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Anders Wohnen (11) Auch Romantik hat ihren Preis

16.09.2008 ·  Der Maler Siegfried Speckhardt und seine Frau Ri haben sich in einer Mühle im Odenwald eingerichtet. Wer nicht verstehen kann, was Liebe und Lyrik mit einem Immobilienkauf zu tun haben, der kennt die Speckhardts nicht.

Von Birgit Ochs
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Siegfried Speckhardt ist Romantiker. Dafür gibt es mancherlei Indizien. Eines davon ist sein Wissen um das erhellende Licht des Mondes. Ein nüchternerer Geist mag „bei Nacht sind alle Katzen grau“ knurren. Einer wie Speckhardt aber hält es mit Theodor Storm. Der dichtete „und was in Tagesgluten, zur Blüte nicht erwacht, es öffnet seine Kelche und duftet in die Nacht.“

So, und vermutlich nur so konnte es geschehen, dass der Odenwälder sich eines Nachts im Mondenschein in die alte Kornmühle verliebte. Unerwartet und bedingungslos. Und wer jetzt den Kopf schüttelt, weil er nicht verstehen kann, was Liebe und Lyrik mit einem Immobilienkauf zu tun haben, der kennt Speckhardt und seine Frau Ri nicht und weiß nichts von der Begeisterung des Ehepaars für die Gedichte eines Eduard Mörike und die Lieder eines Franz Schubert. Und weiß auch nichts vom „Feuerreiter“ und der „Schönen Müllerin“. Sonst würde er verstehen, dass gemeinhin wichtige Fragen wie Finanzierung, Steuern, mögliche Fördermittel der Denkmalpflege und Auflagen für die beiden zwar nicht bedeutungslos, aber für die Wahl nicht unbedingt entscheidend waren.

Der Traum vom Eigenheim

„Mein Mann besitzt die schöne Gabe, in den Dingen zu sehen, was sie sein können“, sagt Ri Speckhardt. In den mittlerweile 40 Jahren ihrer Ehe hat sie mehr als einmal auf diese Fähigkeit ihres Gatten vertraut. Auch beim Kauf des jahrhundertealten Gemäuers, das an der Landstraße seines Heimatortes Auerbach vor sich hin rottete, war das so. Denn bei Tageslicht betrachtet, war die Mühle nichts weiter als ein heruntergekommener Bau, dessen einziger Komfort darin bestand, über Licht, fließend Wasser und reichlich Platz zu verfügen.

Das war 1975. Ri und Siegfried Speckhardt, damals 32 und 37 Jahre alt, träumten wie so viele in diesem Alter den Traum vom Eigenheim. Mit den beiden kleinen Töchtern wohnten sie in einem Mietshaus in Auerbach. „Direkt an der B 3, eine Ampel vorm Haus und eine Kegelbahn gegenüber, das war sehr laut“, beschreibt Speckhardt die Lage. Die Familie wollte raus. „Mein Mann brauchte Platz, um richtig arbeiten zu können“, nennt Ri Speckhardt eine weitere Antriebsfeder, den Kauf der Mühle zu wagen. Denn Siegfried Speckhardt malt, zeichnet und entwirft Plastiken - oft in großen Formaten.

„Was wir da vorhatten, erschien allen unmöglich“

Um es gleich zu sagen: Auch Romantik hat ihren Preis. Es war eine Liebe, die ihre Prüfungen und Opfer forderte. Von Speckhardt, seiner Frau, den Kindern und einer ganzen Reihe anderer Menschen. Über mehr als ein Jahrzehnt hinweg. Denn der Sanierungsaufwand der 1701 erstmals erwähnten Mühle war gewaltig. Und Speckhardts waren finanziell für das Vorhaben, das sie erwartete, nicht wirklich gerüstet. Der Familienvater studierte damals noch Gesang, seine Frau Ri arbeitete in einem Büro in der Stadt.

Die junge Familie konnte es sich nicht leisten, einen Architekten mit der Leitung des Umbaus zu beauftragen, noch die nötigen Umbauten einem Bauunternehmen zu überlassen. Zwar hatte Speckhardt mit einem Architekten über das Vorhaben gesprochen, um sich Rat zu holen. „Doch der hat nur abgewinkt“, erinnert sich der Auerbacher. „Was wir da vorhatten, erschien allen unmöglich.“ Die Familie betrachtete die Entscheidung des Paares mit Mitleid. „Die Armen - dafür haben die auch noch Geld ausgegeben“, reagierten Freunde und auch Familienmitglieder.

Das Gebäude musste bewohnbar gemacht werden

Geholfen haben sie dann doch, als es daran ging, die Mühle in ein Wohnhaus zu verwandeln. Eine der wichtigsten Maßnahmen war der Einbau eines Wärmesystems. Denn im Innern des nach Osten in den Fels gebauten, dreistöckigen Hauses ist es kühl. Als die vier im Oktober 1975 einzogen, sei es unangenehm kalt gewesen, erinnert sich Ri Speckhardt. „Wir haben uns heiße Backsteine ins Bett gelegt.“ In der Küche baute die Familie einen großen Kachelofen, dessen Feuer das ganze Haus wärmt. Später kam eine Zentralheizung hinzu, doch die brauchten sie kaum, erzählen die Bewohner. Im vergangenen Winter war sie gar nicht in Betrieb. Speckhardts sind über die Jahre abgehärtet.

Doch die Heizung war nur eine von vielen Bauaufgaben, die die neuen Mühlenbesitzer erwarteten. Die Räume in dem alten Gebäude mussten sie überhaupt erst richtig bewohnbar machen. Mittlerweile zählt die Mühle acht Zimmer, zwei Bäder und die Küche. Speckhardts sind nun nur noch zu dritt mit ihrem Hund Samu.

Das Angebot der Denkmalschutzbehörde

Der Fußboden im Erdgeschoss war bei Einzug eine Sandfläche. Heute zieren ihn gebrannte Backsteine. „Die habe ich selbst verlegt und später auch verfugt, weil ich es leid war, den Staub aus den Ritzen zu saugen“, erzählt Ri Speckhardt. Es ist nicht die einzige größere Baumaßnahme, an der die zierliche Frau mitgewirkt hat. Auch das Verkleiden der Gefache im Innern des Hauses hat sie übernommen und die Flächen zwischen den Fachwerkbalken mit Lehmputz versehen.

Er habe im Laufe des Umbaus alle möglichen Handwerke gelernt, sagt Siegfried Speckhardt: Mauern, Pflastern, Schreinern und so weiter. „Vor allem das Natursteinmauern liegt mir“, sagt er. Tatsächlich hat er in und um das Haus herum Mauern gezogen und Treppen angelegt - und alles wirkt so, als sei es 300 Jahre zuvor nicht anders gewesen. Das Gebäude ist längst vom Putz befreit, so dass die Natursteinfassade wieder zur Geltung kommt. Das Angebot der Denkmalschutzbehörde, für die Sanierung Fördergelder zu erhalten, hatte das Ehepaar damals abgelehnt. Dann hätte es Auflagen einhalten müssen.

Jede Kachel hat eine Geschichte

Der Künstler wollte sich in den Umbau jedoch nicht hineinreden lassen. Alles steckt voller Erinnerungen. Die große Linde im Hof war einst der Lohn, den Speckhardt sich für ein Gemälde erbat. Den alten Mahlstein, der als Tischplatte dient, erhielten sie von einem anderen Mühlenbesitzer im Tausch gegen eine alte Tür. Seine Frau und er kennen zu beinahe jedem Stein, jeder Tür, jeder Kachel eine Geschichte.

Überall in und um die Mühle herum hat der Maler das Anwesen mit Bildern, Skulpturen und Installationen versehen, Farbe an die Fensterläden und die Rahmen gebracht. Rot und Blau. Feuer und Wasser. Die Farben sind leuchtende Signale in all dem Grün der Umgebung. Die Mühle, das Wasser und die Gedichte der Romantiker, die darum kreisen, inspirieren den Künstler stets aufs Neue.

Achtzehn Jahre lang war die bietende Mühle eine Dauerbaustelle

Die Mühle liegt auf einem 20.000 Quadratmeter großen Stück Land, dessen kleinster Teil ein von Ri Speckhardt wunderbar üppig angelegter Garten ist, das größere Stück sind Obstbaumwiesen und Wald. Achtzehn Jahre lang war die gut 250 Quadratmeter Wohnfläche bietende Mühle eine Dauerbaustelle. Erst nach und nach nahm die Familie alle Räume in Besitz. „Rumpelmühle haben uns damals Freunde gesagt“, erzählen die Besitzer. Denn im Hof türmten sich die Baumaterialien und allerlei Fundstücke, die Siegfried Speckhardt zusammengetragen hatte, um sie später an der ein oder anderen Stelle einzubauen.

„Mein Mann sammelt alles, lauter Zeitzeugen“, sagt Ri Speckhardt und rollt die Augen. Als sie nach 18 Jahren zum ersten Mal in den Urlaub nach Italien aufbrachen, hatten sie eine Woche später bei ihrer Rückkehr den Kofferraum ihres kleinen Renault 4 nicht mit Wein, sondern mit Steinen vollgeladen. Speckhardt wollte sie verbauen. Heute sind die „Zeitzeugen“, denen der Künstler in Haus, Hof oder Garten keinen besonderen Platz zugewiesen hat, unters Dach des ehemaligen Stalls verbannt.

Ein Anziehungspunkt für Besuchergruppen

In dem weinumrankten Gebäude hat Speckhardt mittlerweile Atelier und Galerie eingerichtet. Im Atelier bewirtet das Paar auch gerne seine Gäste, dort ist es nicht nur geräumig, sondern auch weitaus heller als in den kleinen Räumen der Mühle. Längst ist aus der „Rumpelmühle“ die „Speckhardtmühle“ geworden. „Jetzt müssen wir noch schön lange leben, um das hier genießen zu können“, hofft Ri Speckhardt.

Zwar haben sie und ihr Mann mit der Gestaltung der Mühle noch nicht abgeschlossen. Doch das Anwesen ist längst zum Anziehungspunkt für Besuchergruppen geworden, die, sofern sie angemeldet sind, den Garten besichtigen dürfen und einen Imbiss erhalten. Und wenn sie Glück haben, singt der Hausherr ihnen ein Lied vor: von Schubert.

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