03.12.2008 · Marktplätze und Märkte waren über Jahrhunderte das Herz einer Stadt. Heute fehlt jedoch in vielen Orten das Bewusstsein für ihren städtebaulichen und gesellschaftlichen Wert. Die Innenstädte veröden.
Von Christiane Harriehausen„Markt und Straßen steh'n verlassen, still erleuchtet jedes Haus...“, so beschrieb Joseph von Eichendorff vor rund zweihundert Jahren das Stadtbild in seinem berühmten Gedicht „Weihnachten“. Von dieser ruhigen und besinnlichen Stimmung ist auf den Weihnachtsmärkten heutzutage - zur Freude der Standbesitzer - wenig zu spüren. In diesen Wochen strömen wieder Tausende von Besuchern über die festlich geschmückten Plätze und Märkte der Städte, treffen sich mit Kollegen am Glühweinstand oder machen am Adventssonntag einen Bummel mit der Familie und Freunden.
Doch während der Weihnachtsmarkt ganz selbstverständlich im Bewusstsein der Menschen verankert ist, ist es um viele deutsche Märkte und Marktplätze in den vergangenen Jahren ruhiger geworden. Und das, obwohl ihre Aufgabe innerhalb eines Stadtgefüges von Supermärkten oder Einkaufszentren nicht in dieser Form erfüllt werden kann. Schließlich bietet der Besuch eines Marktes oder eines Marktplatzes ein anderes Einkaufserlebnis als der Bummel durch eine gut temperierte und überdachte Einkaufslandschaft, bei der der Kunde mit dem Auto vorfahren kann und keine nassen Füße und kalten Hände bekommt.
Selbst Märkte, die weniger bekannt sind als der Viktualienmarkt in München, locken die Besucher nicht nur, weil es hier frisches Gemüse, Fisch oder Brot gibt. Auf dem Markt findet viel mehr statt, denn hier lässt sich Handel im wahrsten Sinne des Wortes „erleben“, von den Düften und Gerüchen bis hin zu dem Warensortiment, das man dort finden kann.
Marktplätze sind virtuell geworden
Zudem sind Märkte und Marktplätze gewachsen und bilden oftmals seit Jahrhunderten das pulsierende Herz einer Stadt. Hier trafen sich die Menschen, um miteinander zu handeln, Schausteller zu bewundern oder Neuigkeiten auszutauschen. Doch diese Funktionen haben in den vergangenen Jahren immer mehr die gut gemanagten, aber künstlich geschaffenen Konsumwelten oder auch virtuelle Marktplätze im Internet übernommen. Umso wichtiger ist die Frage, wie Märkte und Marktplätze in den europäischen Städten des 21. Jahrhunderts positioniert werden müssen, damit sie als attraktive Orte im Stadtbild erhalten bleiben.
„Es gibt drei wesentliche öffentliche Räume in einer Stadt“, erläutert Oliver Heiss, Architekt, Stadtplaner und Geschäftsführer der Bayerischen Architektenkammer, die Bedeutung des Themas: Die ersten Plätze, an denen sich Menschen versammelten, hatten einen rituellen Bezug. Aus diesen hat sich in der europäischen Stadt der Kirchplatz entwickelt. Ab dem Moment, in dem der Handel für Fürstentümer eine Rolle spielte und Stadtrechte und Marktrechte ausgesprochen wurden, entstand der Marktplatz. Der dritte öffentliche Raum, der sich mit dem Erstarken des Bürgertums entwickelte, war der Ratsplatz. „Im Verlauf der Jahrhunderte hat der Marktplatz seine Funktion nie ganz verloren. Allerdings war auch er Veränderungen unterworfen. So wurde aus dem Wochenmarkt ein Tagesmarkt, und aus Marktbuden entwickelten sich Geschäfte, die wir als Einzelhandel in unseren Städten vorfinden.“ Märkte im herkömmlichen Sinn haben heute in der Regel saisonalen Charakter oder beschränken sich auf die Versorgung mit Lebensmitteln.
Es braucht einen starken politischen Willen
„Allerdings braucht es den politischen Willen, solche Strukturen zu erhalten und das Bewusstsein für den Wert von Marktplätzen und Märkten ist nicht immer vorhanden“, gibt Heiss zu bedenken. „Wir haben verlernt, uns um die Bedeutung des Raumes zwischen unseren Gebäuden zu kümmern, also den Raum, den wir uns als Gesellschaft geben.“ Der öffentliche Raum sei nicht nur ein Infrastrukturnetz oder eine Abstandsfläche. Er mache Gesellschaft überhaupt erst möglich.
Früher habe es für die Menschen keine Alternative zum Markt gegeben. „Märkte waren, wie heute noch in manchen Schwellenländern, ein Ort, an dem der lebensnotwendige Austausch von Lebensmitteln stattfinden konnte und gesellschaftliche Informationen weitergegeben wurden.“ In unseren hochentwickelten Wirtschaftsstrukturen mit regem internationalen Warenaustausch seien diese Funktionen verlorengegangen. Märkte müssten daher dem konsumverwöhnten Menschen wieder einen Mehrwert bieten können, um attraktiv zu bleiben.
Regionale Produkte einbeziehen
Heiss rät deshalb dazu, auf den Märkten die regionale Wirtschaft und regionale Produkte stärker einzubeziehen. „Es wird immer öfter in Frage gestellt, warum Milch mehrere hundert Kilometer hinter sich bringen muss, um auf unserem Frühstückstisch zu landen“, fasst Heiss die Diskussion zusammen. Da gebe es noch viel Potential.
„Was die Märkte nie verloren haben, ist ihre Funktion als Ort des Informations- und Wissensaustausches“, erläutert Heiss. Hier könnten die Städte und die Bürger ansetzen, denn Gemeinschaft heiße, gemeinsam etwas zu tun. „Der Marktplatz ist ein Ort, auf dem öffentliches Leben regelmäßig stattfinden kann und muss. Das ist mit einem Tag in der Woche sicherlich nicht getan. Märkte und Marktplätze sollten von der Gemeinschaft bespielt werden. Bürgerliches Engagement und Eigeninitiative sind hier gefragt“, sagt Heiss.
Mit dem Auto wurden die Menschen verdrängt
Aber auch gestalterisch lasse sich einiges zugunsten von Marktplätzen bewegen. „In den späten siebziger Jahren hat man damit begonnen, Autos aus ganzen Stadtteilen zu verbannen. Dadurch wurden Teile des gesellschaftlichen Lebens ausgegrenzt. Das sollte nie geschehen“, meint Heiss. Es bringe der Gesellschaft aber auch nicht viel, wenn ein öffentlicher Platz die meiste Zeit zum Parkplatz erklärt werde.
Problematisch sei zudem, dass vor allem kleinere Städte dazu tendierten, neue Flächen auszuweisen, anstatt bereits vorhandene richtig zu nutzen. „Die Städte sollten sich auf ihre Potentiale besinnen und noch viel mehr mit dem auseinandersetzen, was sie seit Jahrhunderten ausmacht“, fordert Heiss. Wichtig sei dabei allerdings auch das gemeinsame Engagement aller Beteiligten, von der Politik über die Wirtschaft bis hin zu den Bürgern.
Die gemeinnützige Stiftung Lebendige Stadt hat in diesem Jahr ihren mit 15.000 Euro dotierten Stiftungspreis an Europas schönsten Wochenmarkt vergeben. Gesucht wurden lebendige Wochenmarktkonzepte, die sich durch Angebotsvielfalt, Qualität und eine attraktive Warenpräsentation auszeichnen. „Natürlich waren uns darüber hinaus ökologische und wirtschaftliche Gesichtspunkte besonders wichtig - denn die ausgezeichneten Wochenmarktkonzepte sollten nicht nur außergewöhnlich schön, sondern auch zur Nachahmung geeignet sein“ erläutert Andreas Mattner, Vorstandsvorsitzender der Stiftung.
Aus mehr als 100 Bewerbungen kürte die Jury unter Vorsitz des Düsseldorfer Architekten Hermann Henkel den Nienburger Grünmarkt zum Sieger. Der Markt in Nienburg blickt nicht nur auf eine fast 200-jährige Geschichte zurück, sondern ist von der Stadt seit 1998 auch zum Grünmarkt weiterentwickelt worden. Dabei bieten rund 60 lokale und regionale Händler im Zentrum der historischen Altstadt selbst angebaute und produzierte Waren an. Seitdem haben sich die Besucherzahlen von jährlich rund 100.000 auf rund 250.000 Personen erhöht.
Anerkennungen erhielten die Wochenmärkte in Bremen, Münster und Freiburg im Breisgau. Eine Sonderanerkennung für besonderes bürgerschaftliches Engagement verlieh die Jury dem Ölbergmarkt in Wuppertal. Dieser ist von Bürgern zur Entwicklung ihres Stadtteils selbst ins Leben gerufen worden. Ebenfalls eine Sonderanerkennung erhielt der Wochenmarkt der Landfrauen in Frankenberg (Eder). In Eigeninitiative haben die Landfrauen in der hessischen Kleinstadt einen Marktstandort mit 500-jähriger Tradition „durch preiswürdige Qualität“ wiederbelebt, urteilte die Jury.