Home
http://www.faz.net/-gz8-14lah
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Stadtentwicklung Homöopathie gegen Schrumpfung

02.01.2010 ·  Nirgendwo stehen so viele Wohnungen leer wie in Sachsen-Anhalt. Die Stadt Köthen setzt daher in der Stadtplanung auf ungewöhnliche Mittel.

Von Rainer Müller
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (4)

Es war eine ungewöhnliche Fracht, mit der die kleine Barkasse „Suhr & Consorten 2“ vom Hamburger Hafen ablegte und elbaufwärts Richtung Magdeburg fuhr: medizinische Fachbücher aus dem 17. Jahrhundert, Handschriften und Skizzen, insgesamt 2000 historische Werke. Für den Hamburger Arzt Curt Kösters ist es „eine wahre Schatzkammer“. Kösters ist Vorsitzender des Deutschen Zentralvereins Homöopathischer Ärzte und hat seinen „Schatz“ persönlich vom bisherigen Standort an der Hamburger Staatsbibliothek nach Sachsen-Anhalt begleitet.

Ziel der Reise war die Kleinstadt Köthen zwischen Magdeburg und Halle. Dort hat der Verein im Herbst in einem früheren Klosterspital der Barmherzigen Brüder die „Europäische Bibliothek für Homöopathie“ eröffnet - als Vorbote einer größeren Entwicklung: Köthen ist Modellstadt der Internationalen Bauausstellung (IBA) Stadtumbau in Sachsen-Anhalt. Im Rahmen der IBA wurde das verfallene klassizistische Spitalgebäude aufwendig saniert und für die Bibliothek und andere Nutzungen umgebaut. Vom kommenden Jahr an bietet die Universität Magdeburg hier einen Masterstudiengang für Homöopathie. Der Umbau des Spitals ist laut IBA-Projektleiterin Sonja Beeck nur ein Baustein eines umfassenderen Stadtumbauprojekts mit dem Titel „Homöopathie als Entwicklungskraft“.

Weiterer Rückgang

Im Jahr des Mauerfalls 1989 zählte die Stadt 33 000 Einwohner, heute sind es trotz zahlreicher Eingemeindungen 5000 Menschen weniger. Mittelfristig wird nochmals mit einem Rückgang in ähnlicher Größenordnung gerechnet. Das ist ein Problem in ganz Sachsen-Anhalt. Das Bundesland habe den stärksten Bevölkerungsschwund und den höchsten Wohnungsleerstand in Deutschland, wie IBA-Geschäftsführer Philipp Oswalt erläutert. Jede fünfte Wohnung steht leer. Neunzehn Städte in Sachsen-Anhalt nehmen an der Internationalen Bauausstellung teil, die ihren Sitz in Dessau am legendären Bauhaus hat. Dessen Direktor Philipp Oswalt ist deshalb auch Geschäftsführer der IBA.

Unter den Modellstädten sind Kleinstädte wie Köthen und Quedlinburg, aber auch die größten Städte des Landes Magdeburg, Halle und Dessau, das so stark geschrumpft ist, dass es 2007 mit seiner Nachbarstadt Roßlau fusionierte. Die Frage lautet: Wie organisiert man eine Stadtgesellschaft, deren Infrastruktur überdimensioniert und unbezahlbar geworden ist und in der die Bevölkerung keine Perspektiven sieht? Auf diese Fragen versuchen die Städte verschiedene, zum Teil außergewöhnliche Antworten zu geben. So verabschiedet man sich in Dessau-Roßlau vom kompakten Stadtkörper, reißt große Areale ab und lässt nur noch einzelne „Siedlungsinseln“ stehen. Aschersleben will systematisch von außen nach innen zurückbauen und sich auf den historischen Stadtkern konzentrieren.

Neue Wege

„Wir Planer können nur Wachstum“, sagt Sonja Beeck über ihren Berufsstand, „für Schrumpfung haben wir nichts im Instrumentenkasten.“ Also müssen neue Wege eingeschlagen werden. In Köthen ergaben sich neue Ansätze durch die Zusammenarbeit mit neuen Akteuren - der homöopathischen Ärzteschaft, für die die Stadt so etwas wie ein Wallfahrtsort ist: Direkt neben der neu eröffneten Bibliothek steht das Hahnemann-Haus, in dem der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann, um 1830 gelebt und gearbeitet hat und in dem heute ein Museum untergebracht ist.

Zwei Welten prallten aufeinander, als Homöopathen und Stadtplaner 2004 erstmals zu Gesprächen in einer Arbeitsgruppe zusammenkamen. „Planer glauben an Zahlen und wollen am Anfang schon wissen, was am Ende rauskommt - Homöopathen begleiten dagegen offene Prozesse“, fasst Beeck die Unterschiede zusammen. Stand am Anfang nur die Idee, Homöopathie als Image- und Standortfaktor im Sinne des Stadtmarketings zu nutzen, ist daraus durch die gemeinsame Arbeit mehr entstanden: Einerseits entwickelt sich in Köthen das Thema Gesundheit und Gesundheitsbildung zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Andererseits werden inzwischen auch die homöopathischen Leit- und Lehrsätze von der „Ganzheitlichkeit“ und „Impulssetzung“ versuchsweise auf die Stadtplanung übertragen.

Hoher Leerstand

Obwohl in Köthen in den vergangenen Jahren schon rund 1000 Wohnungen abgerissen wurden, stehen weiterhin 2000 leer. Hoher Leerstand herrschte auch in der Ludwigstraße, einer innerstädtischen Wohnstraße mit vielen Gründerzeithäusern. „Wir waren ratlos, wie wir mit der Straße umgehen sollten“, räumt Nadine Palme von der Wohnungsgesellschaft WGK ein. Eigentümer und Bewohner zu mobilisieren gelang nicht. Das Unternehmen habe die leeren Häuser nicht länger halten können. Mit dem Abriss aber hätte die Straße komplett ihr Gesicht und die verbleibenden Häuser hätten weiter an Wert verloren.

„Nun sollten wir uns die Zähne ausbeißen“, erinnert sich Curt Kösters, der Hamburger Arzt. „Wir haben, wie in der homöopathischen Praxis üblich, mit einer Anamnese begonnen.“ Überraschenderweise betrachteten die Bewohner in den Gesprächen die Situation ihrer Straße nicht so negativ wie Stadt und Wohnungsgesellschaft. Auch die Abrisspläne lösten keinerlei Widerspruch aus. „Daraufhin“, berichtet der Mediziner, „haben wir einen ersten Impuls gesetzt: Plakate mit dem Aufdruck ,Dieses Haus wird abgerissen'.“ Die Anwohner sollten sehen, wo demnächst Lücken klaffen würden. Doch eine Reaktion blieb auch diesmal aus.

Neuer Impuls

Die Arbeitsgruppe setzte nun einen stärkeren Impuls. Homöopathen kennen das Konzept der „Erstverschlimmerung“ durch vorübergehende Verstärkung der Symptome. „Der Körper reagiert darauf, indem er selbst für Ausgleich sorgt“, erklärt Kösters das Prinzip. Wie ließ sich die Situation in der Ludwigstraße verschlimmern? Radikale Ideen wurden diskutiert - und wieder verworfen: Vier Wochen lang den Müll nicht abtransportieren, keine Post zustellen, Straßenbeleuchtung abstellen. Am Ende entschied sich die Arbeitsgruppe für eine eher symbolische „Erstverschlimmerung“: Erneut lud man die Anwohner für die Abendstunden zu einer Versammlung ins nahe Hotel ein - direkt vor dem Termin jedoch schaltete die Stadt tatsächlich die Straßenbeleuchtung für kurze Zeit aus und ließ allein die 15 abrissgefährdeten Häuser anstrahlen. „Das brachte den Durchbruch“, resümiert IBA-Projektleiterin Beeck. Viele aufgebrachte Anwohner kamen zur Versammlung. „Die IBA sprengt gleich die Häuser“, hieß es jetzt. Erstmals schien den Anliegern das ganze Ausmaß und die Konsequenz des von der Stadt vorgesehenen Abrisses klarzuwerden.

Interesse geweckt

Die Resignation war durchbrochen, das Interesse geweckt. In den folgenden Wochen reichten Anwohner und Hauseigentümer tatsächlich 50 Vorschläge und Anfragen bei der Wohnungsgesellschaft ein: von der Bürgersolaranlage über Freiluftkino bis zum konkreten Kaufinteresse an einigen Häusern. Immerhin vier Häuser konnten in der Folge erhalten und verkauft werden. Für die abgerissenen Häuser wurden Nachnutzungen entwickelt. Auf einem Eckgrundstück plant die WGK ein modellhaftes Wohnprojekt für energieeffizientes und kostensparendes Bauen. Im Gefühl, dass es vorangeht, investieren Eigentümer wieder in ihre Häuser und finden neue Mieter. Das Hotel nutzt ein Grundstück nun als Parkplatz für seine Gäste. Auch die vorher passiven Anwohner identifizieren sich mittlerweile mit ihrer Straße und engagieren sich bei sozialen und kulturellen Projekten.

Die IBA spricht von „erfolgversprechenden Ergebnissen der offenen Gebietsentwicklung“. So nennt sie die neue, von der homöopathischen Praxis inspirierte stadtplanerische Methode mit Anamnese, Impulssetzung und anschließender Dokumentation. Und während sich die Arbeitsgruppe bereits zwei weiteren Problemgebieten in Köthen zugewandt hat, werden auch andere Regionen auf das Beispiel aufmerksam: Die Universität Kopenhagen überträgt die „Köthener Methode“ jetzt auf die schrumpfende Stadt Vordingborg im strukturschwachen Süden Dänemarks. „Sachsen-Anhalt ist mit der Schrumpfung heute schon so weit, wie es viele Städte und Regionen in Deutschland und Europa in einigen Jahren sein werden. Wir sind hier Vorreiter“, sagt IBA-Geschäftsführer Oswalt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
30.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.280,80 −1,81%
 OK