09.09.2010 · In Hamburg wird das Elbufer mit Bürohäusern zugebaut. Derweil drückt ein Flächenüberangebot die Mietpreise - auch in der Hafencity. In der Bevölkerung regt sich Unmut über die „Privatisierung des Elbblicks“. Nun soll ein Bürgerbegehren die letzten alten Häuser retten.
Von Rainer Müller, HamburgSonntag in der Hansestadt. Die Hamburger stürmen ans Wasser, sie segeln auf der Alster, radeln oder spazieren an der Elbe. Besonders beliebt ist der zwei Kilometer lange Abschnitt zwischen Fischmarkt und dem Elbstrand am Övelgönner Museumshafen. Leicht erhöht bietet der „Elbwanderweg“ durch die Grünanlagen Postkartenansichten auf den Hafen, die Elbe und die Köhlbrandbrücke. Ein Panorama, das sich in den vergangenen Jahren rasant verändert hat. Immer mehr gläserne Bürotürme drängen sich in den schmalen Streifen zwischen Elbufer und Elbhang und lassen nur noch schmale Sichtachsen zur Elbe hin frei.
Rund 20 Bürohäuser wurden in den vergangenen Jahren hochgezogen. Nur in der Hafencity wird noch mehr gebaut. „Hanse-Gate“, „Columbia Twins“ oder „Elbkaihaus“ heißen die Gebäude und bilden - laut Imagebroschüren der Stadt - eine „Perlenkette“. Tatsächlich sind wahre Perlen darunter, allen voran das spektakuläre „Dockland“-Gebäude von Hamburgs Stararchitektenteam Bothe Richter Teherani. Es tanzt ganz im Wortsinne aus der Reihe und scheint wie ein Schiff in der Elbe und damit vor den anderen Bauten zu liegen. Ansonsten dominiert triste Investorenarchitektur, die zudem häufig leer steht. Zwei komplette Stockwerke sind es derzeit im „Hanse-Gate“, gleich drei im „Elbkaihaus“, und einer der „Columbia Twins“ steht seit Fertigstellung Ende 2009 sogar komplett leer. Mehr als 4000 Quadratmeter auf acht Etagen sind hier zu haben - für 17,50 bis 24 Euro den Quadratmeter. Im Zwilling sitzt der Investor selbst, die Reederei Columbia.
Überangebot drückt die Preise
In den anderen Büroimmobilien am Elbufer sieht es kaum besser aus. Insgesamt stehen in Hamburg 1,1 Millionen Quadratmeter Büroflächen leer, 21 Prozent mehr als noch im Vorjahr, wie kürzlich das Immobilienunternehmen BNP Paribas Real Estate meldete. Weitere Bürogebäude sind im Bau oder projektiert, so dass bis Ende nächsten Jahres weitere 400 000 Quadratmeter auf den Markt kommen. Das Überangebot drückt die Preise: In der Hafencity sinken schon die Mieten, in den Spitzenlagen etwa von 26 auf 23 Euro. Nun soll es der Steuerzahler richten. Im geplanten Herzstück der Hafencity, dem Überseequartier, springt die Stadt selbst als Mieter ein und plant unter anderem den Umzug ihrer Wirtschaftsbehörde.
„Es ist ein harter Verdrängungswettbewerb, weil in sehr kurzer Zeit sehr viele Flächen auf den Markt kommen“, analysiert Matthias Huss vom Hamburger Immobilienmakler Grossmann & Berger, der auch das leer stehende Columbia-Gebäude vermieten soll. Huss ist dennoch zuversichtlich, dass mit dem sich abzeichnenden Ende der Wirtschaftskrise auch wieder „die Nachfrage nach hochwertigen Büroflächen steigt“. Noch gestehen Fachleute allerdings unter der Hand ein, dass Interessenten gute Chancen haben, die geforderten Preise nach unten zu handeln.
„Sichtachsen-Wanderweg“
Zunächst aber preisen Werbetafeln und Internetseiten die „kurzfristige Verfügbarkeit“ und den „exklusiven Elbblick“ an. Ebendiesen Blick vermissen nun viele Hamburger und äußern ihren Unmut über die „Privatisierung des Elbblicks“, wie Peter Pech es formuliert. Unter diesem Namen äußert er sich jedenfalls als Blogger im Internet. Im Sommer hat er den Elbwanderweg zum „Sichtachsen-Wanderweg“ umgetauft und dazu den Weg mit einem Logo markiert, in dem die drei Türmchen des Hamburger Stadtwappens zu Wolkenkratzern mutiert sind. In einer gleichzeitig ausgelegten und angeblich von Hamburgs Baubehörde herausgegebenen Broschüre heißt es ironisch: „Die letzten Lücken werden nun endlich imagebildend geschlossen. Der ehemalige Elbwanderweg erfährt dadurch eine Aufwertung zum ,Sichtachsen-Wanderweg'.“
Inspiriert wurde die auch im Netz kursierende Broschüre offenkundig von der Ausschreibung für einen Architekturwettbewerb, den ein Tochterunternehmen der Stadt ausgerufen hat, um das sogenannte Areal West zu entwickeln - die letzte noch bebaubare Fläche am Elbufer. Darin wird von den Architekten gefordert: „Durchblicke auf die Elbe und den Köhlbrand sollen neu definiert und gestaltet werden.“ Im Juli wurden die Wettbewerbsergebnisse präsentiert, und von 2012 an soll gebaut werden, in Abhängigkeit von der Marktentwicklung, wie es heißt. 27 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche würden dann das Angebot entsprechend vergrößern. Geplant sind hier allerdings nicht nur Büros, sondern unter anderem auch ein 4-Sterne-Hotel, Gastronomie und hochwertige Wohnungen. Für ein weiteres ambitioniertes Wohnprojekt wurde gerade Richtfest gefeiert: Der gläserne „Kristall“ sei die wohl exklusivste Wohnimmobilie der Hansestadt, wie der Investor, die Hamburger B&L Gruppe, vollmundig behauptet. 35 Eigentumswohnungen von 100 bis 400 Quadratmeter Größe sollen in dem 63 Meter hohen Luxuswohnturm entstehen. Über weitere Zahlen zu Kaufpreis und Nachfrage schweigt sich der Investor aus.
Kampf um Erhalt der Elbtreppen-Häuser
Luxuswohnungen, exklusive Büros, 4-Sterne-Hotel und dazu noch ein Kreuzfahrtterminal: „Das ist die Schöne Neue Welt. Wir passen da wohl nicht mehr rein“, sagt Karsten Schnoor, einer der wenigen aktuellen Anwohner. Seine Wohnung liegt an der Elbtreppe, einem verschachtelten Ensemble von fünf alten Häusern am Elbhang. Von ihren Wohnungen aus schauen sie direkt auf die „Perlenkette“. Ihre 150 Jahre alten Häuser sind der letzte Rest eines kleinen Arbeiterstadtteils, der im Krieg fast vollständig zerstört wurde. Jetzt sollen drei der Häuser abgerissen werden. Für Karsten Schnoor und seine Nachbarin Susanne Gerriets ist das ein „Skandal“. Sie werfen dem Besitzer, der städtischen Wohnungsgesellschaft SAGA-GWG, vor, die Häuser systematisch vernachlässigt zu haben. „Seit 1996 wurden leer werdende Wohnungen bewusst nicht mehr vermietet, Dielen und Wasserrohre rausgerissen, Fenster vernagelt. Innen verschimmelt alles.“ Noch 25 Menschen harren in den unsanierten Wohnungen aus, zum Teil mit Kohleofen und dem Klo im Treppenhaus. Hier wohnen Rentner, Studenten, Lehrer, Ingenieure und Künstler - eine buntgemischte Gemeinschaft.
SAGA-Sprecher Mario Spitzmüller sieht das anders. „Die Häuser sind teilweise akut einsturzgefährdet und müssen abgerissen werden. Eine Sanierung ist hier wirtschaftlich nicht mehr möglich.“ An ihre Stelle sollen modernere und mehr Wohnungen als heute gebaut werden. Diese würden zuerst den bisherigen Mietern für „maximal zehn Euro je Quadratmeter“ angeboten werden. Die Mieter wollen aber nicht gehen, haben sich zu einer Initiative zusammengeschlossen und kämpfen seit Jahren für den Erhalt aller Häuser.
SAGA verspricht „mieterfreundliche Lösung“
Für die SAGA hingegen geht es längst nicht mehr um die grundsätzliche Frage der Erhaltung, sondern „nur noch um gestalterische Fragen des Neubaus“. Spitzmüller sieht den Streit mittlerweile als regelrechtes Politikum. Tatsächlich hatte sogar der schwarz-grüne Senat in seinem Koalitionsvertrag eigens festgehalten: „Für die Elbtreppe soll eine mieterfreundliche Lösung gefunden werden.“
Das ist eine dehnbare Aussage. Aber aus Sicht der Mieter gibt es zwei mieterfreundliche Lösungsmöglichkeiten: Entweder der Besitzer saniert seine Häuser, oder er verkauft sie an eine geplante Mietergenossenschaft. Diese würde die Sanierung dann selbst bezahlen. Die Lawaetz-Stiftung, die unter anderem Wohnprojekte berät und ebenso wie die SAGA der Stadt gehört, hat die Machbarkeit gemeinsam mit den Mietern durchgerechnet. Die Stiftung widerspricht auch vehement der Darstellung, die Häuser seien einsturzgefährdet.
Tag des offenen Denkmals
Nach jahrelangem Hin und Her naht jetzt die Entscheidung. „Wir wollen noch in diesem Jahr Bauantrag stellen“, kündigt SAGA-Sprecher Spitzmüller an. Die Mieterinitiative setzt nun ein Bürgerbegehren dagegen. Sammelt sie genügend Unterschriften in der Bevölkerung, ist das Begehren für den Bezirk Altona, der die Abriss- und Baugenehmigung erteilen muss, bindend. Nach knapp drei Wochen habe die Initiative 6000 Unterschriften zusammen. „Natürlich ist uns auch die intakte Häusergemeinschaft wichtig, der Zusammenhalt“, stellt Susanne Gerriets klar, „aber es geht uns eben auch darum, den letzten historischen Ort hier so authentisch wie möglich zu erhalten.“ Das Interesse der Sonntagsspaziergänger auf dem Elbwanderweg an der aufgestellten Informationstafel ist jedenfalls groß. An diesem Sonntag bietet der bundesweite Tag des offenen Denkmals die Gelegenheit, das Ensemble offiziell zu besichtigen.
Schade...
Gerhard Finsterbusch (bahlsen)
- 10.09.2010, 00:28 Uhr
hamburg,tor zur welt....
YIN YANG (YANGI)
- 10.09.2010, 10:25 Uhr
Die Saga und der Tag des offenen Denkmals
Peter Pech (p.pech)
- 10.09.2010, 17:18 Uhr