08.01.2009 · Nicht immer wird für die Ewigkeit geplant. Doch manche temporäre Bauten müssen keine architektonischen Eintagsfliegen sein, im Gegenteil. Sie sind meist modern, mobil, und man lässt ihnen jede Menge Freiheit. Das hat Vorteile.
Von Anja MartinWas haben der Eiffelturm, ein Check-in des Wiener Flughafens und die gerade eröffnete Kunsthalle auf dem Schlossplatz in Berlin gemein? Sie alle wurden nicht für die Ewigkeit gebaut. Schon bevor sie überhaupt fertig waren, stand fest, wann sie wieder weichen müssen. Auch wenn das ein oder andere Beispiel temporärer Architektur ganz offensichtlich doch an Ort und Stelle alt werden durfte.
So sollte der 1889 für die Weltausstellung errichtete Eiffelturm eigentlich nur zwanzig Jahre stehen. Doch dann erkannten die Pariser, dass er sich perfekt als Antennenhalter für die transatlantische Kommunikation eignet. Und schließlich avancierte er vom Schandfleck zum Wahrzeichen, das aus dem Stadtbild gar nicht mehr wegzudenken war.
Zwischennutzung und schnelle Lösungen
Die Gründe, Architektur auf Zeit zu bauen, sind vielfältig. Mal geht es um Gebäude für begrenzte Veranstaltungen wie die Expo. Dann verlockt eine Lage, die nur zur Zwischennutzung zu haben ist, wie der Schlossplatz in Berlin. Andernorts sucht man nach schnellen Lösungen, um Raumengpässe zu überbrücken. Zum Beispiel am Wiener Flughafen: Dort lassen die Betreiber eine temporäre Abfertigungshalle für Billigflieger errichten.
Zwar war die Planung des neuen Terminals in Wien bereits im Gange, doch große Bauprojekte brauchen ihre Zeit. Zehn Jahre zwischen Ausschreibung und Eröffnung Ende 2009 sind angesichts der Entwicklung des Flugverkehrs eine Ewigkeit. Also konstruierte das für den Neubau zuständige Architekturbüro Baumschlager & Eberle einen temporären Check-in. Der 1500 Quadratmeter große Bau besteht aus einer Stahlkonstruktion mit Fassaden aus transluzentem Polykarbonat, das tags Licht einlässt und nachts leuchtet. Das Material war leicht, günstig und modern, also bestens geeignet fürs temporäre Bauen. Wie die meisten Hallen, die nicht lange verweilen dürfen, kann sie nach dem Prinzip Zirkuszelt zerlegt und woanders wieder aufgebaut werden.
Tieflader statt Abrissbirne
Wenn der temporären Kunsthalle in Berlin die Stunde schlägt, kommen ebenfalls die Tieflader statt der Abrissbirne zum Einsatz. Im Idealfall werden die Konstruktionen später in anderen Städten neu aufgebaut. Architekt Adolf Krischanitz zum Beispiel hat bereits zwei temporäre Kunsthallen in Wien gebaut, von denen die ältere heute als Industriehalle in Kärnten dient.
Temporärer Architektur eine simple Form zu geben ist also sinnvoll. Sie bleibt universell einsetzbar und ist zudem preiswert zu bauen. So konnte sich in Berlin der „White Cube“ von Krischanitz mit Baukosten von weniger als einer Million Euro und einem freigiebigen Spender gegen die aufsehenerregendere „Wolke“ von Graft Architekten durchsetzen. „Wir haben eine Kunsthalle entworfen, die realistisch finanzierbar ist“, sagt Krischanitz. Man baute günstig aus Holz, blieb eingeschossig und verzichtete auf die verlockende, aber teure Nutzung des Daches. Zudem stockte man die Mittel durch Sachsponsoring auf 1,5 Millionen auf.
Holzkonstruktion in Innsbruck
Gerade das Bauen auf Zeit findet offenbar willige Unterstützer. Ein kleineres Beispiel ist eine temporäre Plattform in Innsbruck, eine über dem Fluss auskragende Holzkonstruktion, die für die Architekturtage in diesem Sommer vom Büro Columbosnext errichtet wurde. Die 1200 Dachlatten und 60.000 Nägel für das 53 Meter lange schiffsartige Objekt stifteten Firmen, beim Hämmern halfen Studenten. Die Plattform mit Namen „Ich will an den Inn“ sollte einen tristen Park beleben und die Innsbrucker für ihren Fluss begeistern. Der Bau wurde so gut angenommen, dass das Objekt bis zu den nächsten Architekturtagen in zwei Jahren bleiben darf.
Die Kategorie Zirkuszelt trifft auf temporäre Bauten nicht nur wegen ihrer Mobilität, sondern auch wegen ihres Eventcharakters zu. Sie bekommen oft mehr Aufmerksamkeit als feste Institutionen - schließlich kann man den Besuch nicht auf „irgendwann mal“ aufschieben.
Dass sie in der Regel nicht im Stadtplan zu finden sind, macht die Sache noch reizvoller. Optisch bauen sie gern auf eine gewisse Signalwirkung. So wird bei der temporären Kunsthalle in Berlin nicht nur im Innenraum an der weißen Wand ausgestellt, auch die Außenfassade wird von Künstlern gestaltet. Derzeit schwebt dort eine stilisierte Wolke von Rockenschaub. Ob das eine Anspielung auf den übertrumpften Entwurf sein soll? Möglicherweise symbolisiert aber einfach nichts besser das Temporäre als das Bild einer Wolke, die sich bildet und auflöst, von einem Ort zum anderen getrieben wird. „Die Kunsthalle fällt durch ihre Qualität als Solitär auf, durch die Farbe Blau im steinernen Berlin“, urteilt der Leiter Thomas Eller. „Sie ist städtebaumäßig nicht wirklich eingebunden, steht quer zu allem, und das ist gut so. Dann kann man auch quer denken.“
Hotel in Kanalrohren
Der Stempel „temporär“ erlaubt einiges, das auf Dauer angelegt nie verwirklicht worden wäre. So hat der österreichische Künstler Andreas Strauss ein international beachtetes, nicht kommerzielles Hotel in Kanalrohren ersonnen. Zuerst lag es mitten in Linz, inzwischen idyllisch am Donauradwanderweg. Der Künstler sieht das Projekt „Parkhotel“ als einen Versuch in den Fragen „Wer erlaubt was?“, „Wer gesteht wem Raum zu?“ und bekam die Erlaubnis vom Bürgermeister persönlich. Ein weiteres Beispiel: Mit einem Kran hochgehievt, thront das schicke Ein-Zimmer-Hotel „Everland“ derzeit in Paris auf dem Dach des Palais de Tokyo mit Blick auf den Eiffelturm, nachdem es zuvor unter der Adresse der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig zu finden war.
Selbst Stararchitekten erliegen gern dem Reiz des Temporären. Jeden Sommer gibt die Serpentine Gallery in London einen Pavillon in Auftrag, der dann für drei Monate im Kensington Park steht. Die Liste der Planer liest sich wie ein Who is Who der Architektur. Zaha Hadid, Daniel Libeskind, Alvaro Siza und Rem Koolhaas gehören dazu. In diesem Jahr stammte der Bau von Frank Gehry.
Ein Leben danach
Für viele temporäre Gebäude gibt es tatsächlich ein Leben danach. So wurde Gehrys Pavillon von einem europäischen Unternehmen gekauft. Auch viele der Länderpavillons auf der Expo in Hannover fanden seither einen Nachnutzer: Der mexikanische Pavillon steht als Bibliothek in Braunschweig, der irische dient als Eingang der Uni Dublin, im isländischen simuliert eine dänische Firma Gletscher und Blitze, und der ungarische Pavillon wurde nach Abu Dhabi verkauft.
Einer der ersten Retter von Architektur auf Zeit aber war übrigens König Ludwig II. Er erstand auf der Weltausstellung 1878 in Paris den Maurischen Kiosk und ließ diesen später im Park von Schloss Linderhof wieder aufbauen.
Wie publikumswirksam temporäre Architektur sein kann, zeigt ein Marketinggag, den sich vor ein paar Monaten ein Pariser Architekturbüro erlaubte. Zum 120-jährigen Jubiläum im nächsten Jahr solle die oberste Plattform des Eiffelturms aufs Doppelte vergrößert werden und Platz für die vielen Menschen schaffen, die jeden Tag hinauf wollen. Die Presse nahm die Meldung ernst, und so glaubten viele Menschen für kurze Zeit daran, dass ihr geliebter Eiffelturm bald eine Kevlar-Manschette tragen werde. Natürlich nur temporär, aber was das heißt, wissen die Pariser nur allzu gut.