24.04.2011 · Im Wald von Wandlitz entsteht ein Öko-Haus mit einem innovativen Innenleben. Dem Bauherr geht es vor allem darum, dass sein Haus in den Wald passt - ohne Kunststoffe, aber auch ohne Idelogie. Gerade beginnt der Endspurt.
Von Jörg NiendorfEine Wand kann eine Steilküste sein. Dieser Gedanke drängt sich im künftigen Wohnzimmer von Ulrich Unbekannt unwillkürlich auf. Schicht für Schicht schimmert an seiner Lehmwand eine andere erdige Farbe hervor. Zahlreiche Kieselsteinchen sind darin eingeschlossen - mal als Lage, mal einzeln. Selbst ein Kiefernzapfen hat sich dort hineinverirrt. "Das war wirklich Zufall", sagt der 56 Jahre alte Bauherr, während er über die schmirgelpapierartige Oberfläche streicht.
Mit viel Druck sind Sand und Ton zusammengestampft worden. So entsteht die Sediment-Optik. Auch eine Schicht von verwaschenen Hölzern steckt darin, die beabsichtigt war. Ursprünglich stammt das Treibholz von der Küste. Nun passt es nur zu gut hierher, finden Unbekannt und seine Frau.
In der gewaltigen Wand befinden sich aber noch ganz andere Dinge, allerdings gut verborgen: Hinter der anregenden Fassade verlaufen etwa 80 Meter Warmwasserrohre. Sie sind ungefähr fünf Zentimeter unter der Oberfläche zu finden, fein säuberlich in Schlangenform eingebracht. So wird diese archaische Lehmwand mitten im Wohnzimmer zum Klimaelement. Sie wird einen Gutteil der Heizung ausmachen, die Unbekannt in sein neues Haus einbaut.
Lehm als guter Wärmespeicher
Der Lehmkoloss zieht sich durch das ganze Erdgeschoss. Die massive Wand ist alles in allem elf Meter lang, drei Meter hoch und dreißig Zentimeter stark. Allein das ergibt also fast zehn Kubikmeter Masse - ein ganz schöner Brocken. Sie stand als Erstes, gegossen wie ein monolithischer Block. Dann erst wurde der Rest des Hauses drum herum gebaut.
Auch weiterhin soll sie das Rückgrat sein: Wenn diese Wand nämlich erst einmal durch die Heizanlage Wärme in sich aufgenommen hat, dann strahlt sie diese hoffentlich lange und mit großer Wirkung wieder ab, sagt der Bauherr. Der Baustoff Lehm gilt schließlich als guter Wärmespeicher. Außerdem ist bekannt, dass er sehr gut Feuchtigkeit und sogar Schadstoffe absorbieren kann, insofern also für eine gesunde Wohnumgebung sorgt. Unbekannt lässt daher gleich alle anderen Wände im Haus auch von innen mit Lehm verputzen. In vielen von ihnen stecken ebenfalls Heizungsrohre. In eine gestampfte Massivwand aus Lehm ein solch filigranes Innenleben zu integrieren ist noch sehr selten. Ebenso wie der Versuch, sie wie einen Kachelofen arbeiten zu lassen.
„Einmal etwas völlig anderes machen“
Das Öko-Haus, das Unbekannt errichtet, wird es in sich haben. Wobei der Bauherr selbst sein Objekt so nie benennen würde. Er geht die Sache eher sachlich an, unaufgeregt. Ein Haus, das in den Wald passt, wollen er und seine Frau. Eines, das aus dazu passenden und, soweit es geht, regionalen Materialien gebaut ist - ohne Kunststoffe, aber auch ohne Ideologie. Vielmehr geht es darum, so viel mitzugestalten wie nur möglich. Der aus Ost-Berlin stammende Unbekannt war im ersten Beruf Schlosser, dann Ökonom und Unternehmensberater. Zuletzt baute er eine Kette von Biosupermärkten in Berlin mit auf, die sehr erfolgreich ist. Doch verkauft er seine Anteile daran. "Ich wollte schon immer selbst ein Haus bauen. Einmal etwas völlig anderes machen", sagt er. So nahm sein Vorhaben vor etwa einem Jahr konkrete Formen an.
Im Wald von Wandlitz, 30 Kilometer nördlich vom Berliner Alexanderplatz gelegen, hat er das entsprechende Grundstück dafür. Auf mehr als 1200 Quadratmeter Fläche gibt es alte Eichen, Buchen und Kiefern sowie einen typischen DDR-Bungalow. Heute dient der Bungalow als Bauhütte, manchmal schläft der Bauherr noch darin. Bald aber kommt er weg und macht Platz für einen Bauerngarten. Vorn am Zaun steht nun das neue Wohnhaus, das der dicken Massivlehmwand gewissermaßen übergestülpt worden ist. Es ist ein schlichter Bau mit einem großen Satteldach, das mit traditionellen Biberschwänzen, flachen dunkelroten Ziegeln, gedeckt ist. Das Objekt verfügt über zwei Etagen und eine Wohnfläche von 140 Quadratmetern. Die Fassade ist zur Hälfte verputzt und mit Lärchenholz verschalt.
Die Zeit drängt
Lokale Firmen haben die groben Arbeiten erledigt. Immer wieder tauchen Familienmitglieder und Freunde als Helfer auf. Das Material türmt sich rund um den Neubau. Es ist noch viel zu tun. Ständig kommen neue Leute auf die Lichtung. Einer aber ist garantiert immer da: ein Specht. Der Vogel hämmert und trommelt mit, seit Unbekannt hier zugange ist.
Gerade beginnt der Endspurt: In zwei Monaten wollen Unbekannt, seine Frau und ihr Sohn in das Haus einziehen. Der vergangene Winter hat viele Arbeiten verzögert. Schon lange überfällig ist zum Beispiel der Trockenbau im Obergeschoss, der nun ansteht. Die Zeit drängt. Ein Lastwagen hat gerade eine riesige Steinladung angeliefert. Sage und schreibe 16 Paletten mit Lehmziegeln liegen im Sand und müssen in die erste Etage hinauf. Jede Palette wiegt eine Tonne. Über eine schmale provisorische Treppe trägt Unbekannt die Steine eimerweise nach oben. Immerhin ist diese Woche sein erwachsener Sohn mit dabei.
Masse, Masse und nochmals Masse
Hinter der Schinderei steckt ein Grundprinzip des Hauses: Masse, Masse und nochmals Masse. "Wir brauchen Speichermasse", sagt Unbekannt. Der Lehm soll dämmen und Wärme aufnehmen. Üblicherweise werden in einem Obergeschoss wie diesem Leichtbauwände genutzt - die es übrigens auch schon aus gepresstem Lehm inklusive Wandheizung gibt, vorgefertigt in leichten Modulen. Vater und Sohn Unbekannt schwören dennoch auf die schwere Lösung.
Sie bedecken den gesamten Boden mit den Lehmziegeln, bevor sie darüber Holzdielen verlegen. Aus einheimischer, also märkischer Kiefer sollen diese sein. Einigermaßen ortstypischer Lehm, er stammt genau betrachtet aus Norddeutschland, landet auch auf den Wänden - und zwar pressluftgetrieben aus einer Art überdimensioniertem Zerstäuber. Mit diesem Gerät rückt derzeit ungefähr im Zwei-Wochen-Takt eine Lehmbaufirma aus Berlin an. Immer dann, wenn wieder einige Innenwände fertig geworden sind: Das heißt, wenn sie auch mit den Schläuchen für die Wandheizung versehen sind. Dann werden diese Gerippe mit der Lehmmasse zugekleistert, bis nichts mehr von ihnen zu sehen ist. Später wird noch ein Glasfasergewebe hineingerieben. Es verhindert, dass das Lehmmaterial bei Temperaturschwankungen reißt. „Zum Schluss kommt der Feinputz“, sagt Jörg Depta, der Mann am überdimensionierten Zerstäuber. Mit seiner Firma Lehmbauwerk hat er schon die massive Stampflehmwand im Erdgeschoss gebaut. Nun sorgt er schrittweise für glatte Oberflächen in allen anderen Räumen des Hauses.
Bauteile, keine Denkmäler
„Selbstbaustellen“, an denen die Bauherren mitwirken, gehören für Depta zum Tagesgeschäft. Er ist es gewohnt, dass dieses Arbeiten für ihn als Profi schon mal zur Geduldsprobe ausarten kann, wenn Abläufe ins Stocken geraten. Viel wichtiger ist ihm ein allgemeiner Bewusstseinswandel, den er als erfahrener Lehmbauer beobachtet: Die Funktionalität von Lehm gerät immer mehr in den Blickpunkt.
„Es werden keine Denkmäler gewünscht, sondern Bauteile, die für die Bewohner von Nutzen sind,“ sagt Depta. Insofern ist die Baustelle im Wald von Wandlitz ein Leuchtturmprojekt. Es macht den Weg vom Wohlfühlmaterial zur Gebäudetechnik deutlich. Hinter dem urtümlichen Stampflehm mit seinen verschiedenfarbigen Adern kann im wahrsten Sinne mehr stecken, als man sieht - zum Beispiel eben das Hochtechnologierohr aus einem Aluminiumverbundstoff. Wenn nötig, kann es auch an ein Kühlsystem angeschlossen werden. So wird die Wand im Sommer zum Kühlblock. Und das Ganze ohne Geräusche und Zugluft, wie es von Klimaanlagen bekannt ist. Insgesamt wird Unbekannt wohl fünf bis sechs große Rollen Klimaschläuche in seinen Wänden unterbringen. Das entspricht einer Länge von 1000 bis 1200 Metern.
Vorsicht mit den Bildern
Der Bauherr lässt sich die modernen Technologien einiges kosten. So ist auch der Holzvergaserkessel, der die Heizung antreibt, auf dem neuesten Stand der Umwelttechnologie. Über einen Brenner wird ein großer Pufferspeicher betrieben, der selbst dann die Wandheizungen noch mit ausreichend hoher Temperatur versorgen kann, wenn einmal ein paar Tage lang kein Holz nachgefüllt wird.
Für ausreichend Brennholz ist erst einmal gesorgt. Mehrere Bäume, die auf dem Grundstück gefällt werden mussten, liegen zerlegt gleich neben den Baumaterialien. Trotzdem will Unbekannt schon schauen, ob er nicht vielleicht in der Nähe ein Waldstück pachten kann, um von dort Nachschub heranzuschaffen.
Einen Punkt gibt es allerdings, der sich durch die verwendete Technik verkompliziert hat. „Das Bilderaufhängen erfordert nun viel Vorsicht“, sagt der Bauherr. Schließlich dürfen keine Nägel oder Schrauben die Heizungsrohre beschädigen. Unbekannt muss deshalb in Zukunft eine spezielle Folie verwenden, die auf Wärme reagiert und ihm anzeigt, an welcher Stelle der Bohrer keinesfalls angesetzt werden darf.
Vorgefertigte Lehmplatten mit integrierter Heizung
Lehmwände, die heizen und kühlen können, gibt es auch im Leichtbauformat. So lassen sich zum Beispiel die „Klimaplatten“ der Firma WEM aus Koblenz in praktisch jedes Haus einbauen. In diese Module, die 2,5 Zentimeter stark und in verschiedenen Größen zu haben sind, ist eine Heizschlange schon integriert. Sie werden einfach auf die nackte Wand geschraubt und danach noch einmal mit einem Lehmoberputz versehen. Gerade auf einer Holzständerkonstruktion ließen sich diese Elemente ideal montieren - also auf einem Untergrund, auf dem Lehmputz normalerweise nicht gut anhaftet, erläutert Gerd Meurer, Geschäftsführer bei WEM. Er hat als Lehmbauer die „Klimaplatte“ vor zwölf Jahren entwickelt. Eingesetzt werden sie zum Beispiel in Fertighäusern. Dort können sie auch in Dachschrägen angebracht werden. Die Nachfrage aus dieser Richtung steige, berichtet Meurer. Immer mehr Bauherren wollten sich die baubiologischen Vorteile von Lehm ins Haus holen.
Im vergangenen Jahr hat WEM nach eigenen Angaben nahezu 500 Baustellen beliefert. Darunter waren auch einige Altbausanierungen. „Vor allem für Baudenkmäler ist die Lehmplatte geeignet“, sagt Meurer. Auf die innenliegende Fachwerkwand kann sie genauso geschraubt werden wie auf die weichen Holzplatten, die meist bei der Innendämmung verwendet werden. Mit einfachen Installationen lassen sich die Lehmplatten an den Heizkreislauf des Hauses anschließen. Ventile regeln die Temperatur auf 45 Grad Celsius herunter. Mehr braucht eine solche Wandheizung nicht. Gleichwohl würde die Lehmplatte durchaus mehr Hitze vertragen - niemand braucht sich deshalb zu sorgen, dass sie zerbröselt. In der Produktion werden sie bei mehr als 60 Grad gebrannt.