01.12.2009 · Begrünte Dächer sehen nicht nur gut aus, sondern haben eine Reihe weiterer Vorteile. Zum Beispiel sorgen sie für ein angenehmes Klima - in der Stadt und im Haus selbst.
Von Jörg NiendorfEin Kindergarten in Berlin-Schöneberg, typisch für die siebziger Jahre: Klinkerfassade, Würfelbauweise, Flachdächer - auf denen jetzt im Herbst das Wasser in großen Lachen steht. Die einstige Kiesschicht ist über die Jahre verschwunden, die Dachpappen sind wellig und von der Sonne angegriffen, die ganze Hülle wirkt stark renovierungsbedürftig. An einigen Stellen platzt die Teerschicht auf. Diese Situation kennt Architekt Gerd Dold nur zu gut, viele Flachdächer sehen nach 30, 40 Jahren so aus. Bald wird es auf dem Kindergartenhaus jedoch statt Pfützen einen Pflanzenteppich geben. Dold schwört auf die Vorteile eines Gründaches aus Mauerpfeffer und Fetthenne. „Es kühlt die Räume im Sommer und isoliert sie im Winter“, sagt der Planer. Der Klimaausgleich sei der eigentliche Gewinn dieser Dächer.
„Sie sind nicht nur ein zusätzliches grünes Mäntelchen ohne Effekt, sondern helfen konkret dabei, Energie einzusparen“, hebt Manfred Köhler, Professor für Landschaftsökologie an der Hochschule Neubrandenburg, hervor. Ein „Gründachzentrum“ hat Köhler an seiner mecklenburgischen Fachhochschule gegründet, er ist ein Forscher der ersten Stunde zum Thema. Naturdächer richtete Köhler schon in den achtziger Jahren im damaligen West-Berlin ein, seither beobachtet und beurteilt er ihre ökologischen Effekte für die Luftqualität und das Klima in Städten.
Selbstbausätze aus dem Baumarkt
Neuerdings will er aber vor allem darauf aufmerksam machen, wie sehr sich im Gebäude selbst das Klima verbessert, wenn ein grüner Teppich das Haus bedeckt. „Über den ganzen Winter betrachtet, bewirkt ein typischer extensiver Gründachaufbau das gleiche wie eine etwa einen Zentimeter starke Styroporlage“, sagt Köhler. Seine Forschungen ergaben, dass eine Vegetationsschicht eine um bis zu 10 Prozent verbesserte Wärmedämmung erreichen kann. Ganz im Gegensatz dazu lässt eine Kieslage auf Flachdächern die Wärme ungehindert passieren. Im Sommer wiederum hilft das kühlende Grün auf dem Dach dabei, energiefressende Klimaanlagen einzusparen. Es verhindert, dass sich die Innenräume extrem aufheizen - ein Phänomen, das die Leiterin der Schöneberger Kindertagesstätte aus ihrem Büro und den Gruppenräumen in der ersten Etage leidlich kennt.
Damit soll Schluss sein. Noch in diesen Wochen wird die Substratschicht auf dem Kitadach aufgebracht, im Frühjahr folgt die Bepflanzung mit den Sprösslingen von verschiedenen Sedum-Arten. Das sind dickblättrige Pflanzen, anspruchslos und zäh wie die Fetthenne. Außerdem kommen Gräser und Kräuter hinzu. „Eine klebrige Flüssigkeit wird in den Boden gespritzt, das ist das Aussäen“, erläutert der Architekt Dold. Das Verfahren ist einfach, aber sehr ausgeklügelt und folgt einem modularen Aufbau. Erst kommt eine spezielle wurzelfeste Folie auf das Dach, dann folgen spezielle Drainageplatten, darauf das Pflanzsubstrat. Dutzende Firmen bieten heute fertige Gründachsysteme an, schon für 20 Euro pro Quadratmeter sind die günstigsten Varianten zu haben. Sogar Selbstbausätze für das Garagen- oder Laubendach gibt es in Baumärkten.
Das grüne Dach - eine pragmatische Entscheidung
Zehn bis elf Millionen Quadratmeter Dachflächen werden so mittlerweile pro Jahr in Deutschland umgestaltet, heißt es bei der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung (FBB). Manchmal sind es intensiv bewirtschaftete Gärten, in der Regel aber extensive, wilde Wiesen. „Dahinter steckt meist gar kein Öko-Denken mehr, sondern eine pragmatische Entscheidung“, freut sich Manfred Köhler. Das begrünte Dach ist kein Außenseiter mehr.
Ein riesiger Markt tue sich gerade bei den Sanierungen von Bauten aus den sechziger und siebziger Jahren auf. Gerd Dold, der Architekt, hat ebenso berechnet, dass sein Gründachvorhaben nur wenige Prozent teurer sein wird als eine konventionelle Sanierung mit einer abschließenden Kiesschüttung. Zunächst einmal dämmt er das bestehende Kindergartendach ohnehin mit einer Hartschaummatte. Die ist teuer, aber sehr effektiv. Doch selbst an diesem Material könne er nun sparen, erläutert Dold. Er brauche mit dem Dämmmaterial nicht auch noch zusätzlich ein Gefälle zur Entwässerung zu formen, wie es bei üblichen Konstruktionen notwendig ist. Das Gründach dagegen braucht keine Schräge. Das Regenwasser wird stattdessen im Boden und in der darunter liegenden speziellen Drainageschicht verteilt und verdunstet langsam wieder.
Genau deshalb gäbe es noch einen Vorteil, der sich bezahlt macht, sagt Dold. Das Regenwasserentgelt, das für das Grundstück zu zahlen ist, verringert sich erheblich. Wie in vielen Städten erheben die Wasserbetriebe in Berlin eine Gebühr für die Einleitung von Niederschlägen ins Abwassernetz, hier sind es etwa 1,84 Euro pro Quadratmeter versiegelter Fläche im Jahr. Für die Fläche eines Gründachs zahlt der Grundstückseigner dagegen nur die Hälfte. Ein mindestens so großer Anteil des Regenwassers gelangt dann gar nicht in die Kanalisation, sondern bleibt auf dem Dach, bevor er in die Atmosphäre abgegeben wird. Ein 1000 Quadratmeter großes Dach sorgt damit immerhin für Einsparungen von mehr als 900 Euro jährlich. Die Zusatzkosten in der Bauphase würden in der Nutzungsphase mehr als ausgeglichen, merkt Forscher Köhler dazu an. „Nach unseren Berechnungen macht man spätestens nach elf Jahren einen Gewinn.“
Regenwasserrückhalt als beherrschdes Thema
Dieser Regenwasserrückhalt werde damit in Deutschland das beherrschende Thema, glaubt Köhler. „Daher kommt immer mehr Bewegung in die Entwicklung.“ So entstehen technisch versierte Grünsysteme, die zum Beispiel Niederschläge in Zisternen sammeln und dann über einen Tröpfchenschlauch nach und nach auf die Grünflächen rieseln lassen. „Ganz andere Pflanzen als bisher lassen sich damit auf den Dächern verwenden“, sagt Köhler, „und natürlich ebenso für Living Walls, also für grüne Fassaden.“
Ebendiese Möglichkeiten hat der Neubrandenburger Wissenschaftler in den vergangenen Jahren intensiv erforscht. So konnte er einen Katalog von den Verbrauchswerten vieler Pflanzen erstellen: Welche Art in welcher Lage eine wie hohe Verdunstungskälte produzieren kann, um zum Beispiel ihre Umgebung zu kühlen. Ein Energie-Gewächsatlas sozusagen. Das Forschungsziel lautet, den Innenstädten die sommerliche Hitzelast zu nehmen.
Die Low-Tech-Ära ist vorbei
Ein beispielhaftes Vorhaben hat etwa der Hamburger Architekt Florian Betzler entwickelt, der mit Köhler und dem „Gründachzentrum“ zusammenarbeitet. Betzler hat einen Neubau für einen Standort am Beginn der Reeperbahn geplant, der auf allen senkrechten und waagerechten Flächen mit den jeweils optimalen Pflanzen bestückt wird, die Köhlers energetische Gewächs-Systematik hergibt. Ein Kapillarsystem von Regenwasser und gefiltertem Straßenabwasser befeuchtet die Wände und das Dach. Der Energiebedarf des Geschäftshauses sinkt dadurch, außerdem könne der durchweg grüne Bau hinterher sogar einen ganzen Straßenblock kühlen, verspricht Betzler. Die Kühl- übersteige die Wärmeleistung um das Zwanzigfache.
Früher, sagt Dachgärtner Köhler, „durften nur die Trocken-, Mager- und Hungerkünstler aus der Pflanzenwelt auf die Dächer“. Diese Low-Tech-Ära ist eindeutig vorbei, „die Bewässerung ist kein Tabu mehr“. Gründächer werden vielseitiger. Und genauso richtet sich eine ganze Industrie darauf ein und konstruiert bereits Fassadenelemente mit integrierten Rabatten und Pflanzkästen. Alles, sagt Köhler, dreht sich eben um das „produktive Verdunsten“.
Sehr spannend
Andreas Eichel (killboy)
- 01.12.2009, 17:41 Uhr
Tolles Thema
Jürgen Zwiebel (Konspirant)
- 02.12.2009, 00:56 Uhr