Home
http://www.faz.net/-gz8-14zjn
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Forschung Ein Besuch im Hotelzimmer von morgen

17.01.2010 ·  Im Fraunhofer In-Haus-Zentrum in Duisburg arbeiten Wissenschaftler am Hotel der Zukunft. Der Teppich lenkt den Gast zum richtigen Zimmer. Dort wiegt ihn das Bett in den Schlaf.

Von Miriam Beul
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Ein Hotelbesuch spielt sich oft nach dem gleichen Muster ab. Man surft im Internet, bucht das Zimmer online oder telefonisch, reist an und checkt ein. Viele ältere Reisende buchen zwar noch über ein Reisebüro. Aber spätestens ab dem Moment der Ankunft gleichen sich die Abläufe. Der Gast erhält an der Rezeption Schlüssel oder Chipkarte, nimmt Treppe oder Lift, sucht das Zimmer, öffnet die Tür, knipst das Licht an, stellt einen Koffer ab, wirft einen Blick aus dem Fenster.

In modernen Häusern begrüßt der Fernsehbildschirm den Gast persönlich. Dazu dudelt oft eine seichte Musik. „Guten Tag, sehr geehrter Herr Damacher. Herzlich willkommen im Hotel Maja.“ Man greift zur Fernbedienung, schaltet den Fernseher ein oder aus, verstaut das Gepäck, nimmt vielleicht eine Dusche, schläft abends lesend oder bei einer Fernsehsendung ein.

In der Erprobungsphase

Im Hotel der Zukunft könnte vieles anders ablaufen. In der InHaus-Forschungsanlage des Fraunhofer Instituts in Duisburg werden Nutzungskonzepte für das Hotelzimmer von morgen erprobt. Es hält für den Gast allerhand Überraschungen bereit. Das fängt schon bei der Buchung an. In ein paar Jahren könnte es sein, dass der Hotelgast kein Zimmer mehr bucht, sondern eine „Raumkonstellation“.

„Betreiber mit Häusern an sehr guten, teuren Adressen denken verstärkt über flexible Raummodelle nach. Der Gast wählt zum Beispiel ein Zimmer als Familiensuite am Wochenende, könnte aber theoretisch den gleichen Raum wochentags als kleinen Konferenzraum ohne Betten nutzen“, erzählt Klaus Scherer, Leiter Gesamtmanagement des Fraunhofer In-Haus-Zentrums Intelligente Raum- und Gebäudesysteme. In Duisburg sind verschiedene Szenarien des Future-Hotel-Projekts als Prototypen aufgebaut. Der Wissenschaftler drückt zum Beispiel auf einen Knopf - und wie von Zauberhand tauschen Dusche und Toilette via Drehbühne den Platz, werden Wände verschoben, wird die edle Wanne aus dem Grundriss ausgespart.

„Intelligente Flurbeleuchtung“

Schon der Weg zum Zimmer gleicht einem Abenteuer aus der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“. Kein Hotelpage, sondern die „intelligente Flurbeleuchtung“ leitet den Gast zum richtigen Zimmer. „Die Personen-Objekt-Ortung spielt auch bei Sicherheitsfragen eine wichtige Rolle - wenn man etwa wissen will, wer sich alles im Hotel aufhält, oder auch im Falle eines Feueralarms“, sagt Scherer. Reisende mit Gehbehinderungen führt das Ortungssystem, im Fachjargon „Tracking“ genannt, erst zum Fahrstuhl und dann ebenfalls zur jeweils gebuchten Unterkunft.

Unterwegs trifft der Gast dann womöglich auf einen Verwandten von R2D2, dem sprechenden Roboter aus den „Star Wars“-Kinofilmen: Ein Service-Roboter mit eingebauter Mini-Bar rollt über die Flure. Er kann sich, wie Scherer betont, den Weg schon merken und steuert die entsprechenden Zimmer mit hoher Trefferquote an. Ein wenig unpersönlich, so ein fahrender Zimmerkellner. Aber der Wissenschaftler meint, dass viele Gäste anonyme Bestellvorgänge - vor allem für Getränke - durchaus begrüßen.

Eine völlig neue Welt

Eine Attraktion in dem 5200 Quadratmeter großen Duisburger Zukunftslabor, in dem 40 Wissenschaftler zusammen mit Industriepartnern nicht nur technische Innovationen für Hotels, sondern auch für Wohnungen, Büros, Gesundheitseinrichtungen, Baustoffe und Baulogistik erproben, ist das strahlendweiße Zukunftshotelzimmer. Wer es dank der intelligenten Flurbeleuchtung am fahrenden Pagen vorbei in sein Gemach geschafft hat, betritt nun eine völlig neue Welt.

Den üblichen Griff zum Lichtschalter kann man hier vergessen. Der Fußboden enthält vielmehr Sensoren. Hell wird es, sobald der Gast das Zimmer betritt. Auch optisch hebt sich das Zimmer deutlich von heutigen Herbergen ab. Keine rechten Winkel, keine Ecken, alles ist rund. „Wir wissen, dass runde Formen das Wohlbefinden steigern, weil sie der Natur näher sind als eine glatte Wand“, sagt Vanessa Borkmann, die Projektleiterin „FutureHotels“ am Fraunhofer Institut in Stuttgart.

Das ideale Hotel

In einer aufwendigen Umfrage haben Borkmann und ihre Mannschaft ermittelt, was Gäste heutzutage von einem idealen Hotel erwarten und wie das perfekte Hotel von morgen aussehen soll. An der Umfrage wirkten unter anderen das Online-Reisebüro HRS, die Lindner Hotel AG sowie die Steigenberger Hotelgruppe mit. Insgesamt haben rund 2800 Hotelgäste im Alter zwischen 20 und über 70 Jahren die Online-Fragebögen ausgefüllt. Eines der Ergebnisse: Schon heute gibt es nicht mehr den einen Gast, sondern 15 verschiedene Gasttypen, die an Kurzaufenthalte im Hotel völlig verschiedene Ansprüche stellen.

Der Design-Liebhaber aus der Kategorie der Privatreisenden wünscht sich von seinem Aufenthalt etwas anderes als der Tagungsgast aus der Gruppe der Geschäftsreisenden. Auch nutzen alle Gasttypen ihre Zeit unterschiedlich. Privatleute verbringen laut Umfrage im Schnitt drei Stunden pro Tag im Wellnessbereich. Geschäftsreisende haben dafür keine Zeit, sondern investieren lieber eine Stunde, um auf dem Zimmer zu arbeiten.

Erprobung und Demonstration

Das Modell des Zukunftshotels dient der Erprobung und Demonstration neuartiger Ausstattungs- und Nutzungskonzepte für das Hotelzimmer von morgen. „Dazu gehören innovative Bediensysteme, wie Sprach- und Sensorsteuerung oder integrierte Displaysysteme, sowie Lösungen zu Gastkomfort und Wellness“, fasst Borkmann zusammen. Forschungsergebnisse und Prototypen, die die Fraunhofer-Mannschaft zusammen mit System- oder Komponentenpartnern entwickelt, werden miteinander verknüpft und in neue Konzepte eingearbeitet.

Der Duisburger Prototyp wirkt auf den ersten Blick nicht wie eine Mischung aus allem, was heutige Reisende unter Komfort verstehen. Trotz seiner Rundungen erinnert das Zimmer erst einmal an ein Krankenhaus. Das mag an dem vielen Weiß liegen. Auch die Decke strahlt in dem hellen Ton, besteht aber bei genauerem Tasten aus einer aufgespannten High-Tech-Folie, die sich von selbst glattziehen kann.

Futuristische Lichtkapsel

Dahinter befindet sich ein LED-Licht-Konzept: Der Gast kann Decke und Wände wahlweise in blaues, rotes oder grünes Licht tauchen und verwandelt sein Hotelzimmer so in eine futuristische Lichtkapsel. „Wer lesen möchte, befestigt einfach einen Clip an seinem Buch. Den erkennt dann ein Sensor, und der lenkt den Spot entsprechend“, erläutert Borkmann. Auf diese Weise habe man immer die optimale Beleuchtung.

Auch das Hotelfenster enthält jede Menge Hochtechnologie. Während man sich heute noch wahlweise über einen Blick auf den Pariser Eiffelturm, den Golf von Dubai oder die Ostsee freut, lässt sich das Duisburger Zukunftshotelfenster über die gesamte Fläche in einen Videobildschirm verwandeln. Steuern lässt sich das über den zimmereigenen Computer. Oder über Spracherkennung - auch das ist möglich. „Was gibt es heute zum Abendessen“, fragt der Gast zum Beispiel den Computer. Und das Exemplar im Duisburger Labor könnte jetzt schon „Lachs mit Spinat und Kartoffeln“ antworten.

Edle Mischung

Selbstverständlich ist auch das Badezimmer der Zukunft „intelligent“. Es kommt im In-Haus als edle Mischung aus klassischem Bad und Sauna daher. Von der Wanne aus blickt der Gast durch eine Glaswand direkt ins Zimmer oder in seinen übergroßen Fenster-Bildschirm. Die Rückwand hinter ihm besteht aus einer hochwertigen Holzvertäfelung, hinter der sich wiederum eine Infrarotsauna verbirgt. Um das Saunaerlebnis zu vervollkommnen, pustet ein Luftspender neben der Wanne künstlich erzeugte Aufgussaromen in den Raum. Man kann zum Beispiel zwischen den Duftnoten „Nordsee“ und „Schwarzwald“ wählen.

Auch das wichtigste Möbelstück im Hotelzimmer, das Bett, kann künftig mehr als seine heutigen Vorgänger. Die Forscher haben nicht zuletzt beim Thema Schlafen die Umfrageergebnisse sehr ernst genommen. Offenbar lässt der Entspannungsfaktor heutiger Liegen einiges zu wünschen übrig. „Wie kann man Manager und kleine Kinder am besten beruhigen“, fragt In-Haus-Chef Scherer. Und gibt die Antwort gleich selbst: „Durch Schaukeln.“ Über Computer oder Sprachbefehl setzt sich das Hotelbett der Zukunft langsam wiegend in Bewegung. Es knarrt noch ein wenig, doch liegt es sich darin wie in einer gepolsterten Hängematte. Wer bei dem Geschaukel nicht seekrank wird, verbringt künftig bestimmt mehr Zeit in seinem Hotelbett als heutzutage.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
13.02.2012 09:50 Uhr
  Vortag
Dax 6.770,58 +1,16%
 OK