01.04.2008 · Berlin gilt vielen als etwas prollig. Mit diesem Bild in der Öffentlichkeit spielt die Stadt nun in einer neuen Werbekampagne. Über das zur Zeit größte Projekt - den Flughafen Berlin-Tempelhof - soll bald die Bevölkerung entscheiden.
Von Jens FriedemannBerlin ist gut für Überraschungen. Und dazu haben Immobilieninvestoren beigetragen. Sie haben im vergangenen Jahr für knapp 7 Milliarden Euro in Berliner Immobilien investiert, 65 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Damit liegt die Bundeshauptstadt hinter Frankfurt - mit knapp 8 Milliarden Euro für 2007 - auf Platz zwei der Rangliste.
Für eine Überraschung besonderer Art aber hat der neue Berlin-Slogan gesorgt, der auf der Immobilienmesse Mipim in Cannes präsentiert wurde. Er lautet: „Sei Poet, sei Prolet, sei Berlin!“ Die Berliner haben bekanntlich ihre eigene Art, sich darzustellen.
Tempelhof soll anders werden
Das gilt auch für den innerstädtischen Flughafen Tempelhof. Hier hat die Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer, auf der Mipim noch einmal bekräftigt, dass der ehemalige Zentralflughafen vom 1. November 2008 an planungsrechtlich kein Flughafen mehr sein werde. Ein neues Stadtquartier ist geplant, mit Tausenden von neuen Wohnungen und Arbeitsstätten sowie dem „Tempelhof Forum“ als Adresse für Kultur, Medien und Kreativwirtschaft in dem Flughafengebäude, mit 300.000 Quadratmeter Fläche eine der größten Immobilien der Welt.
Damit schwinden die Chancen für den amerikanischen Unternehmer Ronald S. Lauder, der Tempelhof erhalten will und für 350 Millionen Euro die Errichtung eines Gesundheitszentrums vorschlägt, das auf Patienten in aller Welt wie ein Magnet wirken soll, denn Berlin hat die größte medizinische Fakultät in Europa.
Volksentscheid für den Erhalt des Flughafens
Unterstützung bekommt Lauder aus der Bevölkerung, die den innerstädtischen Flughafen erhalten will und am 27. April auf einen Volksentscheid setzt, der den Senat freilich nicht bindet. Die Senatorin ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Stadt eigene Pläne hat und auf den neuen Flughafen Berlin Brandenburg International setzt, der 2011 fertig werden soll.
Berlin habe die Chance, auf dem 386 Hektar großen Tempelhof-Areal Investitionen anzustoßen, die auf die gesamte Stadt ausstrahlen - ähnlich wie München Riem. Ende des Jahres werde Berlin mit seinem neuen Slogan eine internationale Aktion für die Vermarktung der Gebäude beginnen und im Internet einen „call for ideas“ ausloben, um kreative Ideen für die Nutzung einzuholen.
Auch will Junge-Reyer in wenigen Tagen einen Ideenwettbewerb für die städtebauliche Struktur ausloben, der im September kommenden Jahres abgeschlossen sein soll. Und im Sommer dieses Jahres ist ein landschaftsplanerischer Ideenwettbewerb geplant.
Cappuccino-Town und andere Ideen
Ideen eigener Art stellt dagegen Rolf-Ludwig Schoen vor, der „Berlins stille Reserven“, so der Titel seines neuen Buches, in Form einer „Cappuccino-Town“ darstellt und eigene „Vorschläge, Leitbilder und Visionen für die Zeit nach den Shopping-Malls“ entwickelt. Als langjähriger Leiter der Immobilienmesse Expo Real in München weist er auf ungenutzte Ressourcen in der Bundeshauptstadt hin. Berlin braucht Ideen und Investitionen, sagte Junge-Reyer auf der Mipim.
In Berlin lebe und arbeite die „kreative Klasse“ und habe in einem Jahr 41.000 neue Unternehmen geschaffen. Zwar haben 1,8 Millionen Menschen die Stadt seit der politischen Wende verlassen, aber 1,9 Millionen sind zugezogen, darunter 255.000 junge Menschen. Im vergangenen Jahr hat Berlin sogar den prozentual höchsten Anstieg der Erwerbstätigen erlebt und mehr als 100.000 Tagungen und Kongresse.
Mit mehr als 400 Galerien ist es Europas größte Galeristen-Hauptstadt und mit 17 Millionen Übernachtungen größter Touristenmagnet in Deutschland. Auch locken die Film- und Fernsehbranche und die Berlinale. Berlin, sagt Junge-Reyer, nutze mit seinen 3,4 Millionen Einwohnern die Chancen als eine der liberalsten Städte des Kontinents.