18.08.2008 · Die deutschen Städte stehen vor gewaltigen Veränderungen: Künftig wird es mehr alte Haushalte und insgesamt weniger Haushalte geben. Das wird auch für die Innenstädte große Umwälzungen zur Folge haben. Die Kommunen müssen darauf reagieren.
Von Christiane HarriehausenDie spürbare Zunahme älterer Haushalte und die spätestens von 2020 an sinkende Zahl von Haushalten wird die Nachfrage nach Wohnraum und die Umzugsbereitschaft erheblich verändern. Davon geht Tobias Just aus, Leiter Immobilienmarkt-Research der Deutschen Bank. Vor allem bei den älteren Menschen sei die Bereitschaft zum Wohnungswechsel - vor allem vom Umland in die Stadt - gering.
Vor diesem Hintergrund einen allgemeinen Reurbanisierungstrend zu erkennen, hält Just für schwierig. „Das Leben in der Stadt ist nur für die Zielgruppe interessant, die körperlich, geistig und vor allem auch finanziell mobil ist.“ Es bleibe eine große Anzahl älterer Menschen, die sich das Wohnen in der Stadt in Zukunft nicht leisten können und die auch nicht umziehen wollten.
Reurbanisierung birgt ein großes Potential
Der Anreiz zum engeren Zusammenleben der Menschen werde zunehmen. Wer in einer kompakten Stadt mit einer funktionierenden Infrastruktur wohnt, für den spielten steigende Mobilitätskosten eine untergeordnete Rolle. Der Gesetzgeber und die Städte hätten Möglichkeiten, einer weiteren Zersiedelung des Umlandes entgegenzuwirken. Benötigt wird aus seiner Sicht ein besseres Wohnraumangebot - auch für Familien mit Kindern.
„Reurbanisierung heißt nicht etwa Wohnen in einer möglichst großen Stadt, sondern in einer städtischen Atmosphäre“, sagt Just. Hier liege ein großes Potential, denn es gebe in Deutschland keine Megastädte, sondern ein breites Netz an großen, mittelgroßen und auch kleineren Städten.
Das sei von Vorteil. Gerade die mittelgroßen und kleineren Städte seien wichtig, da sie den Druck von den großen Städten und Regionen nehmen und die Lasten verteilen, die sonst allein auf den Ballungszentren liegen würden.
Kommunen müssen besser zusammenarbeiten
Wichtig sei eine stärkere Zusammenarbeit der Kommunen. Sie sollten weniger in Konkurrenz und dafür mehr in Regionen denken. Großen Handlungsbedarf sieht Just bei der Umsetzung des Förderprogramms „Soziale Stadt“. Bisher handele es sich vor allem um ein Bauprogramm. Doch Kommunen brauchten zur Verbesserung der sozialen Strukturen nicht nur Baumaßnahmen, sondern eine Stärkung der sozialen Dienste. Wenn sich die Zersiedelung tatsächlich umkehrt, rechnet Just mit steigenden Mieten und Preisen.
Auch habe die Suburbanisierung mit vergleichsweise günstigen Grundstückspreisen in ländlichen Regionen eine so hohe Wohnfläche je Einwohner erst möglich gemacht. „Vor allem in schrumpfenden Regionen verzeichnen die Städte schon heute Wanderungsgewinne gegenüber dem Umland“, berichtet Gregor Jekel vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) in Berlin. Dabei seien Städte nicht nur bei Senioren beliebt, die stärker auf eine funktionierende Infrastruktur angewiesen sind, sondern auch bei Familien.
Nachbarschaftliche Netze werden gefragt sein
Das Institut wird im Herbst eine Studie mit dem Titel „Stadtpolitik und das neue Wohnen in der Innenstadt“ veröffentlichen. Jekel kann aufgrund erster Ergebnisse eine Tendenz zur Stärkung des Wohnens in der Innenstadt feststellen. Dies hänge neben der vielerorts spürbaren negativen Bevölkerungsentwicklung und Überalterung der Bevölkerung auch mit der zunehmenden Vereinzelung und Heterogenisierung in der Gesellschaft zusammen.
Nachbarschaftliche Netze würden an Bedeutung gewinnen. Gute Chancen, neuen innerstädtischen Wohnraum zu schaffen, böte vor allem die Nutzung der noch vorhandenen Flächenpotentiale - vor allem durch die Entwicklung von Brachflächen seitens der Kommunen.