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Sonntag, 12. Februar 2012
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Schanzenviertel in Hamburg Yuppies und Randale

15.09.2009 ·  Das Hamburger Schanzenviertel hat sich vom Arbeiterstadtteil zum schicken Szeneviertel gewandelt. Nicht allen gefällt die Entwicklung, viele fordern: Yuppies raus! Viele Anwohner sind genervt und ziehen weg.

Von Rainer Müller, Hamburg
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Tanja Böhm-Rupprecht erkennt ihr Viertel von einst nicht mehr wieder. Vor zehn Jahren ist die Hamburgerin vom ruhigen Elbvorort in das quirlige Schanzenviertel mit seinem Studenten- und Multikultimilieu gezogen. Damals befand sich die Gegend mitten in der Sanierung. Vom neuen Balkon ihrer kleinen Altbauwohnung hat die 34 Jahre alte Schifffahrtskauffrau seit diesem Sommer den Blick auf einen schönen Innenhof mit kleinen Vorgärten.

Geht sie nach hinten durch das enge Gewirr an Hinterhöfen, kommt sie auf einen gepflegten Spielplatz. Geht sie nach vorne durch die Toreinfahrt, steht sie mittendrin in der „urbanen, trendigen Lage“, von der Projektentwickler so gerne sprechen: Junge, „hippe“ Einkäufer, Restaurantbesucher und Partygänger schieben sich durch die schmalen Straßen mit ihren zahllosen Kneipen, Kiosken und Kleidungsgeschäften.

Frisch restaurierte Gründerzeithäuser rahmen die neugestaltete Piazza mit ihren portugiesischen Cafés. In den Straßen des zwischen Hafen und Schlachthof gelegenen früheren Arbeiterviertels entstehen zwischen schmucklosen Wohnhäusern poppig-bunte Neubauten mit großen Glasfronten.

Kaum noch Arbeiter

Heute wohnen kaum noch Arbeiter im Viertel, dessen wichtigste Straße „Schulterblatt“ heißt und nach dem Erkennungszeichen einer früheren Seemannskneipe benannt wurde: einem Walknochen. Wie viele der klassischen Hafenarbeiterviertel Hamburgs verfiel das Schanzenviertel mit der Hafenkrise ab den 1960er Jahren. In die maroden, aber billigen Wohnungen zogen Ausländer, Studenten und Lebenskünstler. Kohleofen, Sprossenfenster mit Einfachverglasung und schlechte Dämmung waren Standard, saniert wurde kaum, und das über Jahrzehnte.

„In den achtziger Jahren stand das Viertel vor dem Absturz“, sagt Rüdiger Dohrendorf von der Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft „steg“. Um den Verfall des Schanzenviertels und anderer innenstadtnaher Wohn- und Geschäftsviertel aufzuhalten, beschloss Hamburg, deren Sanierung mit öffentlichen Mitteln zu fördern, und gründete dazu 1989 den Sanierungsträger steg

Dieser kümmert sich seither um den langfristigen Erhalt und die Erneuerung als Wohn- und Gewerbestandort, Instandsetzungen und Wohnumfeldverbesserung. Im Sanierungsgebiet Schulterblatt wurden bis zum offiziellen Ende der Sanierungsmaßnahmen Anfang dieses Jahres 272 Wohnungen mit öffentlichen Mitteln modernisiert und 50 Sozialwohnungen errichtet.

„Yuppies raus!“

Auch private Innenhöfe wurden begrünt und der Spielplatz hinter dem Haus von Tanja Böhm-Rupprecht. Der neue Balkon, die öffentlich geförderte Sanierung und Aufwertung gefallen ihr, auch wenn die Miete deutlich gestiegen ist. Inzwischen zahlt sie eine Kaltmiete von fast 9 Euro je Quadratmeter - der Hamburger Durchschnitt liegt bei 6,53 Euro, bei Neuvermietungen schon bei knapp 10 Euro, in Spitzenlagen auch bei weit mehr als 20 Euro. Im vergangenen Jahr sind die Mieten in Hamburg um 4,65 Prozent gestiegen.

„Die Mietpreise steigen in allen Metropolen - was hier passiert, ist ganz normal“, reagiert steg-Pressesprecher Dohrendorf auf die Kritik vieler linker Aktivisten im Schanzenviertel, wonach angeblich steigende Mieten alteingesessene Bewohner vertreiben. Von „Verdrängung“ und „Yuppisierung“ ist die Rede. „Yuppies raus!“ und „Gentrification stoppen!“ lauten Parolen, die überall im Viertel auf Häuserwänden und Plakaten prangen. Immer häufiger kommt es zu gewaltsamen Ausschreitungen, neue Geschäfte werden beschädigt.

Typische Entwicklung

„Gentrification ist ein typisches Phänomen überall in deutschen Großstädten - egal ob im Schanzenviertel, in Berlin-Prenzlauer Berg, im Glockenbachviertel in München oder im Frankfurter Ostend“, erklärt Hartmut Häußermann, einer der führenden Stadtsoziologen Deutschlands. War „Gentrification“ früher ein Fachausdruck für Stadtsoziologen, ist er heute in der linken Szene ein negativ besetzter Kampfbegriff. Gemeint sind Aufwertungsprozesse in heruntergekommenen, citynahen Stadtteilen.

„Studenten und Künstler entdecken diese Lagen mit den günstigen Mieten und werden so zu Pionieren einer Entwicklung der Aufwertung.“ Sie nutzen die vorhandene Infrastruktur aus Eckkneipen, türkischen Gemüseläden und Imbissbuden und ziehen bald eine eigene Infrastruktur nach sich. Auf die Pioniere mit geringem Einkommen folgen häufig Selbständige und Kreative mit höherem Einkommen, die den Charme des Unfertigen und Ungeordneten als anregend empfinden. Im Schanzenviertel waren das vor allem die Vertreter der New Economy. Die damals noch stadteigene steg unterstützte diese Entwicklung ganz bewusst und realisierte Gründerzentren mit Namen wie Sprungschanze und Gamecity-Port.

Wie die Trüffelschweine

Die neuen Arbeitsplätze und Bewohner veränderten die Struktur des Viertels, das so auch für Investoren interessant wurde. „Für die Immobilienentwickler sind die Pioniere wie Trüffelschweine“, stellt Hartmut Häußermann fest. An die Stelle von Studentenkneipen und kleinen Fachgeschäften treten schicke Bars und Filialen der bekannten Kaffee-, Fastfood- und Modeketten. Starkoch Tim Mälzer hat gerade sein neues Restaurant samt eigenem Fernsehstudio eröffnet, direkt nebenan zog McDonald's ein.

Unweit hat Mövenpick im Schanzenpark einen lange ungenutzten Wasserturm zum Vier-Sterne-Hotel umgebaut. Demnächst beginnt der Projektentwickler Bouwfonds Hamburg, Tochter der niederländischen Rabobank, mit dem Bau des Wohn- und Geschäftshauses „Friedaschanze“ direkt gegenüber dem Schanzenpark. Bis 2011 sollen 31 Eigentumswohnungen mit Preisen zwischen 178000 und 538000 Euro entstehen. Das entspricht 2800 bis 3800 Euro je Quadratmeter. Der „Immobilienatlas 2009“ der LBS Schleswig-Holstein-Hamburg nennt für Neubauwohnungen in Hamburg 3013 Euro.

Verständliche Wut

Das Unbehagen der Pioniere gegenüber der von ihnen unfreiwillig losgetretenen Entwicklung wurde im Juli besonders deutlich: Zusätzlich aufgeheizt durch Meldungen von heimlicher Videoüberwachung des Viertels, mündete ein Straßenfest vor dem autonomen Zentrum „Rote Flora“ in Straßenschlachten mit der Polizei. Zahlreiche Verletzte auf beiden Seiten, zerstörte Schaufenster und brennende Barrikaden waren die Folge.

Rüdiger Dohrendorf von der steg kann die Wut innerhalb der linken Szene nachvollziehen: Wer jahrelang unter seinesgleichen wohne und jetzt immer mehr Menschen im Armani-Anzug rumlaufen sehe, der fühle sich provoziert. „Jede Veränderung wird als Bedrohung empfunden“, ergänzt Soziologe Häußermann. „Das ist zwar im Kern spießig, aber auch verständlich.“ Allerdings, betont Dohrendorf, sei es „eine Lüge, dass die Wohnungsmieten explodieren und deshalb viele Bewohner aus dem Viertel wegziehen“. Grund dafür seien eher Nutzungskonflikte, weil „zu viele“ Besitzer von Wohn- und Geschäftshäusern an gastronomische Betriebe vermieten.

„Ich zieh weg“

Tatsächlich wird bei Bewohnerversammlungen immer wieder die massive Zunahme von Kneipenlärm und Krawallen beklagt. „Am Wochenende denkt man, hier wäre der Ballermann“, zeigt sich Anwohnerin Böhm-Rupprecht genervt. „Alle fünf Minuten kommt ein Betrunkener durch die Hofeinfahrt und pinkelt uns an die Mülltonnen oder die Hauswand.“

Die Autonomen nutzen bei Ausschreitungen die Hofeinfahrt und den engen Durchgang zum Spielplatz als Fluchtweg vor den Wasserwerfern der Polizei. Ob Ballermann oder Autonome - Tanja Böhm-Rupprecht hat schon vor dem für 12. September angekündigten nächsten Krawall der Autonomen beschlossen: „Mir reicht es - ich zieh weg.“

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