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Immobilienkrise Paulsons weitsichtige Investition

26.09.2008 ·  Einen 700 Milliarden Dollar schweren Rettungsplan für die amerikanischen Banken will Finanzminister Henry Paulson durchsetzen. Er könnte sich als eine der besten Investitionen der amerikanischen Regierung erweisen. Russische Einwanderer werden für eine hohe Nachfrage sorgen.

Von Gunnar Heinsohn
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700 Milliarden Dollar für den amerikanischen Finanzminister Henry Paulson zum Kauf von unterbesicherten Hypotheken sind eine Menge Geld. Es geht um 2300 Dollar für jeden Bürger. Wenn man die 85 Milliarden Dollar für den Versicherer AIG sowie die 200 Milliarden für die beiden Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac hinzuzählt, geht damit jeder Amerikaner mit 3300 Dollar ins Minus.

Gleichwohl könnte sich diese knappe Billion Dollar als ungemein geschickte Investition erweisen. Nach Schätzung des amerikanischen „Census Bureau“ vom 14. August 2008 werden die Vereinigten Staaten zwischen 2010 und 2050 etwa 130 Millionen zusätzliche Einwohner gewinnen und dabei insgesamt von 310 auf 440 Millionen Menschen zulegen.

Häuser für Einwanderer

130 Millionen Neubürger - mehr als ein Drittel davon ausgesuchte Einwanderer - entsprechen der kombinierten Bevölkerung von Frankreich und Großbritannien oder einem knappen Russland. Bei momentan drei Menschen je amerikanischem Haushalt werden knapp 45 Millionen zusätzliche Häuser und Wohnungen nachgefragt werden. Bei einem durchschnittlichen Preis von 300 000 Dollar je Wohneinheit Ende 2007 - zum Ende des Jahres 2006 waren es noch stattliche 322 000 Dollar - bringen die kommenden 40 Jahre zu heutigen Preisen eine Zusatznachfrage im Wohnungssektor von 13 Billionen Dollar.

Hinter den frischen Regierungsschulden von einer Billion Dollar stehen wirkliche Häuser. Sie sind nicht bezahlt oder die Bewohner sind viele Monate mit den Zinsen in Rückstand, aber sie existieren und sind obendrein auf dem neuesten technischen Stand.

Sie bei einer kumulierten Nachfrage von 13 Billionen Dollar nach und nach zu verkaufen, sollte nicht allzu schwierig werden. Und wenn dann der Finanzminister jedem Amerikaner seine 3300 Dollar zurückzahlt und obendrein seinen Gewinnanteil aus dem Verkauf der ja ungemein günstig eingekauften Wohnungen auszahlt, könnten sich schlichte Steuerzahler plötzlich für gerissene Anleger halten.

Entvölkerung östlich der Elbe

In vielen Gebieten Russlands, Osteuropas und Ostdeutschlands fallen die Häuserpreise von 100 auf 20 oder gar null Prozent, weil diese Regionen - ohne qualifizierte Einwanderer und mit 1,3 Kindern je Frauenleben (gegen 2,1 in den Vereinigten Staaten) - mitten in der demographischen Kernschmelze stecken. Das Gebiet zwischen Elbe und Wladiwostok wird von 360 Millionen Einwohnern im Jahr 2005 auf höchstens noch 240 Millionen im Jahr 2050 (CSIS, The Graying of the Great Powers, Washington DC, 2008) schrumpfen.

Das ist allerdings optimistisch geschätzt. Denn die Jungen und Gescheiten in diesen insgesamt 23 Ländern werden ja nicht bis zum Ende der Implosion still warten. Zigmillionen von ihnen werden - neben den 130 Millionen Neubürgern der Vereinigten Staaten - zwischen New York und San Francisco nach einer Unterkunft suchen.

Bald 520 Millionen neue Amerikaner?

Deshalb liegt die obere Schätzung für die amerikanische Bevölkerung im Jahre 2050 auch nicht bei 440, sondern sogar bei 520 Millionen. Aus einem demographischen eins zu eins aus dem Jahr 1870 zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland, mit seinerzeit jeweils 40 Millionen Einwohnern, wird im Jahr 2050 ein acht zu eins für die Vereinigten Staaten, mit nur noch 65 Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland.

Amerikanische Häuserpreise mögen von 100 auf 90 oder 80 Prozent sinken. Doch sobald sie gegen 70 Prozent tendieren, geht die halbe entwickelte Welt - einschließlich der „schrumpfvergreisenden“ Ostasiaten (Japan, Korea, Taiwan und selbst China) - auf die Internetseite von Google und sucht nach einem Schnäppchen.

Dadurch kann der Bedarf an Wohnungen schnell von 13 auf mehr als 20 Billionen Dollar steigen. Und wenn es dann zum panischen Aufkaufen amerikanischer Immobilien kommt, begreift selbst der zornigste Steuerzahler, wie gut Paulson seine 3300 Dollar angelegt hat. Plötzlich wird er bereuen, nicht auf eigene Rechnung noch viel mehr eingesetzt zu haben.

Unmut über monetäre Fehler

Gleichwohl wird der Unmut über die monetären Fehler der Vergangenheit bleiben. Aber auch da ist so vieles nicht zu ändern. Alle Rufe nach mehr Regulierung können doch nur bedeuten, wieder zu den altbekannten Bankregeln zurückzukehren.

Erstens dürfen Geschäftsbanken als Schuldner nur Leute und Einrichtungen akzeptieren, die erstklassiges Eigentum verpfänden können. Und zweitens müssen Zentralbanken über ein hohes Eigenkapital verfügen, dürfen zudem nur Geschäftsbanken mit erstklassigen Sicherheiten an ihren Schalter lassen und niemals den Refinanzierungszins gegen null gehen lassen.

Zum Schelm wird der amerikanische Finanzminister allerdings, wenn er von Europäern ebenfalls die Verstaatlichung unbezahlter Wohnungen fordert. Deutschland zum Beispiel hat keine zukünftigen Wohnungskäufer, sondern nur immer mehr Verzweifelte, die verkaufen wollen, um nicht mittellos in die Emigration zu müssen.

Die deutsche Regierung hat ebendeshalb schon Hunderttausende von Wohnungen vernichtet. Ansonsten wären sämtliche Immobilienpreise im freien Fall und die einheimischen Hypothekenbanken ruiniert, weil ihren Ausleihungen kaum noch Pfandwerte gegenüberstünden. Amerika kann Wohnungen auf Halde nehmen und auf bessere Zeiten warten, in Kontinentaleuropa aber geht das nicht.

Gunnar Heinsohn ist Ökonom und Soziologe aus Bremen.

Quelle: F.A.Z.
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