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Denkmal Zahlen für die Zelle

18.12.2009 ·  Berlin stellt ein ehemaliges Gericht mitsamt Gefängnis in Charlottenburg zum Verkauf. Viele potentielle Bieter zieht das Areal magisch an. Sie denken an ein Hotel für Rucksacktouristen.

Von Jörg Niendorf, Berlin
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Ein Gerichtsgebäude in Innenstadtlage, gut erhalten, ausgestattet mit viel Prunk aus der Kaiserzeit - dazu im Hof ein ganzes Untersuchungsgefängnis, mit Burgzinnen auf dem Dach und düsteren, vergitterten Fensterhöhlen. Das ist der Posten „Kantstraße 79“, zum Kauf angeboten vom Liegenschaftsfonds Berlin und derzeit der große Renner, zumindest gemessen an den Interessentenzahlen bei den Besichtigungsterminen. In dieses Gefängnis wollen viele. Nun können sie sogar dafür bieten, um es zu erwerben.

Schon mehrmals in der Woche finden mittlerweile Treffen für potentielle Käufer statt. Dann kommt immer eine illustre Truppe auf dem Bürgersteig in der belebten Kantstraße im Stadtteil Charlottenburg zusammen: Projektentwickler und Abgesandte von großen Bauträgern sind dabei; ebenso Anwälte, die auf Steuerabschreibungen über Denkmalschutzobjekte spezialisiert sind; Kundschafter aus der lokalen Veranstaltungsszene, die ständig neue ungewöhnliche Orte für ihre Events suchen; Architekten sowieso und natürlich Neugierige, die irgendwie dazustoßen.

In jedem Fall ist ganz viel Phantasie gefragt

Vorne hui, hinten pfui: Diese Mischung zieht sie alle magisch an. Hier schicke Stucktreppenhäuser, dort muffige Zellen mit metallbeschlagenen Türen. Eine Szenerie, wie geschaffen für eine Filmkulisse. Tatsächlich wurde teilweise der Hollywood-Streifen „Der Vorleser“ hier gedreht. Und gerade war ein Filmteam da, das einen Berliner Vampirfilm aufnimmt.

Noch während die Filmleute abbauen, geht schon wieder eine Gruppe von Kaufinteressenten durch das Gelände. Einer der potentiellen Bieter an diesem Tag, vom Typ Selfmademan, murmelt das, was viele im Gefängnishof denken: Ein Budget-Hotel für Leute mit wenig Geld wäre eine gute Idee. In jedem Falle, fasst er zusammen, „ist ganz viel Phantasie gefragt“.

Der denkmalgeschützte Baukomplex beherbergte ursprünglich das Strafgericht der seinerzeit eigenständigen Stadt Charlottenburg - erbaut im Jahr 1896. Hinten im Hof saßen die Delinquenten ein. Dann wurden sie ins Vorderhaus zur Verhandlung geführt. Vier schwere Gefängnistore trennten die Zellen und die Anklagebank voneinander. Alle Hindernisse sind noch da. Auch ein separates fluchtsicheres Gefangenentreppenhaus gibt es bis heute im Gerichtsgebäude.

Ein Haus mit Geschichte

In der Zeit des Nationalsozialismus saßen nur Frauen in dem Hinterhofgefängnis ein, darunter viele politisch Verfolgte. In der Nachkriegszeit war der Bau ein Jugendarrest. Zuletzt, bis 1985, dann wieder ein Männergefängnis. Danach wurden die Zellen nur noch als Lagerraum für Justizakten genutzt. Das verzierte Vorderhaus dient dagegen seit langem als Grundbuchamt Charlottenburg, es ist eine Zweigstelle des nahe gelegenen Amtsgerichts. Bis Juni 2010 werden das Personal und die Akten jedoch von hier abgezogen sein. Darum wird der Bau jetzt privatisiert.

Der 14. Januar 2010 ist der Stichtag. „Bis dahin können Gebote eingereicht werden“, sagt Monika Glauche, Mitarbeiterin des Liegenschaftsfonds, die allein schon 100 Bewerber über das Gelände geführt hat. Das Grundstück ist knapp 3800 Quadratmeter groß. Die Bruttogeschossfläche aller Gebäude beträgt an die 6000 Quadratmeter. Auf einer Teilfläche des Grundstücks wird man einen Neubau errichten dürfen. Das ist lukrativ in dieser Gegend. Erwartet wird ein Kaufpreis von 3 bis 5 Millionen Euro für das gesamte Paket. Vielen Beobachtern gilt es als eines der letzten attraktiven Teile aus dem landeseigenen Berliner Tafelsilber.

Bald sollen hier also Besucher für ihre Zelle zahlen. Das schwebt zumindest denjenigen vor, die sich jetzt durch die schmalen Galerien im Gefängnis schieben und durch die Gucklöcher in den schweren Türen linsen. Etwa 15 bis 20 ernsthafte Bewerbungen soll es geben. Schweizer und Italiener seien darunter, hört man auf dem Rundgang.

Der Bau soll kein Ladenhüter werden

Vier Stockwerke hat das enge Backsteingefängnis - das macht mehr als 40 Zellen. Keine sieben Quadratmeter misst jede einzelne von ihnen, nicht einmal einen Wasseranschluss gibt es. Je zwei Zellen müsste man zusammenfügen, um wenigstens jugendherbergsartige Zimmer anbieten zu können. Selbst dann müssten aber die Bewohner noch über den Gang hinaus in einen Waschraum gehen. Es wäre eine eigenwillige Unterkunft: Die Denkmalschutzbehörde des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf hat jedoch signalisiert, dass Veränderungen möglich sein sollen, um den Bau nicht zum Ladenhüter werden zu lassen. Das könnte sogar so weit führen, außen Balkone anzubringen. Allein solch eine Öffnung hat einen enormen Effekt, um ein abweisendes Gebäude wie eine Haftanstalt transparenter zu gestalten. Das weiß man aus der Umnutzung anderer ehemaliger Gefängnisse.

Für die Interessenten hat das Stadtplanungsamt eigens einen Informationsservice eingerichtet. Viele meldeten sich bei ihr, sagt die Mitarbeiterin des Denkmalschutzes, Ingrid Lohse. Meistens zielten die Anfragen tatsächlich darauf ab, ob denn ein Hotel für Rucksacktouristen möglich wäre. Andere Ideen seien dagegen einfacher zu bewerkstelligen - etwa jene, aus der Hinterhausfestung ein Lagerhaus zu machen. Einige beauftragte Architekten loteten bei ihr auch die Chancen für einen Umbau der Zellentrakte zu Wohnungen aus. „Es würde wohl die größten Eingriffe in die Bausubstanz bedeuten - das wäre nicht zu favorisieren“, lautet ihr Urteil.

Es gibt viele Haken und Ösen: Das sieht jeder, sobald er überhaupt das erste Gefängnistor passiert. So ist der rot geklinkerte Zellenbau dicht umrahmt von Nachbarhäusern und Brandmauern. Der Innenhof ist klein und kahl. Licht und Luft bestimmten hier ganz sicher nicht die bauliche Maxime. „Man muss die rohe Atmosphäre wohl oder übel zum Markenzeichen machen“, erläutert ein Jurist, der im Auftrag von interessierten auswärtigen Investoren das Areal erkundet.

Politsche Gefangene saßen hier ein

Er ist schon zum zweiten Mal vor Ort. Einen Architekten hat er dabei, um nunmehr konkrete Vorstellungen für die Häuser entwickeln zu können. Ist das nicht makaber oder abgeschmackt, wenn etwa mit dem Thema Verbrechen und Arrest gespielt würde - womöglich mit extra installierten Gittern im Haus, und später gestreiften Gardinen in den Zimmern? Nein, antwortet er und plädiert für einen moderaten Weg. Nicht folkloristisch, sondern authentisch müsse man die Geschichte in ein Nutzungskonzept einbeziehen.

Dass niemand allzu leichtfertig mit dem Nimbus vom Berliner Kittchen umgehen wird, darauf will ohnehin eine lokale Initiative achten. Im Bezirksparlament von Charlottenburg-Wilmersdorf will diese Gruppe darauf hinwirken, dass der Ort wenigstens gekennzeichnet wird. Im Moment wissen eigentlich nur die Nachbarn, dass es das Gefängnis im Hof gibt.

Frauen aus dem politischen Widerstand gegen die Nazis - etwa die „Rote Kapelle“-Mitglieder Mildred Harnack und Libertas Schulze-Boysen - saßen hier ein. „Einige Widerständlerinnen wurden von der Kantstraße aus nach Plötzensee gebracht und hingerichtet“, berichtet der Schauspieler Karl Dürr, der sich für das Gedenken an die düstere Vergangenheit einsetzt. Wenn etwas nicht gebraucht wird, dann ein Knast-Erlebnishotel, sagt er. Wohl aber eine Wohn- und Seminarstätte für junge Berlin-Besucher. Diese Idee gibt es schon, auch einen Bewerber, der sie umsetzen will. Eine mönchszellenartige Unterbringung würde zu einem solchen Konzept gut passen, genauso wie die Lage in der sehr multikulturell geprägten Kantstraße.

Hoher Anteil an Verkehrsfläche schreckt viele Käufer ab

Ein ganz anderes Platzproblem herrscht hingegen im Vorderhaus: Dort sind Flure und Treppenaufgänge im Übermaß vorhanden. Etwa die Hälfte des vierstöckigen Gerichtsgebäudes besteht wohl daraus. So viel Verkehrs- statt Nutzfläche schreckt potentielle Käufer freilich erst einmal ab. Doch dann sind da ja noch die Lage und natürlich der hohe Denkmalwert. Alle Interessenten, die hierher kommen, betonen dies unisono: Ein Baudenkmal zu erhalten und zu sanieren ist schließlich die letzte lukrative Möglichkeit für Steuersparer.

Vor diesem Hintergrund wird ein Repräsentationsbau, der pro Etage 500 Quadratmeter Fläche zählt und dazu über ein ausbaufähiges Dachgeschoss verfügt, womöglich doch zu einem attraktiven Projekt. In unmittelbarer Nähe - am Lietzensee - wurde schon einmal ein Justizgebäude aus der Kaiserzeit zu einer komfortablen Wohnanlage umgestaltet. Dieses Projekt gilt vielen nun als Vorbild - übrigens auch im Umgang mit der Vergangenheit. Am Eingang sind dort gleich mehrere Gedenktafeln angebracht, denn in der Nazizeit war in dem Gebäude das Reichskriegsgericht untergebracht.

Wohnen hinter Gefängnismauern

Schon einmal wurde in Berlin ein denkmalgeschütztes Gefängnis privatisiert und umgenutzt. Die einstige DDR-Strafvollzugsanstalt Rummelsburg heißt heute „Berlin Campus“ und zählt 150 hochwertige Wohnungen. Ursprünglich waren die Backsteinbauten am Spreeufer ein preußisches Arbeitshaus. Das erleichterte den Umbau. Die Gebäudetypologien glichen nämlich eher Kasernen als engen Zellenbauten.

In Cottbus ersteigerte ein Berliner Unternehmer vor zwei Jahren eine ehemalige Haftanstalt, die mitten in der Stadt liegt. Bei 310 000 Euro erhielt er den Zuschlag in der öffentlichen Auktion. Bis heute geschieht allerdings nichts auf dem Gelände. Die ältesten Gebäude sind auch dort mehr als 100 Jahre alt. Nur das einstige Direktorenhaus hat die Stadt behalten.

Im Stadtzentrum von Kaiserslautern wirbt ein „Alcatraz“ um einen Besuch hinter Gittern. Hinter einer roten Sandsteinmauer liegt das „erste deutsche Gefängniserlebnishotel“ mit 56 Zimmern und Suiten in der umgebauten ehemaligen Justizvollzugsanstalt. Ein ähnliches Konzept verfolgt ein finnisches Hotel: Das Bezirksgefängnis Katajanokka in Helsinki wurde stilbewusst zu einer Luxusherberge umgebaut. Andernorts waren ehemalige Zellenbauten allerdings nicht marktfähig. Zum Beispiel in Mainz: Dort soll die leerstehende Haftanstalt jetzt in ein Verwaltungsgebäude umgebaut werden.

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