14.08.2009 · 1927 präsentierte die experimentelle Bauausstellung des Werkbundes 21 Gebäude, deren Anblick die Besucher nicht kaltließ. Bis heute ziehen sie Betrachter in ihren Bann. Wohnen dürfen dort jedoch nur Staatsbedienstete.
Von Susanne PreußWer die Augen schließt, hört genau, wie die Schiebetür des Zugabteils zugezogen wird. Rrrrrr.... rums. Wer die Augen aufmacht, hat den schönsten Blick auf Stuttgart, auf Wohngebiete und Stadion, auf Mercedes-Museum und die Weinberge, die ins Stadtgebiet hineinragen. Wer dann wieder auf die unmittelbare Umgebung blickt, findet sich in einem Kunstwerk wieder, in einem Monument der Architekturgeschichte.
Die Eisenbahn-Geräusche entstehen im Haus Rathenaustraße 3, wo Le Corbusier vor gut 80 Jahren seine Auffassung von moderner Architektur plastisch erstehen ließ. Die Schiebetür: eine Sperrholzplatte, die aus einem großen Raum zwei Räume und damit etwas Privatsphäre schafft. Die Klappbetten: wie im Nachtzug verwendet Le Corbusier ein und denselben Raum für Tag und Nacht. Die Stahlrohrbetten werden tagsüber unter Wandschränke geschoben. Und die Flure: mit weniger als 60 Zentimetern sind sie so schmal wie der Gang in einem Eisenbahnwaggon.
Ähnlich eng die Spindeltreppe, die in dem Haus nach oben führt: „Da könnte man nicht mal einen Waschkorb hochtragen“, ächzt eine Frau, die sich zur Besichtigung der Dachterrasse nach oben durchkämpft. Indes, solche Gedanken hat sich Le Corbusier wohl kaum gemacht. Und wenn: Im Erdgeschoss war ja Raum für das Dienstmädchen.
Wohnungsnot im Jahr 1927
Man muss schon ab und zu die Augen schließen, um sich die Welt von damals vorzustellen, 1927, als Le Corbusier dieses Haus in Stuttgart baute, und als die anderen 21 Häuser der Weißenhof-Siedlung entstanden. Licht und Luft waren in der Vergangenheit nicht die Themen der Architektur gewesen, rückten nun aber ins Bewusstsein der Menschen, weil immer noch die Tuberkulose eine der häufigsten Todesursachen war.
Zudem herrschte Wohnungsnot. Allein in Stuttgart sollten 1600 Wohnungen gebaut werden. Für den Deutschen Werkbund, eine Vereinigung von Künstlern und Architekten, Unternehmern und Politikern, eine günstige Gelegenheit, eine Mustersiedlung zu gestalten, die das Wohnen der Zukunft zeigen sollte. Ludwig Mies van der Rohe bekam die künstlerische Leitung übertragen. Der Werbeslogan, mit dem Besucher in die Siedlung gelockt wurden, lautete: Wie wohnen?
An Eindeutigkeit ließen die Plakate nicht zu wünschen übrig. Sie zeigten Bilder von verschnörkelten Sitzmöbeln in traditionellen gutbürgerlichen Wohnszenen, die mit dicken roten Strichen gnadenlos durchgestrichen waren. Drei Monate lang, von Juli bis Oktober 1927, waren die 21 Häuser für das Publikum geöffnet, und mit einer halben Million Besucher brach die Ausstellung alle Rekorde.
Moderne Wunder: Gasherd, Waschmaschine, Föhn
Wer nach Stuttgart kam, hatte viel zu staunen. Viele Menschen sahen erstmals Gasherde, Waschmaschinen und Haarföhne, und das in Häusern, die keine Dachgiebel und keine Wände aus Mauern hatten, die stattdessen teils auf Stelzen standen und deren Fronten nur aus Fenstern zu bestehen schienen.
„Da lagern breit und weiß, mit flachen Dächern und quergezogenen großen Fenstern, mächtigen Terrassen, wie eine Herde im Grünen, über den Abhang verstreut die Würfel, die Kristalle der neuen Wohnlichkeit“, schrieb der Berliner „Börsen-Courier“ damals: „Und fast mit Herzklopfen verspürt der Besucher, dass hier etwas ganz Neues, von dem man immer schon sprach, Stein geworden ist.“
Vorübergehende Experimentierfreude
Mit der Experimentierfreude war es in Stuttgart freilich bald vorbei. Schon während der Planung der Siedlung äußerte sich der nicht zur Teilnahme eingeladene Architekt Paul Bonatz, der den wuchtigen Stuttgarter Hauptbahnhof entworfen hatte: Die Häuser seien „praktisch unbrauchbar“. Und im Nazideutschland kursierten Ansichtskarten, auf denen zwischen die Häuser Kamele, Turbanträger und Palmen retuschiert worden waren: die Weißenhofsiedlung als „Araberdorf“.
Adolf Hitler forderte 1938 die Siedlung von der Stadt Stuttgart, die Mietverträge wurden gekündigt, und beinahe wäre das ganze Areal von einem wuchtigen Baukörper überbaut worden, in dem das Generalkommando V des Heeres untergebracht werden sollte. Die Planungen wurden 1941 jedoch eingestellt, das Generalkommando kam nach Straßburg. Die meisten Wohnungen standen leer, einige wurden als Büros genutzt, in den dreistöckigen Mietshausblock von Mies van der Rohe kam ein Kinder-Seuchenkrankenhaus.
Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg
Weil unmittelbar unterhalb der Weißenhofsiedlung eine Flak-Stellung stationiert war, fielen den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg einige Häuser zum Opfer. Ein Foto von damals erinnert an die Bilder von den Terroranschlägen 2001 in New York: ein ausgebranntes Häusergerüst, aus dem durch die Hitze verbogene Stahlstreben ragten. Es waren die Reste des ersten Fertighauses aus Asbestplatten zwischen Stahlträgern.
Der Plan hatte solche Risiken beinhaltet. Nicht nur neue Wohnkonzepte sollten gezeigt werden, wie etwa in den Reihenhäusern des damals erst 28 Jahre alten Holländers Mart Stam. Es sollten auch neue Materialien ausgetestet werden, die eine Industrialisierung des Bauens vorantreiben könnten. Vieles erwies sich tatsächlich als unbrauchbar, wie der Traditionalist Bonatz es prophezeit hatte.
Die Häuser, so aufsehenerregend sie waren, fanden nur schwer Mieter. Wer sich doch darauf einließ, brauchte Toleranz. Anton Kolig, der erste Mieter des Doppelhauses von Le Corbusier, schriebt an einen Freund: „Ich bin noch recht weit davon entfernt, dieses sehr eigenwillige Haus mit meinem Geiste zu durchdringen und zu beherrschen. Dafür regt es meine Phantasie in hohem Maße an und auf.“
Die Zerstörungen der Bewohner
Nicht nur der Krieg zerstörte Teile der Siedlung, ihre Bewohner hatten schon längst das Ihre beigetragen. Das Doppelhaus von Le Corbusier, das eigentlich für eine Familie gedacht war, bekam schon nach fünf Jahren auf die typische Dachterrasse ein weiteres Geschoss aufgesetzt, und auch das Kellergeschoss wurde angehoben, damit die Bewohner Platz gewannen. Dass die Siedlung 1958 unter Denkmalschutz gestellt wurde, änderte wenig daran, dass aus ästhetischen wie auch praktischen Gründen die Häuser massiv verändert wurden. Die in den 80er Jahren verordnete Renovierung löschte dann manches unwiederbringlich aus: Restaurieren war damals nicht in Mode, ersetzen war angesagt.
„Die Architekten damals kannten unsere heutigen Bedürfnisse halt noch nicht“, sinniert ein älterer Bewohner der Siedlung - und räumt ein, dass diese Aussage für alle alten Häuser gilt, nicht nur für die experimentierfreudigen Avantgardisten, die sich an der Weißenhofsiedlung versucht haben. „Ich wohne trotzdem gern hier“, fügt er hinzu.
30.000 Besucher im Jahr
Wie er wohnt und wie es sich in den anderen Häusern der berühmten Architekten von Walter Gropius über Max und Bruno Taut bis Hans Sharoun leben lässt, würde die jährlich 30.000 Besucher der Mustersiedlung wohl lebhaft interessieren. Doch nur das Doppelhaus von Le Corbusier steht offen, nachdem die Stadt Stuttgart und die Wüstenrot Stiftung je 1,2 Millionen Euro für die Restaurierung und die Einrichtung eines Museums spendiert haben. Mehr ist vorläufig nicht drin, auch aus finanziellen Gründen nicht.
Die Siedlung gehört immer noch dem Bund (weshalb auch nur Staatsbedienstete in den Genuss kommen können, dort zu wohnen), und die Stadt Stuttgart kann den geforderten Preis von mindestens 15 Millionen Euro nicht bezahlen. Eine Hoffnung haben die Freunde der Weißenhofsiedlung immerhin: Nachdem der französische Staatspräsident Sarkozy beantragt hat, insgesamt 22 Häuser von Le Corbusier in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufzunehmen, ist das Anliegen zwar in diesem Sommer zunächst abschlägig beschieden worden. Nachbesserungen sind aber möglich, und insofern wird die Aufmerksamkeit zumindest für das bekannteste Haus der Siedlung nicht so schnell nachlassen.