16.04.2009 · Viele Menschen wollen nicht auf dem Land alt werden und ziehen zurück in die Städte. Das stellt die Planer vor schwierige Aufgaben. Doch auf diesen Trend müssen sich die Kommunen einstellen.
Die Herausforderungen, die auf die deutschen Städte zukommen, sind gewaltig. Sie müssen den Menschen Lebensraum bieten, der den veränderten Ansprüchen einer von strukturellen Anpassungsprozessen und den Folgen des Klimawandels geforderten Gesellschaft entspricht. Gefragt sind deshalb vorausschauende Strategien und der Mut, in der Stadt- und Regionalplanung neue Wege zu gehen.
„Es ist auffällig, dass sich die Menschen überall in Deutschland von den Regionen in die Städte zurückziehen“, schildert Petra Roth, Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main, die Entwicklung. Sie erklärt sich die Renaissance der Städte vor allem mit den Vorteilen, die eine Stadt ihren Bewohnern bieten kann: von Arbeitsplätzen und kurzen Fahrwegen über Bildungs- und Kultureinrichtungen bis zu Betreuungsmöglichkeiten im Alter. Die Oberbürgermeisterin sieht die Einsamkeit als eine der Ursachen für die Wanderungsbewegung gerade älterer Menschen in die Städte, denn in einem urbanen Umfeld können Menschen ihr Bedürfnis nach Begegnung und Kommunikation oft einfacher befriedigen. „Das ist ein großer Vorteil der Stadt im 21. Jahrhundert“, sagt Roth.
Betreuung tut not
Zu den wichtigsten Stellschrauben für eine funktionierende Stadtgesellschaft zählt die Oberbürgermeisterin den Bildungsbereich und ein ausreichendes Angebot an frühkindlichen Betreuungseinrichtungen. Gerade in einer so dynamischen, liberalen und internationalen Stadt wie Frankfurt am Main, in der fast 40 Prozent der Neugeborenen einen Migrationshintergrund haben, spiele Bildung auch als Integrationsinstrument eine wichtige Rolle.
„Die Stadtplanung hat bisher nicht mutig genug deutlich gemacht, dass Entwicklungen endlich sind und sich Strukturen wandeln müssen. Einfach die Vergangenheit fortzuschreiben und als Basis für ihre Entscheidungen zu verwenden funktioniert heute nicht mehr“, sagt Peter Wallner, Partner bei Deloitte Real Estate. „Die Gesellschaft wird nicht nur älter und bunter, sondern vor allem auch ärmer. Die Herausforderungen, die durch die zunehmende soziale Segregation in den Städte entstehen, werden zwar beschrieben und beklagt, im konkreten Handeln jedoch noch viel zu oft unterschätzt.“
Viele Umzüge
Einen der Motoren für die zunehmende Kluft in deutschen Stadtgesellschaften sieht er in der hohen Austauschgeschwindigkeit. Allein Berlin erlebe jedes Jahr einen Bevölkerungsaustausch von 10 Prozent durch Zu- und Wegzüge. „Neben vermögenden Menschen, die sich Urbanität leisten können, ziehen vor allem versorgungsbedürftige Menschen in die Städte“, sagt Wallner. Es sei zu beobachten, dass benachteiligte Stadtteile entweder ein Bevölkerungswachstum verzeichnen, weil sich hier einkommensschwache Bevölkerungsgruppen zusammenfinden, oder Einwohner verlieren, da sie sich zu soziokulturellen Problemgebieten wandeln. „Für diese Herausforderungen gibt es keine überzeugenden Antworten.“
Ein wichtiges Thema sei außerdem der Umgang mit Ressourcen. „Es wird auf diesem Gebiet starke Veränderungen geben, denn in verdichteten Städten muss anders über den Flächenverbrauch, die Luftverschmutzung und den Umgang mit Energie nachgedacht werden“, sagt Wallner.
Hinzu komme, dass in Deutschland immer mehr Menschen von Transfereinkommen des Staates lebten. „Unabhängig von umweltpolitischen Aspekten müssen wir dafür sorgen, dass Energiekosten durch niedrigeren Verbrauch bezahlbar bleiben.“ Die Lösung sieht Wallner in der „Stadt der kurzen Wege“. Damit dieses Modell zum Erfolg werde, müssten neue städtebauliche und architektonische Ansätze gefunden werden.
Keine Diagnose, keine Therapie
Oft fehle es an einer konsequenten Diagnose und Therapie. „Viele Maßnahmen bleiben an der Oberfläche und gehen die eigentlichen sozialen Probleme nicht an.“ Das schreckt private Investoren ab, die Transparenz und Investitionssicherheit brauchen. Die öffentliche Hand sollte sich stärker als Moderator verstehen und darin eine ihrer wichtigsten Aufgaben für die künftige Stadtentwicklung sehen, meint Wallner.
Einen partnerschaftlichen Umgang aller Beteiligten hält er für eine wichtige Ausgangsbasis. Doch oft fehle es an einer offenen Kommunikation zwischen den Partnern und der Bereitschaft, nicht nur die eigenen Vorteile zu verfolgen. Das zeige sich am Beispiel der öffentlichen privaten Partnerschaften (Public Private Partnership, PPP). „Ich habe erhebliche Zweifel, dass sich klassische PPP-Projekte in Deutschland durchsetzen werden. Diese Form der Partnerschaft ist im Grunde nur für wenige große Marktteilnehmer interessant, die über entsprechendes Fachwissen, Kapazitäten und Kapital verfügen.“ Auch scheue die kommunale Seite die Risiken in der Anlaufphase, denn hier wird investiert - hier lauern die großen Risiken.
Vorbild Erfurt
„Die Idee, ein PPP-Projekt zu realisieren, ist in den ersten Jahren risikoreich und mit Kosten verbunden. Es kann sich nur mittel- bis langfristig rechnen. Für einen Politiker, der in Wahlperioden denken muss, ist das wenig attraktiv.“ Wallner setzt daher auf andere Kooperationsmodelle. „Ich denke an Stadtentwicklungspartnerschaften, kommunale Immobilien-Aktiengesellschaften, in denen privates Kapital und Fachwissen zusammenkommen, oder an Stadtentwicklungsfonds. Diesen Instrumenten gehört die Zukunft.“
Wie es funktionieren kann, zeigen einige deutsche Städte wie Erfurt, Hannover und Essen. Mit ganz unterschiedlichen Ansätzen geschieht hier Nachahmenswertes. Sei es, dass die Situation vor Ort schonungslos analysiert wird, eine konsequente Masterplanung durchgeführt und die Aufgaben der Kommunen ideologiefrei beschrieben werden - oder die Stadt ihre Immobilienstrategie eng mit der Wirtschaftsförderung verknüpft, fasst Wallner die Erfolgsrezepte zusammen.
Der Klimawandel will auch bedacht sein
Doch wie sind die Folgen des Klimawandels zu bewältigen? Architekten, Städteplaner und die Immobilienwirtschaft sind hier besonders gefordert. Die Grundlage eines nachhaltigen und klimaschonenden Bauens liegen im Einsatz lokal vorhandener Ressourcen, erläutert Thomas Lenzen, Energieberater bei der Bayerischen Architektenkammer in München. „Die Betrachtung und Bewertung der ökologisch-wirtschaftlichen Entstehungs- und Folgekosten von Materialkreisläufen liefert wichtige Ergebnisse für einen effektiven Klimaschutz“, sagt der Fachmann. Dies beträfe sowohl Aspekte der energetischen Grundversorgung als auch des verantwortlichen Umgangs mit Flächen, Materialien und Bauweisen. Lenzen beobachtet, dass die ökologischen Auswirkungen des Bauens oft unterschätzt werden.
Obwohl es viele Möglichkeiten gebe, den Heizenergieverbrauch von Gebäuden zu senken, würden die Chancen, die eine intelligente Wahl der Bauart, vor allem aber der Baumaterialien böten, unzureichend genutzt. Hier sieht der Fachmann Verbesserungspotential. „Es geht nicht allein um Maßnahmen, mit denen Primärenergie eingespart, Wärmedämmeigenschaften verbessert und Kohlendioxidemissionen reduziert werden. Genauso entscheidend sind Maßnahmen, welche die Wasserversorgung und -entsorgung sowie die Be- und Entlüftung betreffen“, erläutert Lenzen.
Eine Woche für das Klima in Bayern
Mit der Bayerischen Klimawoche 2009, die in diesem Jahr vom 11. bis 17. Juli stattfindet, will die Staatsregierung auf diese wichtigen Themen aufmerksam machen und aufzeigen, welchen Beitrag jeder einzelne Bürger zu einem nachhaltigen Klimaschutz leisten kann. Geplant sind Schulprojekte, Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen.
Die Idee dahinter ist, dass Klimaschutz nicht nur ein Thema für Vertreter aus Politik und Wirtschaft ist. Ein weiterer Ansatz für ein partnerschaftliches Miteinander im Sinne einer lebenswerten Zukunft der Städte.