Home
http://www.faz.net/-gz8-12in6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Balkon Schrebergarten in luftiger Höhe

11.05.2009 ·  Ein eigener Balkon steht bei den Deutschen ganz oben auf der Wunschliste. Deshalb müssen viele Eigentümer ihre Häuser nachträglich damit ausrüsten. Doch die Nachbarn dürfen mitreden. ein Gespräch mit Architektin Cornelia Schulz-Anker.

Von Birgit Ochs
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Wenn es um die Ausstattung der Wohnung geht, dann steht der Balkon ganz oben auf der Wunschliste. Daher entscheiden sich Eigentümer balkonloser Wohnungen oftmals für einen nachträglichen Anbau. „Der ist im Prinzip möglich, aber nicht immer unproblematisch“, sagt die Frankfurter Architektin Cornelia Schulz-Anker, die schon mehrere Balkonanbauten geplant hat.

Frau Schulz-Anker, in innerstädtischen Altbauquartieren sind Balkone kein Standard. Wie müssen Bewohner vorgehen, die sich einen Freisitz wünschen?

Der erste Schritt ist die Zustimmung der Wohneigentümergemeinschaft zum Eingriff an der Fassade - gleich, ob nur ein Einzelner einen Balkon anbringen möchte oder mehrere Parteien.

Nehmen wir an, es herrscht Einvernehmen, wie geht es weiter?

Die Bauherren sollten sich darüber verständigen, wie groß der Anbau in etwa werden soll.

Welche Größe ist ratsam?

Mindestens eine Tiefe von 1,60 Meter, besser 1,80 bis 2 Meter, damit man einen Esstisch und Stühle aufstellen kann. Zudem sollte eine geeignete Stelle für den Anbau gewählt werden. Eine kostenlose Voranfrage bei der Baubehörde bringt Klarheit über die grundsätzlichen Rahmenbedingungen.

Welche Einwände könnte das Bauamt haben?

Genau das ist im Einzelfall zu klären. Grundsätzlich berührt ein solches Vorhaben Fragen des Nachbarschaftrechts. Von der Grundstücksgrenze müssen bestimmte Abstände eingehalten werden.

Das entscheidet über die Größe des Balkons?

Zum einen. Unter Umständen kann ein Balkon aber überhaupt zu dicht an das nächste Gebäude rücken. In gewachsenen Quartieren ist der Raum ja begrenzt. Dann müssen die Nachbarn zustimmen.

Und daran hakt es oft?

Nicht unbedingt. Manchmal gewährt man sich gegenseitig den Anbau. Andere lassen sich ihre Zustimmung bezahlen, wieder andere lehnen ab. Die Auseinandersetzung mit den Nachbarn kann das Projekt extrem verzögern.

Welche Einschränkungen sind vom Bauamt zu erwarten?

Wenn es eine Gestaltungs- oder Erhaltungssatzung oder einen Bebauungsplan gibt, müssen die Vorgaben eingehalten werden. Handelt es sich um ein Baudenkmal, dann hat die Denkmalschutzbehörde ein Wörtchen mitzureden.

Das heißt?

Sie wird im Zweifelsfall sehr genaue Vorgaben machen, wie der Balkon auszusehen hat - zum Beispiel auf eine massive Balkonplatte bestehen, oder auf eine an der Fassade hängende Konstruktion. Womöglich nimmt sie auch Einfluss auf die Geländergestaltung.

In den Altbauvierteln dominieren freistehende Skelettbalkone.

Ja. Häufig sind sie aus verzinktem Stahl oder aus Aluminium. Holz dagegen sollte man nur verwenden, wenn der Anbau an ein Holz- oder Fachwerkhaus gesetzt wird.

Wer übernimmt den Bau?

Es gibt Anbieter von Balkonsystemen, aus deren Sortiment man sich den Balkon zusammenstellen kann. Diese Unternehmen bieten in der Regel ein Komplettpaket, das Planung und Bau beinhaltet.

Das klingt praktisch . . .

. . . ja, aber aus meiner Erfahrung ist das Leistungspaket nicht immer so vollständig, wie es scheint. Auffällig sind auch die extremen Preisunterschiede der einzelnen Unternehmen. Jeder verkauft unter Versprechen „Gesamtpaket“ etwas anders. Für den Laien ist schwer zu durchschauen, welche Extras noch auf ihn zukommen.

Sie raten daher ab?

Nein. Ich empfehle aber, einen Architekten hinzuzuziehen. Der kann eine Ausschreibung mit einer genauen Leistungsbeschreibung anfertigen, die die Firmen ausfüllen müssen. So werden die Angebote vergleichbar. Er kann aber auch die einzelnen Bauleistungen ausschreiben, Angebote einholen und später die Ausführung überwachen. Auch wenn der Anbau ein relativ kleines Projekt ist, hier sind viele Gewerke mit von der Partie, die müssen koordiniert werden.

Welche sind das?

Man braucht einen Statiker und eine Prüfstatik. Den Aushub für die Fundamente und den Durchbruch der Außenwand übernimmt ein Bauunternehmen. Ferner wird ein Fensterbauer benötigt. Schlosser kümmern sich um die Balkonkonstruktion. Muss ein Heizkörper versetzt werden, kommt der Heizungsbauer ins Spiel. Schließlich brauchen Sie noch Maler, die die Fassade wieder herrichten.

Das klingt doch aufwendig.

Klappt alles und werden vorgefertigte Teile verwendet werden, ist der Anbau in wenigen Tagen erledigt.

Welchen Bodenbelag empfehlen Sie?

Das ist eine Geschmacks- und Kostenfrage. Man kann einfache, profilierte Stahlbleche verwenden oder wetterfeste Holzdielen wählen, ebenso wie Beton- oder Natursteinplatten. Auf zwei Dinge möchte ich Bauherren jedoch hinweisen, bevor sie über die Oberfläche nachdenken.

Die wären?

Beide hängen mit der Unterkonstruktion, also der Balkonplatte, zusammen. Da gibt es verschiedene Systeme. Für welches man sich auch immer entscheidet: Wichtig ist, dass das Regenwasser über eine Regenrinne oder ein Abflussrohr abgeleitet wird. Das wird gerne vergessen. Auch über die Schallübertragung sollte man nachdenken. Sonst kann es passieren, dass jedes Stühlerücken unangenehm laut ist. Das stört gerade in verdichteten Nachbarschaften.

Mit welchen Kosten müssen die Balkonbauherren rechnen?

Das ist pauschal schwer zu sagen. Grundsätzlich gilt, dass die Anschaffung für den einzelnen Haushalt günstiger wird, wenn mehrere Balkone gebaut werden. Derzeit würde ich für eine Stahlkonstruktion mittleren Standards insgesamt von 12.000 Euro je Balkon ausgehen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

01.06.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.050,29 −3,42%
 OK