18.09.2009 · In Deutschland finden in diesen Tagen drei Internationale Bauausstellungen (IBA) gleichzeitig statt. Fünf weitere sind geplant. Stadtplaner und Politiker versuchen jetzt, die Marke IBA zu schützen.
Von Rainer MüllerUnterschiedlicher könnte ihre Architektur nicht sein: die Jugendstilsiedlung Mathildenhöhe in Darmstadt, die zwischen den Weltkriegen entstandene Stuttgarter Weißenhofsiedlung und das 50 Jahre alte Hansaviertel in Berlin-Tiergarten. Doch gemeinsam haben diese drei Wohnsiedlungen, dass sie das Ergebnis einer Internationalen Bauausstellung - abgekürzt IBA - sind.
„Die Tradition Internationaler Bauausstellungen in Deutschland ist über 100 Jahre alt und reicht von den Anfängen in Darmstadt bis in die Gegenwart“, erklärt Architekturhistoriker Werner Durth, der die Entstehungsgeschichte und Ziele der Ausstellungen erforscht hat und seit Ende Juli Mitglied in einem Expertenrat des Bundesbauministeriums ist. „Im Laufe der vergangenen 100 Jahre hat sich der Anspruch an eine Internationale Bauausstellung stark gewandelt.“
Andere Ausgangslage
Tatsächlich ist die Ausgangslage heutzutage eine andere. Ging es in den ersten Bauausstellungen vorrangig um die Präsentation zeitgenössischer Architektur, wurden sie später immer mehr zu Instrumenten der Stadtreparatur, des Stadtumbaus und des Strukturwandels. Das Profil wurde im Zuge dieser Veränderung allerdings zusehends unscharf. So war etwa die 1999 beendete IBA Emscher Park eher ein Programm zur Revitalisierung des vom Zechensterben gebeutelten Ruhrgebiets als eine Bauausstellung.
Heute gilt diese IBA zwar als Erfolg mit Vorbildfunktion. Sie zeigt aber auch ein Dilemma: Aus der IBA war eine Projektionsfläche für die vielfältigsten Erwartungen geworden. Entsprechend hegen seither viele Städte und Regionen die Hoffnung, mit einer Bauausstellung ähnlich wie mit einer Bundesgartenschau oder anderen Großereignissen endlich Problemviertel aufzuwerten oder lange geplante Infrastrukturprojekte anzuschieben.
Drei Ausstellungen gleichzeitig
Aktuell finden schon drei Bauausstellungen gleichzeitig statt. Die IBA Hamburg versucht, bis 2013 unter anderem durch den Bau von Bildungseinrichtungen und Wohnungen den lange vernachlässigten Stadtteil Wilhelmsburg auch für Mittelstandsfamilien attraktiv zu machen. In Sachsen-Anhalt bündelt die IBA Stadtumbau von 2000 bis 2010 Projekte, die über das gesamte Bundesland verstreut sind. Dabei steht weniger der Neubau als der Rückbau und die Kultivierung von Baulücken im Vordergrund. In der Lausitz schließlich will die IBA Fürst-Pückler-Land im gleichen Zeitraum dem alten Braunkohlerevier ein neues Gesicht geben und setzt dabei stark auf touristische Infrastruktur sowie schwimmende Häuser im künstlich gefluteten Lausitzer Seenland.
Darüber hinaus sind schon weitere Internationale Bauausstellungen geplant. Berlin will in den kommenden Jahren seine dritte IBA durchführen, um für den ausgemusterten Flughafen Tempelhof eine neue Nutzung zu finden. Auch das Dreiländereck um Basel will ab 2010 grenzüberschreitende Projekte im Rahmen einer IBA realisieren. In Heidelberg und anderen Städten ist eine entsprechende Diskussion derzeit im Gange. Auch wenn Frankfurt kürzlich seine Planungen für eine IBA Rhein-Main mangels politischen Rückhalts eingestellt hat - das Format IBA erfreut sich regen Zuspruchs.
Rätseln über die Gründe
„Woran liegt es, dass in 100 Jahren sieben IBA entstanden sind und jetzt innerhalb von zehn Jahren noch mal sieben?“, fragt sich inzwischen Uli Hellweg, Geschäftsführer der IBA Hamburg. Um der befürchteten Beliebigkeit etwas entgegenzusetzen, haben die Hamburger unter dem Titel „IBA meets IBA“ ein Netzwerk aus Architekten, Stadtplanern, Politikern und Vertretern der früheren, aktuellen und geplanten Bauausstellungen ins Leben gerufen. Erstmals werden seither Zielstellungen und Qualitätsstandards für diese Großveranstaltungen überprüft, um ein Zeichen gegen die drohende Inflationierung des Begriffs zu setzen.
Als durchaus problematisch erkannt wurde nämlich, dass es im Unterschied zu einer Bundesgartenausstellung oder Expo keine Institution gibt, die über die Vergabe einer IBA entscheidet. „Zwar wird es ohne politischen Rückhalt, Verwaltung und Wirtschaft keine erfolgreiche IBA geben können“, sagt der Staatssekretär im Bundesbauministerium, Engelbert Lütke Daldrup. Aber im Prinzip kann jede Stadt oder Region eine IBA ausrufen.
Evaluationsprogramm des Bundes
Daher haben die Netzwerkgründer bewusst den Bund miteinbezogen. „Von den IBAs gehen immer Impulse aus - vor Ort, aber auch in der nationalen und internationalen Debatte. Aus diesem Grund beschäftigt sich auch der Bund intensiv mit dem Thema“, sagte Lütke Daldrup kürzlich auf einem Forum. Unter seiner Leitung hat das Ministerium jetzt den Architekturhistoriker Durth und ein Dutzend weiterer Fachleute in einen Expertenrat berufen, der das Netzwerk beraten soll.
Außerdem schrieb der Bund ein Evaluationsprogramm aus. Als eine Art freiwillige Selbstverpflichtung formulierte das Netzwerk zudem ein Memorandum mit zehn Empfehlungen. So sollte eine IBA auf jeden Fall „modellhafte Lösungen für aktuelle Probleme in baukultureller, ökonomischer, ökologischer und sozialer Hinsicht, auch im internationalen Maßstab“, aufzeigen.