15.11.2009 · Früher suchten Studenten ihre Möbel gern auf dem Sperrmüll zusammen. Heute suchen Möbel-Designer ihre Materialien auf der Müllkippe. Das schont Ressourcen und senkt den Kohlendioxid-Ausstoß, sagen sie.
Von Anja MartinAlte Schrankwände, durchgesessene Sofas, angeschlagene Couchtische - 7 Millionen Tonnen Möbel landen in Deutschland jedes Jahre auf dem Müll, und 90 Prozent davon gehen direkt in die Verbrennungsanlage.
Im Heimatland von Fernando und Humberto Campana sähen die Zahlen, würde sie jemand erheben, definitiv ganz anders aus. Was auf den Straßen von São Paulo der eine wegwirft, kann ein anderer brauchen. In Brasilien, wie in vielen Ländern dieser Welt, gilt Abfall als Rohstoff, den man ganz selbstverständlich und einfallsreich nutzt.
Luftpolsterfolie und Gummischläuche
Von dieser Praxis haben sich die Brüder Campana anstecken lassen: Seit zwanzig Jahren verwenden die beiden wohl bekanntesten Designer Lateinamerikas scheinbar wertloses Material für ihre Möbelentwürfe, die gleich mehrfach in die feine Kollektion des italienischen Designherstellers Edra Einzug fanden, im Museum of Modern Art in New York ausgestellt wurden und zurzeit im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen sind: Stühle wie der an die Hütten der Elendsviertel erinnernde, ursprünglich aus Restholzstücken gezimmerte „Favela“ oder der Klassiker „Vermelha“, bei dem man auf einem Wust an Seilen sitzt.
Da kommen Luftpolsterfolie und Gummischläuche als Polster genauso zum Einsatz wie Plüschtiere. Abflusssiebe avancieren zu durchbrochenen Tischplatten, alte Motorradreifen werden zu Obstschalen, und billige weiße Plastikstühle bekomme,n mit Korb umflochten, eine zweite Chance.
Einfallsreichtum
„Es gibt viele Wege, Dinge, die wir haben, wiederzuverwerten, anstatt neue Materialien zu produzieren“, meint Fernando und ist sichtlich stolz auf den Einfallsreichtum seiner Landsleute. „Früher hat man sich in Brasilien fürs Improvisieren geschämt, aber inzwischen sieht man großes Potential darin.“ Und fügt hinzu: „Wir konzentrieren uns sehr auf diese Seite unserer Gesellschaft - auf die fragile, nicht so globalisierte.“
Die Alltagspraxis ärmerer Länder hat inzwischen in der europäischen Designszene Einzug gehalten, wenn auch kaum aus der Not heraus. Möbel aus Müll sind trendig. Sie finden ihren Platz auf den wichtigsten Bühnen der Branche wie der Internationalen Möbelmesse in Köln, dem Salone del Mobile in Mailand und der wegweisenden 100 Prozent Design in London. Selbst im Designkaufhaus Stilwerk in Hamburg waren bis Ende Oktober Produkte aus Abfall ausgestellt - und zwar die Entwürfe der Teilnehmer des Recycling-Designpreises. Darunter eine Tischleuchte aus Federbällen, ein Pouf aus zusammengerollten Zeitungen, eine Schale aus dem Bullauge einer Waschmaschine und eine Garderobe aus an die Wand montierten Stuhllehnen.
In der Jury saß unter anderen Oliver Schübbe, momentan der bekannteste deutsche Designer, wenn es ums Neuinterpretieren von Weggeworfenem geht. Auf der Biennale in Venedig durfte der 36-Jährige dieses Jahr sogar den deutschen Salon einrichten: mit seinem Sitzmöbel „Pixelstar“, gefertigt aus alten Spanplatten und einem aus dem Kleidersack zusammengewürfelten Polsterbezug.
Das von ihm entworfene Regalsystem „Frank“ hat enorm viele Fans gefunden, wurde mittlerweile mehr als 6000 Mal verkauft. Nach einem jüngsten ARD-Bericht schoss die Zahl der Anfragen in die Höhe. Und nun hat das ZDF angeklingelt, ob Schübbe nicht eine eigene Sendung machen wolle. Das Redesign hat offenbar genau den Nerv getroffen. „Es passt einfach zum Zeitgeist. Dieser Materialmix und die Möbel mit Geschichte“, erklärt sich Oliver Schübbe das Phänomen.
Kein Materialmangel
Sogenannte grüne Linien finden sich im Design allenthalben, Nachhaltigkeitsgedanken sind schon fast Standard. So verrät die Internetseite der Marke Zweitsinn, über die Schübbes Möbel angeboten werden, gleich die genaue Menge an Kohlendioxid, die man der Umwelt mit dem Kauf der einzelnen Modelle erspare. „Bis es Produkte gibt, die man aufessen kann“, sagt der Designer, „ist so eine Umnutzung à la Zweitsinn irgendwie die beste Lösung.“ Was ihn besonders freut: dass es tatsächlich klappt, den Leuten die Eiche-rustikal-Möbel, die sie gerade losgeworden sind, übers Design zurückzuverkaufen.
Schübbe arbeitet seit drei Jahren für die Recyclingbörse Herford und sitzt damit direkt an der Sperrmüllquelle. Es mangelt hier weder am Material noch an Manpower, denn man beschäftigt verstärkt Langzeitarbeitslose und benachteiligte Jugendliche.
Hagen und Iserlohn
Auch in Städten wie Hagen und Iserlohn wird bereits fleißig gewerkelt. Vernetzt sind die Projekte über die Plattform Zweitsinn, und ins Rollen kam alles vor fünf Jahren durch eine Forschungsarbeit des Instituts für Umweltforschung der TU Dortmund, gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.
Der Kopf dahinter ist der Ingenieur Werner Baumann. „Unser Ziel ist es, durch cleveres Designen die Möbelrecyclingquote von fünf Prozent um ein, zwei, drei, vielleicht sogar vier Prozent zu erhöhen“, erklärt er. „Das ist gut möglich. Wir haben es etwa in Hagen geschafft, von ehemals 8 Prozent auf 16 Prozent zu kommen.“ Gerade ist er dabei, neben den Werkhöfen auch noch die Designhochschulen ins Boot zu holen.
Trend zum Trashdesign
Der Trend geht hin zu einer Art Trashdesign, das sich ganz offen zum früheren Leben seiner Materialien bekennt. So verbindet Franziska Wodicka in Kreuzberg Schubladen zu Schränken, bei rafinesse & tristesse biegt man Konservendosen zu Kinderküchen, die Firma Bordbar verwandelt Flugzeugtrolleys in mobile Hausbars, und Jan Geiger von Lab 612 rüstet gelbe Telefonzellen zu Duschkabinen um, wobei die Aufkleber selbstverständlich drauf bleiben müssen. Die Produkte sollen ganz bewusst Kratzer und Schrammen haben, man liebt die „Fehlerästhetik“, wie Schübbe das nennt.
Noch in einem anderen Punkt setzt das Recyclingdesign dem Mainstream etwas entgegen: Es ist meist unverhohlen Lowtech. So arbeitet man etwa in Herford mit einfachen Stichsägen, die teils, wie die alten Möbel, als Müll abgegeben worden sind. In einer Welt der Serienproduktion suchen Verbraucher wieder das Besondere, das Unikat.
Weg von der Einheitspampe
„Die Menschen wollen zusehends weg von der Einheitspampe“, beobachtet Werner Baumann. „Also von dem, was uns die letzten zwanzig Jahre immer wieder vorgesetzt worden ist, auch preisgünstig vorgesetzt worden ist. Man fand das gleiche Regal in jeder Studentenbude. Das ist heute nicht mehr so. Die Leute wollen individuelle Möbel, die aber bezahlbar sind.“
Das unterscheidet den aktuellen Boom auch von vielen vorangegangenen Entwicklungen rund um das Umnutzen von Gebrauchtem, denn neu ist der Gedanke natürlich keineswegs. Heute geht es in der Regel nicht um sündhaft teure Einzelstücke, die sich als gesellschaftliche Spielerei verstehen oder gleich Kunst sein wollen, sondern um Produkte, die mit denen der Möbelindustrie konkurrieren und für jeden Geldbeutel etwas bieten. „Wir sagen“, so Schübbe, „dass wir die Masse an Müll, die entsteht, auch wirklich unter die Leute bringen wollen.“
Anleitung zum Selbstbau
Einen etwas anderen Ansatz verfolgt Nina Tolstrup, eine Londoner Designerin, die ihre Palettenmöbel im September auf der 100 Prozent Design ausgestellt hatte. Sie verkauft nicht die Möbel, sondern für ein paar Euro die Anleitungen, die man sich im Internet herunterladen kann. Schließlich ist der Rohstoff überall kostenlos verfügbar. „Paletten sind wie Container“, sagt sie. „Sie werden herumgeschippert, und man findet sie in jeder Ecke der Welt.“
Die Stühle in London zu produzieren und zu verschicken wäre einfach widersinnig gewesen. Von Hawaii über Kanada bis nach Neuseeland wurden sie inzwischen nachgebaut. Sogar ein Hotel in Griechenland richtete sich damit ein, und eine kleine Werkstatt in den Slums von Buenos Aires bestreitet gleich ihr Einkommen mit der Produktion von Palettenmöbeln nach Tolstrups Anleitungen. So kommt also die lateinamerikanische Praxis des Improvisierens, als britisches Design geadelt, wieder zurück in die Favelas - die Brüder Campana würden das bestimmt begrüßen.