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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Energieversorgung Nicht bei mir

 ·  Theoretisch hat das japanische Beben den Widerstand gegen erneuerbare Energien zum Einsturz gebracht. Praktisch bildet sich, wenn es ernst wird, vielerorts eine größtmögliche Dagegen-Koalition. Die Angst vor den Wutbürgern sitzt bei den Politikern inzwischen tief.

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Die Verhandlungen über einen neuen Energiekonsens haben kaum begonnen, da sind sich auch schon alle einig. Nicht bei mir, so lautet die überparteiliche Devise. Der Kieler CDU-Ministerpräsident möchte kein Kohlendioxid in die holsteinische Scholle pressen, sein niedersächsischer Amtskollege nach Alternativen zum Atomlager Gorleben Ausschau halten jenseits von Niedersachsen. In Hessen will die FDP den Altreaktor Biblis abgeschaltet lassen, die schwarz-rote Regierung des Nachbarlandes Thüringen verlangt Durchleitungsgebühren für Stromtrassen. Ein neues Pumpspeicherwerk im Südschwarzwald stößt vor Ort auf parteiübergreifende Skepsis.

Theoretisch hat das japanische Beben den Widerstand gegen erneuerbare Energien zum Einsturz gebracht. Das böse Wort von der Verspargelung der Landschaft ist verschwunden, vier von fünf Deutschen befürworten in Umfragen neue Windräder und Stromleitungen. Praktisch bildet sich, wenn es ernst wird, vielerorts eine größtmögliche Dagegen-Koalition. Ganz gleich, ob die Wutbürger wirklich so zahlreich sind: Die Angst vor ihnen sitzt bei den Politikern inzwischen tief. Die deutsche Kleinstaaterei vergrößert den Resonanzboden.

Energieversorgung vor der eigenen Haustür weckt Widerstand

Die Stromwende bringt die Energieversorgung wieder vor die eigene Haustür, sagen Experten. Was früher das Holzhacken war und die klappernde Mühle am Bach, das sind heute Windräder auf der Wiese und Solarzellen auf dem Dach. Grüne Ökonomen träumen von lokalen Märkten, Nahversorgung und Autarkie. Auf den portugiesischen Azoren oder im deutschen Harz gibt es dafür Modellprojekte. Aber das wird nicht überall funktionieren, vor allem nicht in Ballungsräumen. Und wenn der neue Stausee nicht mehr den Strom fürs eigene Dorf speichert, sondern für die Frankfurter Bankentürme oder das Berliner Regierungsviertel: Dann wird die Akzeptanz rapide schwinden.

Also schweift der Blick schon jetzt in die Ferne. Windparks in der Nordsee und Solaranlagen in der Sahara sollen den Strom liefern. Norwegische Pumpspeicherwerke bewahren ihn dann auf, bis die deutschen Verbraucher abends ihren Herd anwerfen. All das geschieht in menschenleeren Gegenden, wo mit Protesten kaum zu rechnen ist. Es sind dieselben Weltregionen, die bislang fürs Öl zuständig waren. Immer in der Hoffnung, dass arabische Potentaten das Geld für die solare Energie so krisenfest benötigen wie jetzt die Einnahmen aus ihrem fossilen Gold. Vielleicht wird man französischen Präsidenten eines Tages vorwerfen, sie führten im Norden Afrikas einen Krieg für Strom.

Globales Geschäft

Mit der verheißenen Graswurzelökonomie hat das nicht viel zu tun. Auch die neue Stromversorgung wird ein globales Geschäft sein, das die Tübinger Stadtwerke nicht im Alleingang betreiben. Große Konzerne werden weiterhin eine maßgebliche Rolle spielen. Ganz egal, ob es die trägen alten sind oder ob ihnen neue Player den Rang ablaufen. Nicht nur die Anlagen sind teuer, auch die Leitungen im Meer und die Erdkabel an Land, die wegen der Anwohnerproteste nötig werden.

Die aktuelle Lage erinnert stark an die Frühphase der Debatte um Sozialreformen. Auch wenn es kaum noch jemand weiß: In der späten Regierungszeit von Helmut Kohl war der abstrakte Wunsch nach einem Umbau des Sozialstaats fast so unbestritten wie heute die Energiewende. Erst als es unter Gerhard Schröder konkret wurde und der Fragebogen in die Bedarfsgemeinschaft flatterte, kamen die Proteste. Nicht anders wird es sein, wenn die Bagger für den Staudamm anrücken, der Strompreis steigt oder eine Glühbirne ins Flackern kommt. Da unterscheidet sich die Energiereform nicht von anderen Veränderungsprozessen. Am Anfang ist die Euphorie zu groß, am Ende die Skepsis überzogen. Der Fortschritt bleibt immer eine Schnecke.

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Jahrgang 1969, Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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