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Sonntag, 12. Februar 2012
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Wohnen in Warschau Geschlossene Gesellschaft

20.12.2009 ·  In der polnischen Hauptstadt erfreut sich das „geschlossene Wohnen“ zunehmender Beliebtheit. Ganze Stadtteile werden eingezäunt und Fremden unzugänglich gemacht. Die Kritik an dieser Entwicklung ist groß, die Nachfrage aber auch.

Von Jan Pallokat, Warschau
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Vielerorts in Europa fallen die Grenzen, doch in Polen wird der Schlagbaum noch gebraucht. Rot-weiße Schranken sichern die besseren Wohnquartiere Warschaus. Eines davon ist das Appartement-Viertel "Marina Mokotów" im Südwesten der Hauptstadt. Die Zufahrtstraße in die "Marina" erinnert an Autobahn-Checkpoints: Braune Hinweistafeln leiten Bewohner auf die mittlere, Besucher auf die rechte Spur, wo private Sicherheitsleute in gelben Warnwesten Papiere inspizieren, Autokennzeichen notieren und den Grund des Besuchs erfragen.

Das moderne Wohnviertel gehört zu den teuersten Adressen der Stadt. Rundum umzäunt und abgesichert, ist es ähnlich gut bewacht wie einst das russische Fort, das hier im 19. Jahrhundert angelegt wurde. Damit nicht genug, versperren im Inneren der Anlage zwei Meter hohe Stahlzäune den ungehemmten Zugang zu den einzelnen Wohngebäuden. Überwachungskameras verfolgen jeden Schritt und Tritt. "Unsere Kunden wollen sicher wohnen", lässt der Warschauer Entwickler Dom Development wissen.

Neuer Trend

Dom trieb in der Marina Mokotów auf die Spitze, was anderswo in Warschau längst Usus ist: Mauern, Zäune, wenigstens ein paar Kameras gehören zu neuen Wohnanlagen wie Tür, Fenster und Tiefgarage. "Die Leute fragen danach", seufzt Alicja Kosciesza, Vertriebsleiterin beim großen regionalen Immobilienentwickler Orco, selbst keine Freundin "geschlossener" Bebauung. "Sie wollen wissen, wo fängt ,unser' Terrain an, wo der Rest der Stadt." Und wenn wie im südlichen Stadtteil Kabaty oder im alten Professorenviertel Ursynów neue Wohnanlagen errichtet werden, natürlich mit Schlössern, Riegeln und Mauern drum herum, dann sehen sich die Betreiber älterer Anlagen auch gezwungen, in Sachen "Sicherheit" nachzurüsten und den noch fehlenden Zaun zu montieren oder eine Mauer aufzuschichten.

Das Thema Sicherheit kam bald nach der Wende auf, als die sozialistische Einheitsgesellschaft auseinanderfiel; als die Polen nicht mehr im "blok" (Plattenbau) wohnen wollten, wo der Professor neben dem Anstreicher, der Student neben dem Rentner lebte. Dass das Land dabei wie schon so oft dem amerikanischen Vorbild nacheifert, ist offensichtlich. Und so wird Warschau mehr und mehr zu einer Ansammlung allgemein unzugänglicher Territorien, Gärten, Höfe - mit der Marina als gänzlich geschlossenem Stadtviertel als bisherigem Höhepunkt.

Ursachenforschung

Seither diskutieren Stadtchronisten und Psychologen intensiv, was hinter dieser Entwicklung steckt. Einigkeit besteht in einem Punkt: An der objektiven Sicherheitslage liegt es nicht. Warschau ist keine besonders gefährliche Stadt. Dennoch zeigt sich in Umfragen ein diffuses Gefahrenbewusstsein. Das Sicherheitsversprechen erscheint als wichtiges Plus bei der Wohnungswahl.

Tatsächlich wirken geschlossene Siedlungen innen wie ausgestorben. "Passanten und öffentlicher Verkehr bringen Aufmerksamkeit und ganz natürlich mehr Sicherheit", gibt Orco-Verkäuferin Kosciesza zu bedenken, doch meist ohne Erfolg.

Öffentliche Vernachlässigung

Während die Projektentwickler den Verkaufswert ihrer Anlagen durch teure Materialien, Designer-Bänke, Wachschutz und Catering zu steigern wissen, wird der öffentliche Raum jenseits der Siedlungsmauern vernachlässigt. In Polen haben die Kommunen wenig Geld; und das sieht man auch am Zustand zahlreicher Straßen. "In den geschlossenen Siedlungen kann man jedenfalls sicher sein, dass die Grünflächen gepflegt und Mängel beseitigt werden", sagt Maximilian Mendel von der Immobilienberatung REAS in Warschau.

Ein Stück weit machen sich die Warschauer, die, wie in Polen üblich, ihren Wohnraum meist kaufen, mit den geschlossenen Siedlungen ihre Stadt erst zu eigen. Denn bisher wird sie von ihren Bewohnern nicht wirklich angenommen, ist eher Aufenthalts- als Heimatort. Schätzungsweise jeder Zweite lebt hier auf Durchreise, Vollbeschäftigung und hohe Löhne nutzend, um nach ein paar Jahren wieder zurück in die Heimatregion zu ziehen.

Nicht richtig zu Hause

Dass man sich in Warschau, im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, nicht richtig zu Hause fühlt, hat auch mit dem Wiederaufbau nach 1945 zu tun: Anders als Breslau oder Danzig, die weitgehend exakt in alter Form Straßenzug um Straßenzug aufgebaut haben, wurde die polnische Hauptstadt nach sozialistischer Vorstellung geformt: mit breiten, verändert geführten Straßen, viel Beton und dem monströsen Kulturpalast im Stalin-Stil mitten im Zentrum der Stadt. "Warschau hat seinen Genius loci verloren", sagt die Urbanistin und Sozialpsychologin Maria Lewicka.

Die Menschen hetzen zwischen Arbeits- und Wohnort hin und her und über die ursprüngliche Stadt hinweg, deren Grundmauern und Keller oft noch unterm Pflaster verborgen sind. Orte zum Verweilen gibt es kaum; sie sind kleine Inseln im Asphalt-Dschungel der Stadt. Die Breslauer dagegen würden sich viel leidenschaftlicher zu ihrer Stadt bekennen, obwohl der Bevölkerungsaustausch in Breslau nahezu vollständig war, betont Lewicka. Dort gebe es auch viel weniger geschlossene Siedlungen.

Klassisches Statussymbol

Immobilienfachmann Mendel hingegen glaubt, bei Zaun und Kamera handele es sich um klassische Statussymbole: Seht her, ich kann's mir leisten. Der Wahl-Warschauer zog selbst in eine geschlossene Siedlung, ohne es vorher zu ahnen: "Auf einmal bauten sie die Mauer drum herum." Als Deutschem ist ihm die Entwicklung befremdlich, auch deshalb, weil die Alteingesessenen im Viertel nun auf ihrem Weg zum kleinen Park auf einmal einen großen Umweg um die nunmehr geschlossene Neubausiedlung herum laufen müssen. In der Marina Mokotów hat man das Problem auf resolute Art gelöst - und den Park gleich mit eingezäunt. Fremden wird aber neuerdings der Besuch in den siedlungseigenen Cafés und Läden gestattet, denn die Umsätze dort ließen zu wünschen übrig. Zum Ausgehen fahren die Bewohner lieber in die echte Stadt.

"Das ist total langweilig in solchen Siedlungen, denn die Bewohnerstruktur ist homogen", meint Urbanistin Lewicka. Spannend werde ein Viertel erst durch Vielfalt. Obwohl die Marina mit ihren inzwischen 1500 Wohnungen schon einige Jahre steht und nach und nach erweitert wurde, versprüht sie den seelenlosen Charme einer gerade fertiggestellten Neubausiedlung: Die Bäume sind noch mickrig, die Rasenflächen unberührt, und auf den gepflasterten Wegen entlang eines künstlich angelegten Gewässers haben sich wenig Spuren eingeritzt, die sonst das Leben hinterlässt.

Eine spezielle Sorte

Maria Lewicka hat untersucht, wen es hinter die Mauern zieht. Die Leute in geschlossenen Siedlungen sind demnach von ganz spezieller Sorte: Eher jung (Durchschnittsalter 35), Hochschul- oder zumindest höhere Bildung, überdurchschnittliches Einkommen. Fleißig, strebsam, karriereorientiert - und nach einem anstrengenden Arbeitstag kaum interessiert an nachbarschaftlichen Kontakten. Moderne, individualistische Menschen - paradoxerweise einerseits tolerant, weltoffen, weder schwulen- noch deutschenfeindlich, die liberale "Gazeta Wyborcza" auf dem Küchentisch und doch auf Abgrenzung und strengen Schutz der Privatsphäre aus.

Im Stadtzentrum ist das Absperren und Umzäunen nicht ganz so einfach, denn hier gehört den Entwicklern das Land nicht flächendeckend, und zudem existieren vielfach Bebauungspläne, die Wildwuchs wie in Mokotów verhindern. Doch auch rund um Lewickas Heim sollte unlängst ein Extra-Zaun gezogen werden, auf Druck einiger Bewohner. Wogegen sie sich wehrte: "Es ist doch sicher genug hier." Worauf das Gegenargument lautete: "Aber so wird es noch sicherer!" Dagegen komme man kaum an, klagt Lewicka.

Neue Projekte

Anderswo arbeiten die Entwickler bereits an neuen Projekten. In Saska Kepa östlich der Weichsel baut Dom Development eine weitere Siedlung, 1500 Wohneinheiten, schicke Bänke, Spielplätze, moderne Materialien. "Wir hatten schon nach vier Tagen Verkauf 15 Verträge unter Dach und Fach", freut sich Radoslaw Bielinski, Marketingleiter bei Dom Development, über ein jedenfalls von der Nachfrage her offenbar krisensicheres Geschäft. Umzäunt und abgesperrt wird auch dieses Areal werden.

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