Home
http://www.faz.net/-gz8-121bz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Anders Wohnen (14) Warenlager mit Betonrampe

17.02.2009 ·  Es ist eine Kunst, einen nüchternen Bau elegant und warm wirken zu lassen. Familie Schäfer ist es vortrefflich gelungen. Sie bewohnt eine ehemalige Raiffeisen-Filiale.

Von Birgit Ochs
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (0)

„Okay, das ist es.“ Als Adriane Schäfer die ehemalige Raiffeisen-Filiale in einem Ortsteil der hessischen Kleinstadt Nidderau betrat, war sie sich sofort sicher. Das flache, schmucklose Gebäude würde das Zuhause werden, das sie und ihr Mann Bernd seit Monaten suchten. „Vom ersten Augenblick an war das klar, da gab es keinen Zweifel“, erinnert sich die 35-Jährige.

Die Schäfers haben ein besonderes Auge und eine ausgeprägte Vorstellungskraft. Denn die Reize des Nutzbaus erschließen sich nicht jedem auf den ersten Blick. Offensichtlich ist nur, dass das 440 Quadratmeter große Gebäude reichlich Platz für eine dreiköpfige Familie bietet, die einen ganzen Fuhrpark an Autos, Cross-Motorrädern, Bus und Traktor ihr Eigen nennt. Verglichen mit einer jahrhundertalten Mühle, einem Turm oder einer romantischen Remise jedoch, wirkt das Lagerhaus aus den sechziger Jahren zunächst fad: weder hohe Decken noch gemütliches Fachwerk, weder märchenhafte Ausstrahlung noch Industrieromantik.

Ein Hoch auf die Sachlichkeit

Die Geschichten, die zwischen den Mauern des Gebäudes stecken, sind die von Sparern, die in der Zeit des Wirtschaftswunders hier ihr Geld einzahlten oder um Darlehen baten, und Dorfbewohnern, die Baustoffe wie Sand und Zement oder Säcke mit Saatgut kauften.

Schäfers haben gar nicht erst versucht, das äußerlich bescheidene Gebäude in einen imposanten Prachtbau zu verwandeln. An einer Seitenstraße im Ortsteil Erbstadt gelegen, erstreckt es sich über eine Länge von mehr als 15 Metern. Die Fassade ist auch nach der Sanierung frei von architektonischen Mätzchen. Kein überambitionierter Anbau stört die Proportionen, keine farbige Fassade buhlt um die Aufmerksamkeit der Passanten.

Die Besitzer bekennen sich zur Vergangenheit der Gewerbeimmobilie. An das einstige Warenlager der Raiffeisen-Genossenschaft erinnert auf der linken Gebäudeseite immer noch die Betonrampe. Heute lagert die Familie hier draußen ihr Kaminholz. In der dahinter liegenden Halle erstreckt sich auf mehr als 200 Quadratmetern die Garage.

Der Charme liegt innen

Der bescheidene Auftritt in der Öffentlichkeit steigert die Überraschung beim Anblick der Privaträume. Durch Sanierung und Umbau eines Teils der Halle und der ehemaligen Bank haben Schäfers mit Hilfe des von ihnen beauftragten Architekten das Innere in ein elegantes und zugleich warm wirkendes Wohnhaus verwandelt.

Durch den Einzug von Rigipswänden sind neun Räume entstanden. Mit viel Gespür für die Besonderheiten des ursprünglichen Gebäudes haben die Eigentümer zahlreiche charakteristische Elemente nicht allein bewahrt, sondern auch geschickt in Szene gesetzt: Im großen Wohnraum etwa lugt an manchen Stellen noch das Ziegelmauerwerk hervor, auch die Deckenkonstruktion mit dem einfachen, dunklen Spanholz ist geblieben. Ebenso erhalten ist auch der Briefkasten der Genossenschaftsbank.

Begehbarer Tresor

An die Bankgeschichte erinnert auch der begehbare Tresor, der von einem der Räume abgeht. Am stärksten aber tritt der Charakter des ehemaligen Kreditinstituts im Flur zutage. Denn hier haben sich Schäfers entschieden, die alte Kassettendecke zu erhalten - einschließlich der Lampen. Zum spröden Charme trägt der Boden aus aufgerauhtem Estrich bei. „Ich war erst ein bisschen skeptisch, aber er passt“, sagt Adriane Schäfer.

Kalt wirkt der erst vor kurzem fertig gewordene Raum mitnichten. Dafür sorgen nicht nur Bilder in kräftigen Farben und der imposante Buddha-Kopf, den der Hausherr unlängst von einer seiner Reisen mitgebracht hat, sondern vor allem der gewaltige Specksteinofen. Für den 2,5 Tonnen schweren Heizkörper bedurfte es einer speziellen Statik.

70 Quadratmeter im Wohnbereich

„Der Flur war für den Ofen der ideale Platz“, informiert die Hausherrin. Lange hätten sie überlegt, wo sie ihn unterbringen sollten. Zwar beträgt die Wohnfläche insgesamt um die 220 Quadratmeter, eingeschränkt war der Platz für den Riesenofen trotzdem. Neben dem Flur kam nur noch der große Wohnraum in Frage, in dem auch die offene Küche liegt. Fast 70 Quadratmeter ist er groß. Doch da dort Türen und die große Fensterfront die Möglichkeiten begrenzten, fiel die Wahl schließlich auf den Eingang. „Das war richtig“, beurteilt die Erbstädterin rückblickend die Entscheidung. Die Heizkraft des Ofens ist so enorm, dass es der Familie sogar angenehmer ist, ihn nicht zu nahe am Esstisch oder am Sofa zu haben. „Da wird einem schnell zu heiß.“

Ein Niedrigenergiehaus ist der Altbau nicht. Aber die Eigentümer haben auf eine gute Dämmung und eine Erdwärmepumpe gesetzt. „Die ist in der Anschaffung viel teurer als eine Ölheizung, doch das hat sich gelohnt“, urteilt das Ehepaar nach den Rechnungen für zwei Heizperioden, die sie in ihrem mit Fußbodenheizung ausgestatteten Haus bisher mitgemacht haben. Verglichen mit ihrer früheren 3-Zimmer-Wohnung in Bad Homburg seien die Heizkosten in ihrem großzügigen Haus sogar niedrig.

Zehn Jahre Leerstand

Vor drei Jahren hatte sich die kleine Familie auf die Suche nach einem Eigenheim gemacht. Eigentlich wollten sie nur ein Zimmer mehr - und Platz für die Fahrzeuge. Auf die ehemalige Raiffeisen-Filiale kamen sie schließlich, weil das Anwesen im wahrsten Sinne des Worts nahe lag: Auf der anderen Straßenseite steht Bernd Schäfers Elternhaus. Der heute 40 Jahre alte Diplom-Ingenieur, der jedoch in Marketing und Vertrieb eines Unternehmens tätig ist, kennt das Haus seit Kindertagen. Den Garten hatten seine Eltern damals sogar gepachtet - als Weide für das Pferd des Sohns.

Zuletzt stand die Filiale zehn Jahre leer. „Raiffeisen hatte seltsame Preisvorstellungen“, sagen Schäfers. Wie viel sie insgesamt in Kauf und Umbau investiert haben, möchten sie nicht verraten. Doch: „Uns war wichtig, dass das Haus grundsätzlich wiederverkäuflich ist“, erzählen sie. Und deshalb durfte es preislich nicht aus dem Rahmen fallen, der in der ländlichen Region Nidderau-Erbstadt üblich ist. „Das ist hier schließlich nicht das teure Bad Homburg.“

Alle packen an

Noch ist der Umbau nicht völlig abgeschlossen. Den Vorplatz zum Beispiel will die Familie im Frühling neu anlegen. Ein Großprojekt - wenn man die Ausmaße des Gebäudes bedenkt. Viel haben sie selbst gemacht, erzählt die Hausherrin. Nicht zuletzt der Schwiegervater packt regelmäßig mit an.

Ein Neubau sei für sie nie in Frage gekommen, sagt Adriane Schäfer auf die Frage, warum sie und ihr Mann das mehr als vierzig Jahre alte Haus einem neuen Eigenheim vorgezogen haben. „Mit all den Eigenheiten und in solcher Großzügigkeit - so würde man niemals selbst bauen.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK