Home
http://www.faz.net/-gz8-15ajj
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Immobilien Grüner Wohnen

03.04.2009 ·  Immer mehr Menschen achten auch beim Wohnen auf die saubere Umwelt. Ein Markt mit Wachstumspotential, denn Biomöbel werden zu Designobjekten.

Von Christiane Harriehausen
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ökologisches Wohndesign - das Begriffspaar erscheint widersprüchlich. Geistern doch Bilder von Hausdächern mit wenig dekorativen Solarkollektoren, von kantigen Passivhäusern und einfallslosen Massivholzmöbeln durch die Vorstellung vieler Menschen, wenn sie das Wort „Öko“ hören. Doch allmählich bahnt sich auch in der Wohnlandschaft ein Bewusstseinswandel an.

„Grüner Wohnen“ wird gesellschaftsfähig und schafft dadurch einen Markt für neue Produkte. Zwar ist Skepsis angebracht, wenn bereits der Abgesang auf die billigen Massenprodukte der Wegwerfgesellschaft angestimmt wird. Doch die Zahl der Menschen steigt, die bei einem Produkt auf seine Herkunft, ein Ökosiegel oder die Energiebilanz achten.

Form, Funktion, Nachhaltigkeit

Wohnungen so zu gestalten, dass sie sowohl für ihre Bewohner als auch für die Umwelt gut sind, hat sich auch der britische Innenarchitekt Oliver Heath zur Aufgabe gemacht. Seine über viele Jahre gesammelten Erfahrungen sind in dem kürzlich im Knesebeck Verlag erschienenen Buch „Green Living, Wohnideen für Umweltbewusste“ zusammengefasst.

„Ich nehme den Klimawandel als Tatsache hin und suche nach einer Lebensform, durch die ich die Umwelt weniger schädige und dennoch stilvoll und angenehm wohnen kann. Schließlich bin ich Designer, und das Entscheidende beim Design ist, dass Form, Funktion und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen“, beschreibt Heath seine Motivation.

Möglichst geringe Betriebskosten

Dabei achtet er vor allem auf möglichst geringe Betriebskosten, eine angenehme Wohnatmosphäre und wenig Giftstoffe. Doch auch eher unscheinbare Dinge des täglichen Gebrauchs wie schöne und umweltfreundliche Haushaltsgegenstände haben für ihn eine große Bedeutung. „Ich habe einfach zu viele Wohnungen gesehen, die mit Massenprodukten vollgestopft sind, und deren persönlicher Ausdruck beim schnellen Möbelkauf auf der Strecke geblieben ist.“

Dabei lasse sich ökologisches Design mit Eleganz verbinden. „Oft geht es nur darum, das Vorgefundene anzupassen und weiterzu- verbessern.“ Die Grundlage eines zeitgemäßen ökologischen Designs sieht Heath im Reduzieren, Verwerten und Recyceln. „Reduzieren bezieht sich auf den schonenden Umgang mit Ressourcen, ob es um die Versorgung des Haushalts mit Gas, Wasser und Elektrizität geht oder ganz allgemein um Verbrauchsgüter wie Möbel oder Kleidung, Verpackungsmaterial oder Nahrung“, erläutert der Innenarchitekt. Bei der Verwertung denkt er an die Weiterverwendung ausgemusterter Dinge. „Ein abgenutzter Stuhl bekommt mit einem neuen Anstrich eine zweite Chance.“ Recyclen beziehe sich hingegen auf Materialien, die in verwandelter Form zu neuen Produkten werden könnten. „Die Rohstoffe sind begrenzt, daher müssen wir aus dem, was wir haben, das Beste machen.“

Tücken bei der Umsetzung

Was in der Theorie so einfach klingt, hat in der Praxis seine Tücken. „Ein Öko-Haus ist ein Gebrauchsgegenstand, in dem funktionale Effizienz an erster Stelle steht, Design ist da nur ein schönes Extra“, weiß Heath. Doch Wohnen sei auch Ausdruck von Persönlichkeit. „Es besteht eine Kluft zwischen der Askese, die der ökologische Purismus diktiert, und unserem Lebensgefühl, zu dem auch Komfort und ein Zuhause mit Wohlfühlcharakter gehören.“ Ein Gleichgewicht zwischen Design und Funktion herzustellen sei also die eigentliche Herausforderung.

Heath sieht drei Schlüsselthemen, mit denen ökologische Funktionalität mit Wohndesign verbunden werden kann: Technologie, Natur und Antikes. Technologie beziehe sich dabei auf effiziente Geräte und neuartige Materialien, Natur stehe für natürliche Materialien und Antikes für alte Gegenstände mit Patina und Persönlichkeit. Jeweils einer der drei Aspekte habe auf bestimmte Räume einer Wohnung mehr Einfluss.

Während die Küche in der Regel technisch orientiert sei, tendierten viele Menschen im Schlafzimmer eher zum Antiken oder zur Natur. Doch: „Öko-Design ist offen für Interpretation, es ist ein flexibler Stil“, urteilt Heath. Er regt dazu an, alle Wohnbereiche unter die Lupe zu nehmen, wobei es nicht darum geht, den kompletten Haushalt umzustellen. Vielmehr plädiert der Fachmann für eine sinnvolle Nutzung neuer Technologien in Verbindung mit vermeintlich ausgedienten Dingen und Produkten aus Recyclingstoffen.

Europäisches Prüfsystem

Doch wie erkennt der Verbraucher ein „ökologisches Möbel“? Schließlich gibt es keine einheitlich festgelegte Definition, und entsprechend schwierig ist es, die Spreu vom Weizen zu trennen. Die Öko-Control Gesellschaft, eine Tochtergesellschaft des Europäischen Verbands ökologischer Einrichtungshäuser, hat hierfür Kriterien definiert (Oekocontrol) und ein Prüfsystem geschaffen. „Ziel ist es, Verbrauchern, Händlern und Herstellern mehr Sicherheit beim gesunden Einrichten zu geben“, beschreibt Johannes Genske, Geschäftsführer der Pro-Öko Servicegesellschaft, die Aufgaben des Verbands.

Der Kunde sollte auf eine Volldeklaration über die Inhaltsstoffe oder Prüfzertifikate achten. Er beobachtet, dass Biomöbel in den vergangenen 20 Jahren eine interessante Entwicklung durchlebt haben. „Öko-Möbel haben eine Wandlung vom Müsli-Möbel zum designorientierten Einrichtungsobjekt vollzogen.“ Entsprechend dem zunehmenden Verantwortungsbewusstsein und der Aufgeklärtheit des Verbrauchers sei auch die Nachfrage nach Biomöbeln gestiegen. „Wir rechnen damit, dass dieser Markt weiter wachsen wird“, prognostiziert Genske. Das habe sich auch auf der internationalen Möbelmesse imm cologne Anfang des Jahres in Köln gezeigt, wo Möbel, die ökologisch einwandfrei und zugleich modern und ansprechend designed sind, besondere Beachtung fanden.

Allerdings hat Qualität auch ihren Preis. „Im Hinblick auf die Langlebigkeit der hochwertigen, massiven Möbel muss man die Aussage ,teuer' allerdings relativieren. Die Qualität und Verarbeitung machen die formschönen Produkte heute schon zu den ,Antiquitäten' von morgen“, sagt Genske. Aufgrund ihrer langen Nutzungsdauer seien sie daher im wahrsten Sinne des Wortes als preiswert zu bezeichnen. „Bei einem Preisvergleich der Biomöbel mit hochwertigen, internationalen Designmarken, deren Produkte zum Teil aus herkömmlichen Materialien wie zum Beispiel Spanplatten gefertigt werden, können sich die ökologischen Möbel durchaus behaupten.“

Zum Nachlesen:

Green Living, Wohnideen für Umweltbewusste von Oliver Heath ist kürzlich im Knesebeck Verlag erschienen. Das Buch gibt Tipps, wie modernes Wohndesign mit einem ökologisch korrekten Lebensstil verbunden werden kann.

Ökologisch wohnen, bauen und sanieren. Für Eigentümer und Mieter. Mit einer Übersicht der Förderprogramme. In Zusammenarbeit mit „Deutsche Energieberater-Netzwerk e.V.“ von Gabriele Neimke und Marco Erlenbeck, erschienen 2008 bei Humboldt.

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
10.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.692,96 −1,41%
 OK