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Anders Wohnen Quadratisch, praktisch, gut

05.09.2010 ·  Im Ostberliner Stadtteil Pankow hat Luzi Beyer die frühere Botschaft von Laos in ein Mehrfamilienhaus verwandelt. Den schnörkellosen Funktionalismus mochte sie schon immer und hat wenig verändert.

Von Jörg Niendorf
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Ghana liegt gleich hinterm Gartenzaun, und Eritrea ist nur einen Steinwurf entfernt. Genauso wie die Republik Moldau, Bosnien-Hercegovina, der Inselstaat der Kapverden und die Sozialistische Republik Kuba. All diese Länder sind die Nachbarn von Luzi Beyer: Eine eigenwillige Welt im Kleinen, eingezwängt in nur drei Berliner Nebenstraßen. Die Botschaften jener Staaten, die hier dicht beieinanderstehen, stecken alle noch in jenem sozialistischen Einheitswürfel, den die DDR einst für ihr Diplomatenviertel im Stadtteil Pankow ersann.

Schnörkellose Kästen sind das. Quadratisch, praktisch, gut, wie die Psychologiedozentin Beyer, die auch einen bewohnt, urteilt. Drei Etagen bieten viel Platz, jedes Stockwerk ist klar gegliedert, es gibt große Fensterflächen. Mit anhaltender Begeisterung führt die Wissenschaftlerin durch ihr Haus, das sie nun schon seit neun Jahren besitzt, und beweist immer gern aufs Neue, mit etwas verschmitzter Miene, dass es ein 70er-Jahre-Bau ohne jeden Zierrat ist. Biederen DDR-Protz, den Neugierige als Hinterlassenschaft im Innern erwarten, gibt es nicht - und gab es auch nie, wie Luzi Beyer hinzufügt, ebenso wenig wie echten Luxus oder landestypische Ornamente aus der Zeit, als ihr Haus die Botschaft der Volksrepublik Laos war. Stattdessen ist alles kantig - Funktionalismus pur. Das mochte sie schon immer, und so wurde sie zur Ersten, die eine einstige Ostbotschaft zum privaten Domizil umfunktionierte.

Rostig-gartenkünstlerische Fahnenmasten

„Der Bauhaus-Stil zog mich an“, sagt sie, „und natürlich der riesige Garten.“ Einen kräftigen Ton aus der Farbpalette der Moderne hat sie ihrem Haus denn auch verpasst, in Ultramarin leuchtet es aus der Reihe seiner Nachbarn hervor. Drei Familien leben in der ehemaligen Botschaft. Jede hat eine Etage von 150 Quadratmeter Wohnfläche. Sie wollen mit ihrem Haus nicht wie auf dem Präsentierteller leben, nicht so einsehbar, wie es die Botschaften im Viertel immer sein sollten und wie es die wenigen verbliebenen Vertretungen auch noch sind. Dort sind die Vorgärten rasiert, zwei Fahnenmasten stehen Spalier, und die Eingänge werden mit Kameras überwacht.

Im Gegensatz dazu wirkt das Anwesen von Luzi Beyer fast zugewuchert, die beiden Masten, die sie behalten hat, haben nichts Offizielles, sondern allenfalls etwas Rostig-gartenkünstlerisches. Gleich dahinter folgt die metallene Wendeltreppe, die neu ans Haus angebaut wurde. Sie erschließt die drei Geschosse von außen.

„Mit wenig Mitteln viel bewirken“

Ein wenig haben die drei Familien mit ihren sieben Kindern das Haus in die Villa Kunterbunt des Viertels verwandelt. Durch irgendeine der Wohnungstüren zieht eigentlich immer ein Grüppchen spielender Kinder, ständig in Bewegung zwischen den Etagen, auf dem Platz vor den einstigen Botschaftsgarage oder zwischen den Gärten vorn und hinten. Oder einer der Erwachsenen kümmert sich gerade um ein Gemüsebeet neben dem Haus. Insofern wirkt der Würfel trotz seiner fast überirdischen Farbe geerdet.

Luzi Beyer und ihr Mann Henning Grote bewohnen mit ihrer Tochter die mittlere Etage. Das war einst die rein dienstliche Ebene der Vertretung: mit Salons, Arbeitszimmern und großer Küche. Im Geschoss darüber lag die Botschafterwohnung, unten im Erdgeschoss befanden sich weitere Wohn- und Diensträume. Die Etagen über und unter ihr hat Luzi Beyer vermietet. „Genau dafür war der schlichte Kasten perfekt geeignet“, erläutert sie, „ich konnte mit wenig Mitteln viel bewirken.“ In einer Art Mittelfuge des Botschaftswürfels lag ein großes Treppenhaus, das die neue Eigentümerin erst einmal weiternutzte. Zwischenwände wurden eingezogen, damit jede Etagenwohnung ihren eigenen Eingang erhielt. Eine Behelfslösung, aber ausreichend. Mit dem Plan, dauerhaft zwei Etagen zu vermieten, erhielt die damalige Doktorandin einen Bankkredit für den Kauf des Hauses.

Die Schweiz, Finnland und Indien zogen ein

Viele skeptische Freunde rieten ihr vom Kauf des DDR-Baus ab, der seinerzeit noch in einer tristen Umgebung stand. Denn zu diesem Zeitpunkt war die Utopie eines Weltstädtchens im Kleinen längst beerdigt. Solch ein Leitmotiv lag dem Viertel aber Anfang der 1970er Jahre zugrunde. Viele Botschaftsbauten brauchte die DDR, als sie ihre völkerrechtliche Anerkennung erhielt. Ein schon bestehender Gebäudetypus „Pankow“ wurde dazu weiterentwickelt und in Serie gleich 25 Mal nahe der Bornholmer Straße errichtet. Der gemauerte Kubus erhielt einen grauen Anstrich und wurde nur mit schmalen Balkonen und manchmal mit Bändern aus Mosaikfliesen verziert.

Die Schweiz, Finnland und Indien zogen unter anderem ein, daneben sozialistisch-befreundete Staaten. Auch Kuba zählte dazu, das als einziger Staat durchgehend bis heute hier ansässig ist. Die anderen zogen 1990 fort. Nur einige kleinere Staaten wählten knapp zehn Jahre später die Würfel als Sitz. Sie nutzten die Chance, nach dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin in der neuen Hauptstadt eine günstige Bleibe zu beziehen, statt selbst bauen zu müssen. Die übrigen Häuser bot der Bund zur Versteigerung an.

Das Karree ist kein Geheimtipp mehr

Wie eine angestaubte, zu groß geratene Laubenkolonie kam Spaziergängern wie Luzi Beyer diese Gegend vor, sie war mit ihrem Neufundländer oft auf den holprigen Bürgersteigen unterwegs. Sie bot für das einstige Haus der Laoten. Unter der Hand erfuhr sie, dass es mindestens 600.000 Mark sein sollten. Mit ihrem Gebot knapp darüber erhielt sie den Zuschlag für das Gebäude samt 1500 Quadratmeter Grundstück in guter innerstädtischer Lage.

Seither ist das Karree kein Geheimtipp mehr. Von den 22 Botschaftswürfeln, die es noch gibt, sind viele in Architektenhand, das sind die schicksten Vertreter ihres Typs. Die klaren Bauhaus-Konturen sind in Mode, einige Neubauten nebenan sind ebenfalls in strenger Kubatur entstanden und passen sich an. Unter Schutz stehen die Originale nicht, die Denkmalbehörden interessierten sich bisher nicht sonderlich für sie.

Das einzige grüne Dach weit und breit

Trotzdem hat Luzi Beyer wenig verändert. Die knallig bunten Ost-Kachelungen in den Küchen sind geblieben, das Eichenparkett aus DDR-Zeiten, holzgetäfelte Decken und den Zieharmonikawänden, mit denen sich große Räume nach Bedarf teilen lassen. Einige Clubsessel aus den Ost-Siebzigern hat sich die aus dem Westen stammende Luzi Beyer auch noch besorgt. Sie konnte sie mitnehmen, bevor sie bei ihrem Arbeitgeber, der Humboldt-Universität, auf den Müll gewandert wären. „Wohin passen sie besser als hierher?“, fragt sie. Nun stehen die orangefarbenen Möbel da, wo früher das Treppenhaus war, an zentralster Stelle. Hier befindet sich heute das Wohnzimmer, genauso wie in den beiden anderen Etagen. Vor einigen Jahren ist die innen gelegene Treppe doch herausgerissen worden, sie schluckte zu viel Platz.

Seitdem gibt es die Zugänge von außen. Diese Umbauten waren ein Kraftakt für alle, auch finanziell. Allerdings erhielt Beyer staatlich geförderte Kredite, ebenso wie für die Außendämmung, die neue Heizanlage und die Sonnenkollektoren auf dem Dach. Heute ist das Flachdach außerdem begrünt. So erkennt man ihre Botschaft auch schnell und zielsicher von oben, etwa auf Google-Luftbildern. Das einzige grüne Dach weit und breit sticht ins Auge, und noch etwas fällt auf: „Der Garten ist bei uns immer am wenigsten aufgeräumt“, sagt Bernhard Tenckhoff, ein Arzt, der im zweiten Stock wohnt.

Laotischer Volkssport im Garten

Auch an Spielzeugen auf dem Rasen erkenne man sie, an Hängematten, Zelten und der Bude, die die Kinder gebaut haben. Von ihrem legeren Ordnungssinn schwärmen die Bewohner. „Wir haben sehr ähnliche Vorstellungen“, sagt Tenckhoff, und die hätten glücklicherweise seit dem ersten Tag Bestand. Seit 2001 leben die drei Familien hier. Nun werden die Kinder gemeinsam groß, die Eltern wechseln sich mit der Betreuung ab. Überhaupt, das Zusammenleben funktioniere völlig unkompliziert, erzählen die Botschafts-Bewohner.

Nur am Netz auf der Terrasse liefern sie sich zuweilen einen heißen Kampf: beim Federball. Das Spielfeld haben sie vorgefunden, mit Markierungen auf den Betonplatten und Pfeilern für ein Netz. Ursprünglich war das die Fläche für das Katau-Spiel, eine Art Fußtennis, das ein laotischer Volkssport ist.

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