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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Neue Großwohnsiedlung in Berlin Genossen, zur Sonne, ins Passivhaus!

11.06.2011 ·  Berlin klotzt: In Kreuzberg plant eine Genossenschaft 400 Wohnungen nach Passivhausstandard zu bauen. Barrierefreies Wohnen und das Zusammenleben von Jung und Alt sind dabei fest vorgegebene Ziele.

Von Jörg Niendorf
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Ein Loch im Zaun führt ins Licht. Fort vom schattigen Bürgersteig, eine Böschung hinauf, kurz, aber steil. Schritt für Schritt kraxelt Aino Simon voran. Die junge Frau führt den Besucher geradewegs auf ein großes Plateau – und zu vielen Aha-Effekten. Denn hier steht man mitten in Berlin und kann doch auf einmal in sämtliche Himmelsrichtungen blicken. Alles liegt scheinbar nah. Weit ist nur der Himmel.

Wie auf dem Präsentierteller wurden auf diesem aufgeschütteten Gelände am Rande Kreuzbergs einst Güterwaggons der Bahn hin und her rangiert. Doch dann wucherte es Jahrzehnte lang zu. „Genau hier werde ich wohnen“, sagt Aino Simon. Die 31 Jahre alte Politikwissenschaftlerin wird eine der Wohnungen beziehen, die bald in diese Großstadtsteppe gebaut werden. Aber keine Lofts mit Weitblick sollen das werden oder luxuriöse Stadtvillen, sondern günstige Genossenschaftswohnungen. 400 Stück plant die „Genossenschaft Möckernkiez“ für ihre Mitglieder, vorwiegend kleine, bescheidene Wohneinheiten. Genau damit will das Projekt auf dem Plateau Vorbild sein. „Wir werden eine soziale und ökologische Mustersiedlung“, wirbt Aino Simon, die auch Vorstand der Genossenschaft ist.

Die größte Passivhaussiedlung überhaupt

Das barrierefreie Wohnen und das Zusammenleben von Jung und Alt sind fest vorgegebene Ziele. Aino Simon erzählt, dass sie selbst mit Mann und Tochter ins Viertel ziehen werde, aber auch mit ihrer Mutter, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Das soll typisch sein für den künftigen Möckernkiez.

Außerdem will die Genossenschaft die größte Passivhaussiedlung überhaupt bauen. Die Gebäude sollen so gut wie keine Heizenergie verbrauchen. Bei einem innerstädtischen Bauprojekt in dieser Dimension hat es das bisher nicht gegeben. Und noch etwas macht das Vorhaben auf der Kreuzberger Brache besonders: Es ist ein Bürger-Coup. Viele Beobachter hätten der Bürgerinitiative nie zugetraut, das Grundstück beplanen zu können, sagt Simone Schmiedl von dem Projektsteuerer Drees & Sommer. Doch dann hat die Genossenschaft die 30.000 Quadratmeter große Fläche gekauft und das Unternehmen Drees & Sommer mit der Begleitung beauftragt. 70 Millionen Euro werden investiert, 49 Millionen davon aus Bankkrediten, der Rest aus den Einlagen der Genossenschaftsmitglieder.

Bauvolumen und Investitionen dieser Größenordnung sind für Drees & Sommer üblich, nicht aber unbedingt der Kontakt zu mehreren Hunderten Genossenschaftern, die alle satzungsgemäß teilhaben sollen an den Planungen ihres künftigen Wohnviertels. Simone Schmiedl lobt jedoch, wie professionell und zielgerichtet alle Beteiligten aus diesem modernen Kreuzberger Kollektiv bisher ihre Ziele durchgesetzt hätten. Die Projektentwicklerin selbst war schon mehrfach auf Mitgliederversammlungen, die oft in einer nahe gelegenen Kirche stattfinden. „Die sind straff organisiert“, berichtet Schmiedl, die normalerweise mit dem dreiköpfigen Genossenschaftsvorstand zusammenarbeite.

Eine sehr pragmatische Vorgabe war zudem, das Gelände von mehreren Architekten beplanen zu lassen. Die Mitglieder wünschen sich Vielfalt anstatt eines einheitlichen Äußeren, das sonst für Genossenschaftssiedlungen typisch ist. Fünf Büros gingen als Sieger aus einem Wettbewerb hervor. Dabei sind ein Veteran der Solararchitektur, der Freiburger Rolf Disch, sowie große, international agierende Planer aus dem boomenden Geschäft des Öko-Bauwesens. Genauso aber arbeiten junge Berliner Architekturbüros mit. Jedes von ihnen soll etwa 80 Wohnungen planen.

So groß wie drei Fußballfelder

Insgesamt wird es zehn Wohnhäuser geben, die allesamt geschützt in Hofanlagen liegen und nur für Fußgänger und Radfahrer zu erreichen sind. An den Straßenfronten der Yorck- und der Möckernstraße sollen dagegen moderne Gewerbe- und Gemeinschaftsbauten entstehen. Ein Jugendfreizeitheim gehört dazu, das sich der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wünscht, zudem ein Hotel und eine „Kiezkantine“ für Genossenschafter und Nachbarn.

So groß wie drei Fußballfelder ist das Baugrundstück. Heute schirmen noch die alten Verladerampen eines ehemaligen Zollpackhofs das Gelände von der Außenwelt ab. Diese Rampen kennt jeder in Berlin vom Vorbeifahren, daher können sich die Genossenschafter und die Projektsteuerin Schmiedl vorstellen, sie in die neue Bebauung zu integrieren.

In kurzer Zeit, das steht auch schon fest, wird das ganze Baugelände außerdem neue Aufmerksamkeit erlangen. Im Spätsommer wird ein Park eröffnet, der den anderen, größeren Teil des ehemaligen Güterbahnhofs zur Erholungsfläche macht. Wer diesen „Park am Gleisdreieck“ besucht, stößt automatisch an den Bauzaun des Genossenschaftsvorhabens und kann den Stand der Entwicklung ablesen. Das Loch im Zaun, durch das man heute hinaufgelangt, hat dann als Zugang ausgedient.

Oft helfen die Ausrichtung der Häuser zur Sonne und riesige Fensterflächen

In schnellen Schritten geht es voran, im Herbst soll der Bauantrag eingereicht werden. Die Aufträge für die Fachplanungen werden derzeit von der Projektsteuerin Schmiedl vergeben. Vereinfacht gesagt, müssen die vorhandenen Architektenentwürfe mit einer übergreifenden Planung für die Gebäudetechnik und die Bauphysik in Übereinstimmung gebracht werden. Alle Gebäude sollen schließlich spezielle Hüllen und intelligente Technik bekommen, damit sie den Passivhausstandard erreichen. In jeder Wohnung dürfen nur 15 Kilowattstunden Heizenergie pro Quadratmeter und Jahr verbraucht werden, das entspricht in etwa 1,5 Liter Heizöl.

Im Ein- und Zweifamilienhausbau ist diese Bauweise vielfach erprobt, oft helfen die Ausrichtung der Häuser zur Sonne und riesige Fensterflächen. Beim Berliner Großprojekt liegt die Herausforderung darin, vom ersten bis zum vierten Stock und selbst in halb verschatteten Wohnhöfen solche Standards zu erreichen. Gleichzeitig sind alle Systeme stark zu vereinheitlichen, damit das gesamte Vorhaben günstig bleibt. Die Standardisierung ist oberstes Gebot der Genossenschaft.

Dennoch will sie nicht von ihrer Ambition lassen. So frage man sich, heißt es im Vorstand, „wie viel Plusenergie schaffen wir?“. Das bedeutet, wie viel zusätzliche Stromgewinnung möglich wäre durch solare Paneele auf Dächern und Fassaden. „Viel Fachwissen gibt es in den Reihen der Mitglieder“, sagt Simone Schmiedl anerkennend. Das weiß sie, weil sie unterschiedliche Energiekonzeptionen geprüft hat und dabei auch Genossenschafter mitgewirkt haben. Im Moment werden mehrere Varianten diskutiert, wo genau der Strom und die geringe Menge an notwendiger Heizenergie herkommen soll. Als sicher gilt, dass ein eigenes Blockheizkraftwerk eingerichtet wird.

Das Gebot zum Standard

Besonders stolz ist Simone Schmiedl jedoch auf zwei Papiere, die vor ihr auf dem Schreibtisch liegen und einen vielfarbigen und dynamischen Zeitstrahl anzeigen. Klar verständlich steht da geschrieben, wann das Projekt welche Entscheidung erfordert, wann genau welche Mitbestimmung der Genossenschafter möglich ist. Alle haben diesen Plan erhalten, „das sind unsere Spielregeln“, sagt die Projektentwicklerin.

Ein wenig wirkt es freilich, als ob auf diese Weise die mitwirkungsfreudigen Zirkel auch vor sich selbst geschützt werden, damit sie sich nicht in endlosen Debatten verlieren. Im Herbst werden sich die Gruppen zusammenfinden, die später eine Hausgemeinschaft bilden. Sogar Vorlesungen hat die Genossenschaft dazu organisiert, was bei der Planung von Grundrissen zu beachten ist. Aber auch hier taucht wieder das Gebot zum Standard auf: Alles muss moderat und anpassungsfähig bleiben.

Nur in der Gemeinschaft

Das sei der große Unterschied zu einer Baugruppe, erläutert Fachfrau Schmiedl. Hier könne niemand seine Wohnung individuell umplanen, wann und wie es beliebt. Immer geht es um das Gemeinschaftsvorhaben. Alles muss altersgerecht, gleichzeitig familienfreundlich sein, flexibel und vermietbar. Nur wenige Ausstattungsvarianten könne es ebenso für die Bäder geben, aber immerhin darüber könnten die Bewohner jetzt mit entscheiden. Die Devise ist: Eine Sonderrolle ist möglich, aber nur in der Gemeinschaft.

So kann sich ein Haus durchaus eine Dachterrasse zur gemeinsamen Nutzung wünschen oder ein Musikzimmer. Aber dann bitte beizeiten. Ab in den entsprechenden Arbeitskreis, lautet die Parole.

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