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Energiewirtschaft Frau Müller in heikler Mission

 ·  Die vier Atomkonzerne sind mit den Stadtwerken heillos zerstritten. Aber alle sitzen im selben Verband. Das kann nicht gutgehen. Hildegard Müller, die Geschäftsführerin, bekommt das schon zu spüren.

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Ein Verbandschef ist noch nie für die Klarheit seiner Gedanken bezahlt worden. Niemand käme auf die Idee, ihn des Einsatzes für die Wahrheit zu verdächtigen. Lobbyorganisationen haben die Interessen ihrer Mitglieder durchzusetzen. So einfach ist es - in der Theorie: Denn was, wenn die Interessen der Mitglieder, die den Verband bezahlen, heterogen sind - um nicht zu sagen: komplett widersprüchlich?

Hildegard Müller steckt in exakt dieser Falle. Als Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat die ehemalige CDU-Politikerin zusammenzuhalten, was nur auf den ersten Blick zusammengehört. In der Energiebranche streitet Groß gegen Klein, die Atomkonzerne gegen die kommunalen Stadtwerke, die sich als grüner Motor der Energiewende präsentieren.

In der Atomfrage raufen sie innerhalb des Verbandes mindestens so erbittert, wie die Protagonisten in Talk-Shows und an den Stammtischen der Republik. „Atomkraft, nein danke!“, rufen mit den Stadtwerken all jene, die ihr Geld mit Gas- und Ökoanlagen verdienen.

Chance statt Qual

Die AKW-Betreiber dagegen kostet ein Ausstieg Milliarden, entsprechend zäh kämpfen sie um jede Minute Laufzeit. Und mittendrin steht Hildegard Müller, die den Laden zusammenhalten soll. Ihr Job verpflichtet sie dazu, das Gerangel nicht als Qual, sondern als Chance zu sehen. So sagt sie es tatsächlich. Der interne Streit bahne den Weg zum gesellschaftlichen Konsens: „Die Grundidee des Verbandes besteht darin, eine gemeinsame Lösung zu finden für eine Schicksalsfrage des Landes.“ Es gehe ja um viel mehr als um Laufzeiten, predigt Müller, nennt die Stichworte Klimaschutz, Umweltschutz, Stabilität der Netze. „Das ist ein weiter Weg.“ Ein sehr mühsamer obendrein: Denn die wenigen internen Gemeinsamkeiten sind aufgebraucht, seit Müllers Verband - zum allgemeinen Erstaunen - selbst den Atomausstieg verkündet hat (siehe Energieverband BDEW: „Vollständiger Atomausstieg bis 2020“).

Im Jahr 2020, spätestens 2023, soll Schluss sein mit der Atomkraft. Fukushima habe alles verändert, so begründet der BDEW-Vorstand die radikale Wende, welche die wichtigsten Mitglieder aufgebracht hat. „Es war richtig und wichtig, vier Wochen nach Fukushima die eigene Sprachfähigkeit zu gewinnen“, verteidigt sich Hildegard Müller, „auch wenn darum hart gerungen wurde.“ Von der Politik, die nicht schnell genug ergrünen kann, erntete sie dafür viel Lob. Von den zahlungskräftigsten Mitgliedern eher weniger. Als „grundsätzlich falsch“ tadeln RWE und Eon den Beschluss, und Manager toben, dass die eigene Truppe sie verraten habe, ohne Not, im vorauseilenden Gehorsam gegenüber der Politik: „Kein Verband der Welt hat je so die Regierung angebettelt, das Vermögen seiner Mitgliedsfirmen zu vernichten.“

Auf der Suche nach dem Mehrheitswillen

Von einer Zerreißprobe ist die Rede, in der ersten Wut wurden gar Gedanken an eine Abspaltung der Großkonzerne ventiliert. Alles halb so wild, beteuert dagegen Hauptgeschäftsführerin Müller: „Mir gegenüber hat niemand mit Ausstieg gedroht. Eine Spaltung des Verbandes ist kein Thema.“ Und was sonst an Gehässigkeiten zu hören ist, verbucht sie als das übliche Grundrauschen in der Hauptstadt: „So sind nun mal die Mechanismen im politischen Geschäft. Nicht schön, aber auch nicht dramatisch.“ Schließlich habe eine überwältigende Mehrheit im Verband für den Atomausstieg 2020 gestimmt: 22 zu 4 ging die Abstimmung aus. Dagegen votierten RWE, Eon und Vattenfall, die vierte Nein-Stimme kam von „Bayerngas“ - der Versorger wäre gerne noch früher ausgestiegen, was die Gemengelage illustriert.

Groß geworden in der CDU, einer Volkspartei mit ebenfalls stark diffundierenden Ansichten, hat Hildegard Müller eine gewisse Übung darin, passend zu machen, was nicht so recht zusammenpasst. Wofür aber steht sie selbst? „Gute Frage“, spottet ein Energiemanager. Zwangsläufig bewegt sich die Verbandschefin irgendwo moderierend dazwischen, in 180 BDEW-Gremien den Mehrheitswillen ertastend.

Fast ein Drittel der Stimmrechte in der Hand der Großkonzerne

Mal neigt sie zu der einen Seite, mal zu der anderen: Im vorigen Sommer setzte sie sich mit den Großen für die Laufzeitverlängerung ein, sehr zum Verdruss der Kleinen, die sich ungebührend behandelt fühlten und Anzeigen gegen das siegreiche Quartett schalteten. Wie stets spielen die Stadtwerke nun die Karte: „Böses Oligopol schröpft den Stromkunden“. Die vier Atomkonzerne, die den Verband zu 30 Prozent finanzieren und 30 Prozent der Stimmrechte haben, schmähen im Gegenzug die kommunalen Anbieter als hemmungslose Subventionsabgreifer. Darüber hinaus werden im Atomkonflikt auch persönliche Rechnungen beglichen, einiges an Animositäten hat sich aufgestaut in der noch jungen Geschichte des BDEW: Ganze vier Jahre ist es her, dass sich eine Handvoll Verbände zu einer Organisation zusammengeschlossen hat.

Mehr Durchschlagskraft und 20 Prozent weniger Kosten waren das Ziel, auch wenn es mühsam war, die 1800 Mitglieder in den vertrackt konstruierten Großverband zu zwängen. Sie reichen von A wie Abwasserbetrieb der Stadt Goch bis S wie die Stadtwerke Löbau in Sachsen. „Diese Fusion ist in der deutschen Verbändewirtschaft ohne Beispiel“, bejubelten sich die Gründer damals selbst, obwohl die Vorarbeiten „durchaus komplex“ waren, wie man eingestand. Das war stark untertrieben angesichts des holprigen Starts.

Offenkundig wurde dies bei der Suche nach einem würdigen Repräsentanten für die Energiebranche. Schon damals verlief die Frontlinie zwischen Groß und Klein: Die Konzerne wollten den ehemaligen McKinsey-Chef Jürgen Kluge als neues Gesicht der Branche verpflichten, eine starke Persönlichkeit, vernetzt in Politik wie Wirtschaft. Das von dem Berater geforderte Millionensalär, weit jenseits der üblichen Verbandsgehälter, hätte RWE-Chef Jürgen Großmann notfalls vorgestreckt, irgendwie.

Kanzlerinnennähe als Sprungbrett

Allein: Kluge war bei den Chefs der Stadtwerke nicht durchzusetzen, weder sein Gehalt noch der von ihm geforderte Rang als hauptamtlicher Präsident. Dagegen muckten die Kleinen auf, sie wollten einen dienenden Geschäftsführer. Jürgen Kluge zog sich daraufhin zurück: „Der Plan der Großen, dem Verband eine klare strategische Ausrichtung und ein Gesicht nach außen zu geben, wurde von den Kleineren torpediert“, sagte er im Sommer 2008. Inzwischen steht der ehemalige McKinsey-Mann in Diensten des Familienkonzerns Haniel in Duisburg und ist in diesen Tagen froh, dass die Aufgabe an ihm vorübergegangen ist.

So trommelt nun eine Frau aus der Politik für die Energiebranche: Hildegard Müller, Jahrgang 1967, Betriebswirtin mit Bankerfahrung, ehemals Vorsitzende der Jungen Union, heute Mutter, die zwischen Heidelberg und Berlin pendelt. Bekannt wurde sie einst als Kanzleramtsministerin. Der Anekdoten von Angela Merkels „Girls' Camp“ ist sie längst überdrüssig, auch wenn die Nähe zur Bundeskanzlerin sie für alles Mögliche qualifiziert, angeblich auch für die Geschäftsführung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). So schreibt das „Manager Magazin“, das Müller als Nachfolgerin für den über die Brüderle-Protokoll-Affäre gestrauchelten Werner Schnappauf ins Gespräch brachte.

Hildegard Müller möchte sich dazu nicht äußern, sie betont nur, wie glücklich sie doch sei auf ihrem gegenwärtigen Posten und in ihrem Leben jenseits der Politik: „Ich habe den Wechsel nie bereut. Es ist eine unglaublich spannende Herausforderung, an einem so wichtigen Konzept für den Standort Deutschland mitzuwirken.“

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Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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