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Stadtteil im Wandel Kampf um die Brache

16.01.2011 ·  In alten Fabrikhallen des Kölner Stadtviertels Ehrenfeld haben sich Designer und Künstler angesiedelt. Nun planen Immobilienfirmen dort Wohnungen und Geschäfte.

Von Ingmar Höhmann
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Hanswerner Möllmann spricht vom Helios-Gelände, als wäre es das Soho Kölns. Die Industriebrache im Stadtteil Ehrenfeld biete „Freigeistern“ und einer „einmaligen kreativen Szene eine Heimat“, sagt er. Möllmann ist Sprecher der Bürgerinitiative Helios, die gegen den geplanten Bau eines Einkaufszentrums auf dem Gelände mobilmacht. Fast 3000 Unterstützer hat sie bei Facebook hinter sich versammelt.

Im August machten Hunderte von ihnen bei einer Informationsveranstaltung mit dem Bezirksbürgermeister ihrem Unmut Luft. Der Protest hatte Erfolg: Der Stadtentwicklungsausschuss hat die Verwaltung beauftragt, ein extern moderiertes Bürgerbeteiligungsverfahren in die Wege zu leiten. Die Pläne für die Shopping-Mall, ein 150 Millionen Euro teures Vorhaben, liegen damit vorerst auf Eis.

Matthias Böning, Vorstandssprecher des Essener Investors MFI, ist auf die Initiative nicht gut zu sprechen. „Schlecht wäre es, wenn man das baut, was eine vermeintliche Mehrheit will, die aber de facto keine Mehrheit hat“, sagt er. Böning ist überzeugt: „Was manche als Flair empfinden, sehen die meisten in Ehrenfeld als kaputte Bausubstanz an.“ Zwar haben in den Überresten der ehemaligen Lampenfabrik Helios Künstler und Designer ihre Ateliers eingerichtet. Doch auch ein Burger King, ein Fitness-studio und ein italienischer Supermarkt werben auf dem Gelände um Kunden.

„Wir brauchen keine 08/15-Mall“

Kultur oder Shoppen: In Köln-Ehrenfeld prallen zwei Weltanschauungen aufeinander, deren Vorstellungen einer modernen Stadtentwicklung unterschiedlicher nicht sein könnten. Es ist Gentrifizierung in Reinform – mit all ihren Konflikten: Kreative, die vor Jahrzehnten die heruntergekommenen Industriebrachen des Arbeiterviertels bezogen, werden nun von der Immobilienwirtschaft verdrängt. Anne Luise Müller, die Leiterin des Stadtplanungsamts, steckt in der Zwickmühle: Sie will den Städtebau vorantreiben, aber die Kreativen nicht verprellen. „Brachflächen sind nicht per se etwas Gutes“, sagt sie. „Wir wollen die Stadt entwickeln – und den Künstlern dabei ihre Freiräume lassen.“

Ein unlösbarer Konflikt – oder Chance für eine Stadtplanung, die alle Interessen berücksichtigt? Ehrenfeld könne zum Muster der Gentrifizierung werden, wenn die Einwohner mit den Investoren zusammenarbeiteten, sagt Hanswerner Möllmann. Er erhofft sich viel von der Bürgerbeteiligung: Ein unabhängiges Moderationsbüro soll Workshops veranstalten, bei denen sich Investoren, Stadtplaner und Bürger über die Nutzung des Helios-Geländes austauschen. Einig seien sich alle, dass ein großes Einkaufszentrum in Ehrenfeld nichts zu suchen habe, sagt Möllmann: „Wir brauchen keine 08/15-Mall, die genauso gut in Dortmund oder Spandau stehen könnte.“ Plattenläden, Designerbüros und Kultureinrichtungen könne er sich vorstellen – oder eine Dependance der Musikhochschule.

Ob sich das für die Investoren rechnet, steht auf einem anderen Blatt. MFI-Vorstandschef Böning verweist auf Erfahrungen seines Unternehmens – und hält an den Plänen für einen Konsumtempel fest. „Ein Einkaufszentrum mit weniger als 20.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche wird im Wettbewerb nicht überleben. Wir müssen das ganze Sortiment abdecken, sonst fahren die Kunden in die Innenstadt“, argumentiert er.

Vom Arbeiter- zum Szeneviertel

Fest steht: Ehrenfeld ist als Wohnstandort beliebt, das macht den Stadtteil für Investoren interessant. Bis 2025 wird Prognosen zufolge die Einwohnerzahl Kölns weiter zunehmen. Stadtplanerin Müller sieht einen Bedarf von 3000 neuen Wohnungen pro Jahr, schon jetzt halte das Angebot nicht mit der wachsenden Nachfrage mit. Die Folge: Die Preise auf dem Wohnungsmarkt ziehen an. Allein im vergangenen Jahr seien die Mieten um 5 bis 8 Prozent gestiegen, sagt Roland Kampmeyer, Sprecher der Kölner Immobilienbörse.

Das wiederum zieht Investoren an, die sich auf freiliegende Flächen stürzen – und davon gibt es in Ehrenfeld noch genug. Und nicht nur das: Ein trendiges Ausgehviertel in Innenstadtnähe, eine gute Anbindung an das Auto- und U-Bahn-Netz – bessere Bedingungen gebe es für Immobilienfirmen kaum, sagt Kampmeyer. „In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Aufwärtstrend in Ehrenfeld deutlich verstärkt. Der Stadtteil ist vom Arbeiter- zum Szeneviertel geworden. Schon jetzt gehören die Quadratmeterpreise zum oberen Durchschnitt in Köln.“

Wie auch immer die Auseinandersetzung um das Helios-Gelände ausgeht: Ehrenfeld wird sich auch ohne Shopping-Mall mächtig verändern. Der Bauunternehmer Gert Lichius baut einige Straßen weiter 144 neue Wohnungen mit einem Investitionsvolumen von 35 Millionen Euro, zudem rückt die städtische Wohnungsbaugesellschaft GAG der Partyszene zu Leibe. Mit der Papierfabrik und dem Sensor Club müssen Ende März zwei Diskotheken in unmittelbarer Nähe des Helios-Geländes einem Quartier mit Gewerbe- und Wohnimmobilien weichen. Für die lärmende Musikszene ist dann Schluss.

Wenn die Bagger anrücken

Es ist auch dieser Teil der kreativen Gemeinschaft, der sich gegen die Veränderung stemmt und in der Bürgerinitiative kräftig mitmischt. Die alternative Subkultur der größten Stadt Nordrhein-Westfalens, sie ist in Ehrenfeld zu Hause, wo am Wochenende rund ein Dutzend Musikclubs Tausende Partygänger anziehen. „Hier hat sich in den vergangenen Jahren eine Szene entwickelt, die sich in Europa nicht zu verstecken braucht“, sagt Boris Witschke, Betreiber der Papierfabrik, die bis zu 900 Gästen Platz bietet. „Wenn im April die Bagger anrücken und alles abreißen, werden auch die Clubs weiterwandern“, sagt er.

Ein nächtlicher Besuch am Freitagabend zeigt, was es mit der Szene rund um das Helios-Gelände auf sich hat. Um Mitternacht geht die Party erst los. Mächtig wummern die Bässe aus alten Fabrikhallen. Leere Bierflaschen säumen Mauerreste, auf denen zerrissene Plakate von Konzerten und Graffiti von Freiheitsdrang verkünden. Die Kioske sind selbst im Winter bis in die Morgenstunden geöffnet. Ist das das Idealbild einer modernen Stadt? Am nächsten Morgen liegen Glassplitter und Zigarettenkippen auf den Straßen, im Matsch liegt ein zerdrückter Cheeseburger von der Burger-King-Filiale.

Wenige Meter weiter verläuft die Venloer Straße, die Haupteinkaufsstraße in Ehrenfeld. Eine von der Stadt in Auftrag gegebene Untersuchung sieht noch Potential für weitere Verkaufsflächen. Die Bürgerinitiative befürchtet hingegen, dass die Einzelhändler reihenweise schließen müssen, wenn nebenan eine Shopping-Mall entsteht. Doch hochwertige Bekleidungsläden sucht man auf der Venloer Straße vergebens, stattdessen reihen sich Handyshops an Dönerbuden.

Kreativwirtschaft vor Gentrifizierung schützen

Ist das ein Angebot, das es zu schützen gilt? Neue Geschäfte und Wohnungen werden auch wohlhabende Einwohner anziehen, und das ist es, wovor sich viele fürchten. „Die Aufwertung eines Stadtviertels wird immer an Kaufkraft festgemacht. Heißt das, dass die Leute, die kein Geld haben, nichts wert sind?“, fragt Hanswerner Möllmann. Noch gibt es die alten Häuser und Hallen, die Kreativen und Studenten für wenig Geld eine Unterkunft bieten. Wenn die Mieten steigen, könnte das zur Ausnahme werden.

Sabine Voggenreiter, die Initiatorin der „Passagen“, der größten Designveranstaltung Deutschlands, ist in Ehrenfeld zu Hause. Auf dem Helios-Gelände hat sie eine 800 Quadratmeter große Halle angemietet. Darin stehen drei Baucontainer für die Wintermonate, die im Gegensatz zur Halle mit Heizungen ausgestattet sind. Voggenreiters Büro entwickelt derzeit Konzepte zum Ausbau der Ehrenfelder Kulturszene, ein Projekt, mit dem sie 2008 den vom Land Nordrhein-Westfalen ausgerufenen Förderwettbewerb „Create.NRW“ gewonnen hat. Die Stadt müsse die Kreativwirtschaft vor Gentrifizierung schützen, findet Voggenreiter. „Die Künstler wollen nicht nur Pioniere in Ehrenfeld gewesen sein, sondern langfristig hier bleiben. Jetzt müssen wir Wege finden, das auch den Investoren klarzumachen.“

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01.06.2012 17:45 Uhr
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