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Montag, 13. Februar 2012
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Verödung „Die Lage ist heute schon dramatisch“

07.07.2010 ·  Auf dem Land stehen immer mehr historische Bauten leer. In vielen Ortschaften stemmen sich die Bewohner verzweifelt gegen die Verödung. Doch nicht alle Dörfer werden zu retten sein: „Es wird Verluste geben“, sagt die Architekturprofessorin Birgit Franz.

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Ihr Spezialgebiet ist der Erhalt von Bauwerken in Regionen, in denen der demographische Wandel längst Realität ist. Wie zeigt er sich?

Vielfach, das kann ich sagen, ist die Lage schon heute dramatisch. Das gilt keinesfalls nur für den Osten Deutschlands, sondern auch für den Westen. In Hessen zum Beispiel, aber auch im Süden Niedersachsens, wo ich wohne und arbeite, kann man vielerorts die Folgen schon sehen. Die Einwohnerzahl der Gemeinden sinkt, die Zahl der Alten steigt. In den Ortskernen stehen Bauwerke leer, Straßenzüge veröden. Das führt wiederum dazu, dass der Ort zunehmend unattraktiv zum Leben wird. Die Situation wird sich in den kommenden Jahren in vielen Gegenden noch verschärfen.

Wie lassen sich historische Bauwerke in solchen Landstrichen überhaupt noch erhalten?

Auf Geld von Kommunen oder Ländern sollte man nicht hoffen. Steuerung von oben ist ja auch nicht unbedingt wünschenswert, weil sie meist mit Reglementierung einhergeht. Angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen Lage ist da nichts zu erwarten. Die Initiative muss von unten kommen. Das geht nur mit immensem Engagement der Bürger vor Ort. Es gibt Orte, da kämpfen die Menschen verzweifelt um den Erhalt ihrer baulichen Kleinode, um Kirchen, Gehöfte und alte Speicher. Nicht nur um des einzelnen Bauwerks selbst willen. Für sie geht es dabei auch um die Frage, ob sie selbst in ihrer ländlichen Heimat bleiben können oder ob auch sie fortziehen müssen.

Um sich zu engagieren, müssen sie aber in den alten Gemäuern ein bewahrenswertes Gut sehen.

Auf jeden Fall. Oft muss die Begeisterung für ein altes Haus erst geweckt werden. Viele träumen ja von einem modernen Neubau, mit vertrautem Raumzuschnitt, glatten Wänden, großen Fenstern. Steht ein Haus unter Denkmalschutz, fühlen sich viele abgeschreckt.

Müssen die Denkmalschützer den Eigentümern mehr entgegenkommen?

Die institutionelle Denkmalpflege merkt inzwischen zunehmend, dass sie Imageprobleme hat, und reagiert meiner Erfahrung nach darauf, indem sie den Besitzern eines Baudenkmals vielfältige Hilfestellungen anbietet, wenn es um die Sanierung und Modernisierung geht. Doch die Vorstellung, dass sie die Eigentümer gängle, ist immer noch verbreitet. So kommt es manchmal dazu, dass Besitzer historischer Häuser sich gar nicht erst an die Ämter wenden, weil sie denken, ohnehin keine Veränderungen vornehmen zu dürfen. Die Denkmalpflege selbst wiederum sollte versuchen, ihre Ressourcen zu bündeln. Wenn ein Eigentümer sein Herz nicht für das Denkmal entdecken mag - an Objekten, die Pflege brauchen, herrscht ja kein Mangel.

Aber welche Nutzungsmöglichkeiten bieten sich angesichts eines Überflusses an alten Häusern an?

Es sind immer individuelle Lösungen. Was an einem Ort funktioniert, lässt sich nicht ohne weiteres auf andere Gemeinden übertragen. Mal richten die Ortsbewohner in einem historischen Bauwerk ein kleines Marionettentheater ein, mal eine Sommerschule, eine Stätte für Sport oder Bildung.

Es geht also darum, Besucher anzuziehen?

Genau. Der sanfte Tourismus birgt oft die größte Chance, die Entwicklung zu lenken. In vielen Gemeinden sind die Bewohner längst kreativ. Leerstehende Höfe werden zu Cafés umgebaut, die vor allem an den Wochenenden für die Fahrradtouristen öffnen. In landschaftlich reizvollen Gegenden kann ein Ausbau der Radwege solche Bemühungen der Anwohner unterstützen.

Sie meinen, dass sich aus all den leeren Scheunen Museen, Kleinkunstbühnen und Ähnliches machen lässt, die dann die Ausflügler anlocken?

Nein, aus allen sicherlich nicht. So viele braucht niemand. Da dürfen wir uns nicht in die Tasche lügen, es wird Verluste geben.

Plädieren Sie dafür, Objekte aufzugeben?

Es geht nicht um einzelne Häuser, sondern um ganze Ortschaften. Das kann man nicht beschließen, das wird passieren. Sogenannte Wüstungen hat es in der Vergangenheit schon gegeben, es wird sie wieder geben. So hart das ist.

Also wäre eine Konzentration auf Leuchtturmprojekte sinnvoll?

Im Gegenteil. Die werden oft gepriesen, doch sie gehen oft zu Lasten anderer - ob Menschen oder Regionen, das heißt, sie haben nicht die erhoffte positive Wirkung.

Warum nicht?

Es gibt ja zum Beispiel diese Überlegungen mancher Städte und Gemeinden, sich als Wohnort für altengerechtes Wohnen präsentieren zu wollen. Dahinter steckt die Idee, neue Bewohner zu gewinnen. Dass dies aber immer auf Kosten anderer Gemeinden geschieht, wird dabei gerne übersehen. Das ist aus meiner Sicht daher keine Lösung.

Sie wollen, dass für möglichst viele etwas abfällt?

Wenn man so will, ja. Es muss ja auch nicht überall alles wie neu glänzen. Darum geht es nicht. Wenn wir ins Ausland fahren, lieben wir ja auch den morbiden Charme, nur zu Hause soll unsere Umwelt rausgeputzt sein.

Wenn Sie von der Politik keine finanzielle Hilfe erwarten, was kann sie sonst tun, um der Entwicklung entgegenzuwirken?

Über die Raumordnung kann die Politik wesentlich steuern. Wenn in einer Region mit Schrumpfung einzelne Gemeinden noch Bauland ausweisen, ist das alles andere als förderlich, um die Ortskerne zu stärken. Diese Häuser braucht niemand. Man muss sich um die wertvollen, vorhandenen Bauten kümmern. Neubauten sollten in schrumpfenden Gemeinden nur noch auf Baulücken als Nachverdichtung entstehen.

Das Gespräch führte Birgit Ochs.

Quelle: F.A.S.
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