30.04.2009 · In den feinen Städten des Vordertaunus fallen Verkaufsschilder in den Gärten auf. Die „Investment-Yuppies“ sind weg, sagen die Immobilienmakler und machen Witze über ihre ehemaligen Kunden. Von Krise keine Spur, die Nachfrage sei konstant hoch, heißt es.
Von Birgit Ochs„Also, das mit den Verkaufsschildern hat rein gar nichts zu sagen.“ Sassan Hilgendorf schüttelt den Kopf. Der geschäftsführende Gesellschafter des im In- und Ausland aktiven Wohnimmobilienmaklers von Poll sitzt in seinem Frankfurter Büro und zupft die Manschetten seines blütenweißen Hemdes zurecht. Er muss offenkundig ein paar Dinge geraderücken.
Das Haus von Poll ist Spezialist für das Spitzensegment. Und entsprechend kenne er sich aus, gibt Hilgendorf zu verstehen - auf den Wohnimmobilienmärkten in Düsseldorf, Hamburg, München und anderswo. Selbstverständlich auch im Vordertaunus.
An schönen Tagen scheinen die Türme der Bankenstadt Frankfurt von den grünen Hügeln Königsteins, Kronbergs, Bad Homburgs, Bad Sodens und Oberursels zum Greifen nahe. Die Gegend ist bekannt für ihre prächtigen Häuser und die vermögende Bewohnerschaft, von deren Nachwuchs es heißt, er werde mit einem goldenen Löffel im Mund geboren.
Königstein ist die Nummer eins
Die, die am Finanzplatz Frankfurt arbeiten, ziehen gerne dorthin. Villenstandort Nummer eins ist Königstein, ein Städtchen mit knapp 15.900 Einwohnern. An die 120 Villen hat von Poll dort gezählt. Der Gesamtwert der 120 Häuser entspricht einem dreistelligen Millionenbetrag. Mit etwas Abstand folgt die Kurstadt Bad Homburg, die es laut Angaben des Maklers auf etwa 95 Anwesen dieser Kategorie bringt.
Doch nun steckt die Weltwirtschaft in der Krise. Statt von blühenden Bankenlandschaften ist von Fäulnis und Gift die Rede, und in den Vorgärten der Villen wachsen seit einiger Zeit die bunten Verkaufsschilder der Immobilienanbieter aus dem Rasen.
Die Wirtschaftskrise sei durchaus auf dem Wohnimmobilienmarkt im feinen Königstein wie übrigens auch im noblen Frankfurter Westend zu spüren, behauptet Hans Georg Deckert, Geschäftsführer des in der Region aktiven Maklerunternehmens Blumenauer. „Die Investment-Yuppies sind weg.“
Jetzt witzeln die Makler
Auf jene Bankerspezies, die in der Vergangenheit hohe Provisionen kassierten und sich schon mal im Laufe eines Wochenendes für den Kauf eines schicken Objekts entschieden hätten, treffe man heute nicht mehr. „Die sitzen im Keller und suchen ihre Aktien“, witzelt der Makler und ergänzt, wieder ernsthaft, dass die Vermarktungszeiten derzeit seiner Beobachtung nach insgesamt länger dauerten.
Deshalb also die vielen Verkaufsschilder? „Aber nein“, weist sein Wettbewerber Sassan Hilgendorf den Verdacht zurück, im Vordertaunus häuften sich Notverkäufe. Aus seiner Erfahrung ist es der Einzelfall, dass ein Eigentümer verkaufen muss, weil er den Job verloren hat und ihm das Geld ausgegangen ist, um sein Anwesen weiter zu halten. Erstens, sagt Hilgendorf, hätten die Investmentbanker vorher so gut verdient, dass ein Polster vorhanden sei. Und zweitens „kriegen die sowieso einen neuen Job“, verströmt er Zuversicht.
Keine Flut von Notverkäufen
Die grundsätzlich optimistische Einschätzung teilt sein Kollege Holger Baete von Engel & Völkers. Auch er hat keine „Flut von Notverkäufen“ zu melden. „Die Leute haben sich gekauft, was sie sich leisten konnten“, urteilt er. Den wenigsten, die jetzt ihr Haus veräußern wollten, „steht das Wasser bis zum Hals“. Als Gründe dafür, warum die Häuser auf den Markt kommen, nennen die Makler: Scheidung, berufsbedingter Wegzug oder der Wunsch der betagten Besitzer, ein etwas kleineres Anwesen zu bewohnen.
Schnäppchenjäger brauchten sich daher keine Hoffnungen zu machen, ersticken Baete und Hilgendorf aufkeimende Hoffnungen und weisen auf die Preisentwicklung hin. Ihren Angaben nach sind die Durchschnittspreise im Spitzensegment in den zurückliegenden Jahren stabil bis leicht steigend (siehe Grafik). „Wir kriegen unsere Preisvorstellungen durch“, behauptet der Makler von Engel & Völkers.
Zum Top-Segment zählt er zum Beispiel ein Haus für 1,3 Millionen Euro mit einem 600 Quadratmeter großen Grundstück und 200 Quadratmeter Wohnfläche - in der richtigen Lage. Schließlich ist auch in den Taunusstädten nicht jeder Standort gleich viel wert. Die erste unter den Top-Adressen ist sicherlich Königstein-Falkenstein.
Die Nachfrage ist konstant hoch
„Das Angebot ist sehr begrenzt, aber die Nachfrage konstant hoch“, sagt Von-Poll-Gesellschafter Hilgendorf und weist darauf hin, dass im Spitzensegment im Zweifelsfall nicht Markt-, sondern Liebhaberpreise gezahlt würden. Und die liegen zum Teil bei mehr als 10 Millionen Euro.
Was aber sagen nun die Schilder über den Markt? „Eigentlich nur, dass die Makler ihre Verkaufsstrategie geändert haben“, erklärt Hilgendorf das Phänomen. In Hamburg seien sie schon etabliert, zunehmend tauchten sie nun auch in anderen Städten auf. „Tatsächlich stehen nicht mehr Häuser zum Verkauf als vorher“, sagt der Makler. Und was die ganz teuren Anwesen anbelangt - gleich, ob sie im Vordertaunus stehen oder anderswo -, deren Verkauf werde ausgesprochen diskret gehandhabt. „Die Angebote finden Sie weder auf unserer Homepage noch in einer Zeitungsannonce.“ Und schon gar nicht auf einem Schild im Vorgarten.
Birgit Ochs Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge