26.11.2009 · Am Anfang war noch Spott: Jammerstock reimte man in Karlsruhe auf den Namen der Siedlung, deren Chefplaner Walter Gropius war. Die Bewohner schätzen die Bauten bis heute, trotz mancher Mängel. Ein Besuch in der Siedlung.
Von Birgit Ochs, KarlsruheManchmal fragt Margarete Reb sich, wie sie das damals eigentlich gemacht haben. Wo sie die Koffer, die dicken Anoraks, die Stiefel, Ski und Schlitten verstaut haben, wo die Weihnachtskugeln und der Christbaumständer, Sonnenschirm und Badesachen Platz fanden, als sie in dem kleinen Reihenhaus noch zu viert lebten - ohne Keller, Dachboden und Garage. „Aber es ging“, sagt die Karlsruherin. „Nur viel ansammeln darf man halt nicht.“
Verglichen mit den meisten anderen Bewohnern im Dammerstock, verfügen Margarete und Günter Reb über reichlich Raum. Das Ehepaar wohnt heute auf immerhin 95 Quadratmetern, verteilt auf zwei Etagen. Die Hälfte davon entfällt allerdings auf das Erdgeschoss, wo die Deckenhöhe gerade einmal an die zwei Meter misst. Günter Reb muss jedes Mal den Kopf einziehen, wenn er durch die Türen im unteren Stockwerk geht. „Zum Wohnen ist das Erdgeschoss nur eingeschränkt geeignet, dafür war es auch nicht wirklich vorgesehen“, erzählt er.
Kein Platz für große Möbel
Als die Volkswohnung Karlsruhe als Eigentümerin der Reihenhauszeile 1979 ihren Bestand sanierte, wichen nicht nur die alten Kohleöfen einer Gaszentralheizung und die alten Fenster neueren Modellen mit doppelter Verglasung. Die Wohnungsgesellschaft schuf durch den Ausbau des Untergeschosses auch mehr Platz. So wurde es möglich, im oberen Stockwerk aus zwei sehr kleinen Zimmern ein größeres zu machen.
Zuvor stand den Rebs, die 1974 mit ihrem ersten Kind als Mieter in eines der Reihenhäuser aus dem Jahr 1929 im Dammerstock gezogen waren, im Erdgeschoss ein 20 Quadratmeter großes Zimmer zur Verfügung. Die eigentliche Wohnung befand sich im Obergeschoss: Dort drängten sich Schlaf-, Wohn- und Kinderzimmer mit Bad und Küche auf rund 48 Quadratmetern. Der Familie, inzwischen zu viert, war der Raumgewinn nur recht. „Denn das war alles ganz schön eng“, erinnert sich Margarete Reb. Auch heute ist trotz der zusätzlichen Quadratmeter kein Platz für voluminöse Möbel.
Schon vor 80 Jahren empfanden Besucher der neuen Siedlung im Süden von Karlsruhe die Räumlichkeiten als ziemlich klein. So witzelten Zeitgenossen, für die Bewohner des Dammerstocks würden spezielle Nachttöpfe angeboten, deren Henkel innen angebracht seien.
„Wohnungskulturell“ auf der Höhe der Zeit
Der Dammerstock war Teil eines umfassenden Wohnungsbauprogramms, das der damalige Bürgermeister Hermann Schneider verwirklichen wollte. Die Einwohnerzahl Karlsruhes war von der Jahrhundertwende an innerhalb von nur 30 Jahren von 100 000 auf 156 000 gestiegen. Die Siedlung sollte einen wesentlichen Beitrag leisten, das Wohnungsangebot zu erhöhen. Auch architektonisch wollte die Stadt Zeichen setzen. Nicht genug damit, dass man, gemessen an der jährlichen Zahl der Neubauwohnungen im Verhältnis zu den Einwohnern, „in der ersten Reihe der deutschen Großstädte“ marschierte, wie es der Bürgermeister ausdrückte. Mit den neuen Wohnungen wollte man „wohnungskulturell“ auf der Höhe der Zeit sein.
Es ging dabei nicht nur um neue Grundrisse, sondern auch um neue Werkstoffe, Baumethoden und Konstruktionen. Daher schrieb die Stadt die Bebauung des Geländes 1928 als „Wettbewerb für eine neuzeitliche Mustersiedlung“ aus. Im Preisgericht saßen mit Planern wie Mies van der Rohe und dem Frankfurter Stadtbaurat Ernst May Vertreter des Neuen Bauens.
Zu den Vorgaben gehörte, dass die Wohnungen für Bewohner mit bescheidenem Einkommen erschwinglich sein sollten. Tatsächlich fanden sich dann aber weitgehend besserverdienende Mieter ein. Zudem sollten die Bauten in strikter Zeilenbauweise mit konsequenter Nord-Süd-Ausrichtung realisiert werden. Drei Wohnungsgrößen mit 45, 60 und 70 Quadratmeter Wohnfläche waren gefordert.
Eher praktisch als avantgardistisch
Insgesamt beteiligten sich acht Architekten am ersten Bauabschnitt, darunter Otto Haesler, Wilhelm Riphahn, Klaus Groth und allen voran Bauhaus-Gründer Walter Gropius, der die Rolle des Chefplaners innehatte. Gropius gab den Kollegen den Gestaltungsrahmen vor. Dazu zählten Flachdächer, weiße Fassaden und graue Sockel, gleichmäßige Fensteröffnungen, glatte Türen mit Stahlzargen - und Gärten zur Erholung.
Der erste Bauabschnitt mit 228 Wohnungen und 23 verschiedenen Wohnungstypen war ein Modellvorhaben, das als Bauausstellung unter dem Motto „die gebrauchswohnung“ im September 1929 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. „Im Unterschied zur Weißenhofsiedlung in Stuttgart war man in Karlsruhe nicht in erster Linie an einer avantgardistischen Siedlung interessiert, sondern wollte den Bedürfnissen der Kleinfamilie Rechnung tragen“, streicht Nina Rind einen wesentlichen Unterschied heraus. Die Kunsthistorikerin hat das Bauhaus-Jubiläum zum Anlass genommen, eine Ausstellung zur Siedlungsgeschichte des Dammerstocks sowie ein Kulturprogramm vor Ort zu organisieren.
Wohnqualität überwiegt die Mängel
Nur wenige im Quartier wüssten um die Besonderheit der Siedlung, sagt sie. Diesen Eindruck teilen auch die Rebs, die selbst begeistert von der Architektur des Neuen Bauens sind, die Mängel ihres Häuschens aber nicht verschweigen. Hellhörig ist es, und die größeren und kleineren Schäden haben sich in den vergangenen Jahren doch deutlich gehäuft. „Vor allem Rohrbrüche haben wir oft“, klagt der Hausherr. Diese Nachteile macht aus Sicht des Ehepaars jedoch nicht nur der große, vor und hinter dem Haus liegende Garten wett, obwohl die Ruhe und die gleichzeitige Nähe zur Innenstadt wesentlich zum Wohnwert beitragen. „Mir gefällt die Idee vom lichtdurchfluteten Raum“, gesteht Margarete Reb, der die Siedlung von Kindheit an vertraut ist, da ihre Großeltern und eine Tante schon hier lebten. „Wir sind glücklich, hier zu wohnen.“
Wie sie haben viele Bewohner eine über Jahrzehnte gewachsene Bindung an den Stadtteil. „Wer hier lebt, zieht nicht weg“, haben die Rebs beobachtet. „Die Fluktuation ist ganz gering“, bestätigt Gerhard Steinke von der Wohnungsgenossenschaft Hardtwaldsiedlung. Ihr gehört ein Großteil des Siedlungsbestandes. Auch Beatrice Kindler von der Volkswohnung berichtet, dass langjährige Mietverhältnisse die Regel seien. Um die 3 bis 5 Euro verlangt die Wohnungsgesellschaft an Miete - ohne Nebenkosten, kalt. „Wir sind deutlich unter dem in Karlsruhe üblichen Mietniveau, das Richtung 7 Prozent liegt“, ergänzt Steinke.
Buntgemischte Nachbarschaft
Buntgemischt sei die Nachbarschaft, sagen Steinke wie auch Kindler. Allerdings haben sie im Dammerstock einen auffällig hohen Anteil an „Architekten und Freigeistern“ ausgemacht. „Gropius ist eine Ikone“, erklärt Steinke das Phänomen. Zu den dort lebenden Planern gehörte bis vor kurzem auch Georg Mazka, der einst zehn Jahre auf eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit 45 Quadratmetern Wohnfläche in einem der von Gropius geplanten Laubenganghäuser gewartet hatte.
Jeder der damals am ersten Bauabschnitt beteiligten Architekten betreute seine eigene Häuserzeile. Neben den Reihenhäusern entstanden auch Mehrfamilienhäuser mit vier Geschossen, darunter die Laubenganghäuser. Das Ergebnis sind optisch einander ähnelnde Zeilen, die jedoch alle eine eigene Note besitzen. Da alle Gebäude aus dem Jahr 1929 unter Denkmalschutz stehen, sind bauliche Veränderungen kaum möglich. Selbst um Jalousien wurde in der Vergangenheit juristisch gestritten.
„Wildwuchs gibt es hier nicht“, sagt Architekt Mazka, der seine Wohnung im Laubenganghaus gegen eine größere Bleibe eingetauscht hat, seit er Familienvater ist. „Zu zweit ließ sich das perfekt auf dem Grundriss organisieren, zu dritt ist es zu eng“, resümiert er.
Altersgerechtes Wohnen wird zum Thema
Im Dammerstock ist er dennoch fast täglich unterwegs, weil er im Auftrag der Genossenschaft die energetische Sanierung eines Altbaus in seiner alten Nachbarschaft betreut. Das Haus aus dem Jahr 1958, einer von zahlreichen anderen Ergänzungsbauten, die später entstanden, soll nach dem Abschluss der Arbeiten den Anforderungen der Energieeinsparverordnung 2009 für Neubauten genügen. Dieses Niveau werden die Denkmäler nicht erreichen. Die Volkswohnung hatte ihren Beständen schon 1979 eine Styroporschicht von etwa 10 Zentimetern als Dämmschutz verpasst. „Doch viel mehr geht nicht, sonst verändert sich die Kubatur der doch sehr schmalen Häuser zu stark“, nennt Mazka ein Hindernis für weitergehende Maßnahmen.
Die Energiebilanz der denkmalgeschützten Bauten ist für seinen Auftraggeber allerdings nicht das dringlichste Problem, wenn es um die Zukunftsfähigkeit der Bestände im Dammerstock geht. „Altersgerechtes Wohnen ist das Thema“, sagt Gerhard Steinke. Schon heute seien 60 Prozent der Bewohner älter als 50 Jahre. Noch werde jede der wenigen frei werdenden Wohnung sofort wieder vermietet, auch die im vierten Stock. „Aber ich habe Zweifel, dass das in 10 bis 15 Jahren auch noch so ist.“
Birgit Ochs Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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