten Teilen.

Quelle: F.A.Z.

 
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