25.02.2009 · Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter Einsamkeit. Das betrifft vor allelm alte Menschen. Darauf stellt sich die Wohnungswirtschaft zunehmend ein. Die gute Nachricht lautet: Eine lebendige Nachbarschaft ist durchaus möglich.
Von Christiane HarriehausenDie alte Dame in der Bäckerei macht es sich auf einem Stuhl bequem. „Ich lasse Sie gerne vor. Ich habe Zeit“, ruft sie einem anderen Kunden zu. Sie kommt jeden Tag in das Geschäft, doch im Grunde geht es ihr nicht um Brot und Kuchen.
Viel wichtiger ist das Gespräch mit dem Ladeninhaber und den anderen Menschen. „Meine Tochter wohnt in Italien“, berichtet sie freimütig. „Manchmal bin ich ziemlich allein.“ Wie der rüstigen Dame geht es vielen Menschen in Deutschland. Doch nicht immer sind sie noch so mobil und können ihre Wohnung verlassen oder finden einen verständnisvollen Ladeninhaber.
Leben mit der Einsamkeit
„Alter geht bei manchen Menschen mit besonderen Formen sozialer Isolation und Einsamkeit einher. Ein Zustand, der eine große Qual für den Betroffenen bedeutet“, beschreibt Christian Carls von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe seine Erfahrungen. Dennoch werde dieses Problem oft ignoriert. Eine neue Art der Auseinandersetzung mit diesem, in unserer Gesellschaft zunehmend wichtigen Thema sei nötig. Das gelte auch für die Immobilienwirtschaft und die Politik, fordert der Diplom-Sozialpädagoge und Kommunikationswissenschaftler.
Carls macht Mut, Wege zu gehen, die weniger auf moralischer Verpflichtung und staatlicher Anordnung als vielmehr auf interdisziplinärer Zusammenarbeit und Spaß am Umgang mit anderen Menschen setzen. Das bezieht unterschiedliche Akteure mit ein: Nachbarn, die Kirchen, soziale Einrichtungen und auch die Wohnungsbaugesellschaften. Denn jeder profitiere auf seine Weise von einer intakten Sozialstruktur in einem Wohnviertel.
Lebendige Nachbarschaften
„Eine Investition in lebendige Nachbarschaften ist äußerst sinnvoll und meistens nicht einmal mit großen Geldbeträgen verbunden“, urteilt der Fachmann. Es habe sich bewährt, einen Begegnungsraum bereitzustellen, in dem ein zwangloses Zusammensein möglich ist. Doch der Raum allein schafft noch keine Kontakte, er muss auch genutzt werden.
Hierbei können Sozialpädagogen helfen, die in der Moderation von Gruppen erfahren sind. „Erfolge zeigen sich dort, wo sich viele Beteiligte, zum Beispiel Verkehrsplaner, Architekten, Künstler, Sozialarbeiter und engagierte Bürger, abstimmen und konzertiert vorgehen.“
Das sei zwar nicht ganz einfach und erfordere eine gewisse Toleranz von allen Seiten. Die Ergebnisse solcher Modelle könnten sich jedoch sehen lassen. „Es macht in der Regel nur Sinn, neue Bänke aufzustellen, wenn bereits mit der Belebung eines Quartiers durch andere Maßnahmen begonnen wurde“, berichtet Carls.
Angst vor Kontakten
Menschen gehen nicht einfach aufeinander zu, um ihre Einsamkeit zu durchbrechen. „Im Gegenteil, die meisten haben Angst davor, ihr Bedürfnis nach Kontakt zu zeigen.“ Es habe sich daher bewährt, erst einmal kleine Anlässe für eine beiläufige Kontaktaufnahme zu schaffen. Wie die aussehen könnten, erläutert Carls anhand eines Nachbarschaftstreffs, den er gemeinsam mit einer Pfarrerin ins Leben gerufen hat. „Wir treffen uns ganz unverbindlich einmal im Monat und informieren dabei über Neuigkeiten aus dem Quartier oder Projekte, die von Teilnehmern initiiert wurden, wie zum Beispiel ein Fotowettbewerb oder Stadtteilspaziergänge“, berichtet Carls.
Durch den Nachbarschaftstreff habe sich die Atmosphäre in dem Quartier verändert. „Viele Menschen, die jahrelang Tür an Tür wohnten, ohne sich zu kennen, grüßen sich nun.“ Hinzu komme, dass die Treffen die Chance bieten, Ressourcen in der Nachbarschaft zu entdecken. „Wo Menschen gesellig zusammenkommen, entsteht immer Potential für neues Engagement.
Dabei hat sich eine auf Freiwilligkeit basierende Struktur bewährt, die eine sporadische Beteiligung an Aktivitäten ermöglicht. Es ist wichtig, dass die Menschen gerne kommen. Wenn erst einmal ein Kontakt besteht, sind sie auch in der Lage, nach Hilfe zu fragen.“
Fester Sitzplatz, festes Programm
Viele Angebote in Deutschland sehen anders aus. „Seniorentreffs laufen bisweilen sehr starr ab. Man hat einen festen Sitzplatz und ein festes Programm.“ Doch die gemeinsame Anwesenheit in einem Raum ermögliche noch keinen Kontakt. „Ältere Menschen berichten mir immer wieder, dass sie in Gruppen und auf Veranstaltungen keine Kontakte zu anderen knüpfen konnten, obwohl der Wunsch danach bestand.“ Die Hürden für eine lockere Kontaktaufnahme waren zu hoch und die Anlässe für einen vertiefenden Austausch nicht vorhanden.
Auch die Gestaltung von Treppenhäusern, Fluren oder Grundstücken kann dazu beitragen, der Einsamkeit und Anonymität in einem Quartier entgegenzuwirken. „Denn wenn sich Menschen gerne in ihrem Wohnumfeld aufhalten, fördert das zugleich eine intakte Nachbarschaft. In einem hellen und großzügig geplanten Flur oder in einem einladenden Hauseingang bleibt man leichter auch einmal stehen, um sich mit einem anderen Hausbewohner zu unterhalten.“
Carls beobachtet bei älteren, einsamen Menschen oft eine Fixierung auf Partnerschaft oder Familie, selbst wenn kein Partner mehr da ist und die Familie zerstreut lebt. „Die Wahrnehmung dafür, wie schön nachbarschaftliche Kontakte sein können, haben viele nicht.“ Doch dieses Bewusstsein lasse sich erwecken, indem man gemeinsam mit Betroffenen den möglichen sozialen Kontakten nachforscht. Und auch das Umfeld kann etwas tun: „Ein kurzer freundlicher Kontakt beim Einkaufen oder mit der Dame aus dem Nachbarhaus kann für einsame Menschen schon eine große Freude bedeuten.“
Bewohner einbeziehen
Es hat sich zudem bewährt, Bewohner in die Gestaltung ihres Umfelds mit einzubeziehen. „Das geht in allen Milieus und fördert die Integration“, weiß Carls. Allerdings brauche man für solche Konzepte einen Moderator, der die Maßnahmen begleitet und zwischen den Akteuren vermittelt. Ergebnisse von Bewohnerbefragungen behandelt er jedoch eher mit Vorsicht.
„Im Zuge einer Quartiersumgestaltung in Bremen wurden die Bewohner befragt, ob sie sich einen Raum für gemeinsame Treffen wünschten. Nur drei Prozent der über Sechzigjährigen sprachen sich dafür aus. Dennoch wurde der Raum auf Betreiben vor allem der alleinerziehenden Mütter eingerichtet. Schon bald entwickelte sich Streit um die Nutzung des Raumes, weil sich die älteren Bewohner immer häufiger in dem Raum treffen wollten. Heute wird er zu 50 Prozent von den über Sechzigjährigen genutzt“, schildert Carls seine Erfahrungen.
Vorbildhafte Projekte, die der Einsamkeit im Alter entgegenwirken können, finden sich inzwischen in einigen Städten. Doch Angebot und Nachfrage liegen in der Regel weit auseinander. „Hier gibt es noch einiges an Verbesserungspotential, vor allem, wenn man daran denkt, dass die meisten Menschen im Alter in ihrer Wohnung bleiben wollen oder aus finanziellen Gründen bleiben müssen“, hebt der Fachmann hervor.
Weitere Informationen über Projekte und Ansprechpartner zu diesem Thema bietet das Forum Seniorenarbeit.