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Samstag, 11. Februar 2012
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Ideologische Stadtplanung Die Einheitsfratze der Fußgängerzone

13.02.2009 ·  Die Stadt Frankfurt wird die Kreuzung von Roßmarkt und Zeil für den Autoverkehr sperren und erhofft sich einen Zugewinn an „Aufenthaltsqualität“. Ein Albtraum für Ulf Erdmann Ziegler, der die Fußgängerzone für überlebt hält. Ein Plädoyer für ihre Abschaffung.

Von Ulf Erdmann Ziegler
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Die Fußgängerzone ist eine Nachkriegserfindung, beginnend mit dem nördlichen Abschnitt der Holstenstraße in Kiel, Sperrung für den Autoverkehr im Dezember 1953. Es kann kein Zufall sein, dass die Idee - und es war eine! - von Deutschland ausging, einem Land, das so viel Substanz in den Altstädten eingebüßt hatte, dass es fürchten musste, man könne die Altstadt überhaupt verlieren, ihre Attraktion, die Dichte, das Geschichtsgefühl. Das Gefühl für eine amputierte Geschichte.

Man brauchte nicht viel dafür, es musste kein Fachwerkrathaus da sein, keine Stadtmauer und kein Dom, obwohl all dies gewiss hilfreich war. Es reichte eine konkrete Erinnerung an das Layout der mittelalterlichen Stadt. Ein Markt-, Rathaus- oder Kirchplatz war günstig, dann nahm man die unmittelbar abzweigenden Straßen dazu, und schon ergab sich, sobald stillgelegt, die gewünschte Wirkung - der Eindruck, dass die Stadt ein Geheimnis habe, etwas, das dem Durchfahrenden verborgen blieb und bleiben sollte: ihre Mitte.

Soziale Börse für Achtzehnjährige

Ach, es ging auch ohne Kirchplatz. Jede Stadt und jedes Städtchen wollten dabei sein, auch die autobauenden wie Bochum oder Wolfsburg. Besser noch als eine Kirche, die am Ende nur im Weg stand, war ein Kaufhaus. Das Kaufhaus wurde zum Schloss der Fußgängerzone, die Zone war der rote Teppich, der ihm ausgerollt wurde. Rund um das Kaufhaus entfaltete sich die kommerzielle Hierarchie der Stadt. Hier gab es Bücher und Pelze, Haustierchen und Sahnekuchen. Manche Güter wurden einem vom Ratsherrn persönlich überreicht, der gleichzeitig Inhaber war. Die meisten hatten einfach Glück, weil sie schon am Platz waren, die Traditionsapotheke und der Herrenausstatter, andere kamen dazu, weil sie von der Idee profitieren wollten. Tchibo, zum Beispiel. Für viele westdeutsche Gymnasiasten war Tchibo nicht nur die Stadt-, sondern auch die Lebensmitte.

Überhaupt waren die Achtzehnjährigen, vor dem Führerschein, die idealen, unbekümmerten Nutzer dieser sozialen Börse. Für die Eltern war es schon schwieriger. Denn diese mussten nicht nur ihr Auto parken, sondern gleich doppelt dafür zahlen. Zum einen den Tarif des Parkhauses, zum anderen die Steuern, die zu seiner Errichtung aufgewendet wurden, plus der Mittel für den Ausbau der Fußgängerzone selbst, mit ihren Steinchenmustern, Blumenkübeln, Bronzeskulpturen.

Fußgängertaumel mit Handy

Die Fußgängerzone sollte das Gegenteil der Magistrale sein, das Fanal der Abkehr von der Autostadt. Tatsächlich aber wurde für die Autos eine gewaltige Infrastruktur drum herum gebaut, Unterführungen, Viadukte, Tiefgaragen, deren armierte Zufahrten. Mit jeder Ausdehnung der Zone wuchs der Anspruch an die automobile Kunststadt, die sie umgab. Das Schmuckkästlein, das die Fußgängerzone anfangs war, wurde zu einer Stadt in der Stadt.

Das mittelalterliche Layout, das zeigte sich schließlich, war nicht aus ornamentalen, sondern aus pragmatischen Gründen entstanden. Die wichtigste Straße kreuzte einst den wichtigsten Platz; die Nordsüdachse stieß auf die Ostwestachse. Dort, wo man sich getroffen hatte, hatte Handel stattgefunden, politische Reflexion, das Gelage, die Bekanntschaft von Mann und Frau. Das Reenactment der mittelalterlichen Szene vor den Kulissen von C & A und Kaufhof wurde bezahlt mit einer Entfremdung der Stadt von ihrer Lage in der Landschaft, der Windrose, der Kartographie. Die vielbeklagte Ortlosigkeit, die Einheitsfratze der Fußgängerzone mag die Verwirrung der Gemüter hervorgebracht haben, wahrscheinlich aber war es andersherum: Wo der Funktionszusammenhang vage wird, werden alle Formen austauschbar, bauliche, psychische, merkantile.

Seit das Handy dazugekommen ist, ist daraus ein Fußgängertaumel geworden, ein abergläubiges Stolpern durch die Stadtlandschaft. Oft sieht man Leute, ohne dass sie sich umschauen würden, über vielbefahrene Straßen gehen. Viele machen das mit einem angewinkelten Arm, den sie ans Ohr pressen. Manche machen das und begeben sich dabei, rückwärts schreitend, auf die Fahrbahn. Wenn Autos für sie Vollbremsungen machen, lachen sie wie Kinder. Die Rede ist hier nicht von der offenen Psychiatrie, sondern von Bankern und Maklern, Justitiarinnen und Müttern, von teuer gekleideten Mittelständlern, die alles können, nur eines nicht: eine Autostraße zu unterscheiden von einer Fußgängerzone. Nicht zu wissen, wo man sich befindet, gilt in der Mobilfunkgesellschaft als sexy. Daher der Nimbus der Fußgängerzone, als Alibi.

Man hält an einem selbstfabrizierten Missstand fest

Es kann kein Zufall sein, dass jene Straßen und Winkel die besten sind, die soeben jenseits der Butikenaltstädte liegen. Dort, wo die Antiquare sind, der Schuster, der Dönerimbiss, die Diakonie, das alte Postamt, die Kneipen. Wenn der Bahnhof in der Nähe der Altstadt liegt, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass von der ursprünglichen Stadt noch ein Stück übrig ist. Der Testfall ist der Abend, wenn die Gassen der Stadt melancholisch werden. Die echten Gassen. Die Fußgängerzone fällt in nächtliche Depression, ein Sammelsurium unnützer Signale, in deren Ritzen der Rotz der Wohlstandsgesellschaft gekrochen ist. Er will da nicht mehr raus.

Das war die Normalität. Oder nennen wir's den Glücksfall. In den letzten Jahren gibt es zweierlei Entwicklungen. In der einen Sorte von Stadt verfallen die Fußgängerzonen. Selbst wenn der Leerstand das Kaufhaus erreicht, wird der Fehlschlag nicht eingestanden. Man hält an einem selbstfabrizierten Missstand fest wie an einem Heiligtum. In der anderen Sorte von Stadt boomt die Fußgängerzone zu ihrem Nachteil, die Kettengeschäfte haben komplett übernommen. Tchibo war, so gesehen, ein Omen. Jeans und Handys, Handys und Jeans: Barcelona, zum Beispiel, ist großartig überall dort, wo man mit dem Motorroller hinkommt. Auf den zweihundert Metern zwischen Rambla und Kathedrale fußgängert es als Hauptstadt der Verblödung.

In Frankfurt am Main hat das Stadtparlament schon vor Jahren beschlossen, die Verbindung zwischen der Kaiserstraße - die im großen Bogen, vorbei am Frankfurter Hof, von Südwesten heranführt - und der Großen Eschenheimer Straße zu sperren, die sich nach Norden hin öffnet. Die Verbindung heißt Roßmarkt, aber der Volksmund nennt das oberste Stück die Hauptwache. Dort endet eine breite, mit Bäumen bestückte Fußgängerzone namens Zeil, und zwar ihr bessergestelltes Ende. Und natürlich steht da der Kaufhof. Wer die befahrbare Straße am großen Zebrastreifen kreuzt, findet auf der Westseite einen mondäneren, aufgeräumteren Teil der mehr oder minder alten Stadt. Unter der Hauptwache liegen S- und U-Bahn. Die Oberbürgermeisterin war immer gegen die Sperrung der Hauptwache, jetzt hat sie dem grünen Verkehrsdezernenten nachgegeben.

Die Hauptstraße hat schon ihren Grund

Die „Frankfurter Rundschau“, selbst vom Schauplatz durch Verkauf und Abriss ihres phantastischen Nachkriegsgebäudes seit Jahren vertrieben, hat dazu Jutta Deffner befragt, „Verkehrsexpertin am Institut für Sozialökologische Forschung“ mit Sitz in Frankfurt. Deffner erhofft an der neuen Hauptwache, die quasi der Fußgängerzonenkopf der Zeil sein wird, einen Zugewinn an „Aufenthaltsqualität“. Frage der Zeitung, was gemeint sei. „Die erlebt man in dem Sinne, dass man sitzen und Kaffee trinken kann, auf einer Bank einen Plausch hält oder sich ausruht.“ Ende der Fahnenstange, weiter reicht es einfach nicht - in den Köpfen von Leuten, die uns Baumaßnahmen in Millionenhöhe aufschwätzen wollen. Nur weil in einer Fußgängerzone keine Autos fahren, hat sich die grüne Szene in diese groteske Stadtform verknallt. Dieselben Elche haben vor dreißig Jahren in Heidelberg mit Steinen geworfen, als man die Altstadtstraßenbahn abschaffte, um einer Touristenmeile Platz zu machen. Es hatte schon seinen Grund, dass die zentrale Achse Hauptstraße heißt.

Man muss nur südlich über den Main fahren, um einen regen Stadtteil zu besichtigen. Er heißt Sachsenhausen und hat wirklich nicht abgehoben. Hier gibt es, was man braucht, an der wichtigsten Durchfahrt, die Schweizer Straße heißt. Die Autofahrer müssen sich die Straße mit den Straßenbahnen und deren Benutzern teilen. Es ist ein reges Leben in der Schweizer Straße, am Schweizer Platz, in den Seitenstraßen. Es ist deshalb so rege, weil man darauf verzichtet hat, aus dem Stadtensemble eine Schauvitrine zu machen. Es brauchte dann auch keine Parkhäuser im Hintergrund. Es brummt, und es dröhnt, und es klingeln die Kassen. Herrliche alte Bäume gibt es auch. Die Idee ist an Sachsenhausen komplett vorbeigegangen. Da kann man sehen, dass die Zukunft der Stadt darin liegen könnte, dass sie niemand ideologisch verplant. Über die Abschaffung der Fußgängerzone sollten die Städte ernsthaft nachdenken. Sie hat sich überlebt.

Ulf Erdmann Ziegler, Schriftsteller, lebt in Frankfurt am Main.

Quelle: F.A.Z.
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