05.12.2006 · Das hätte niemand erwartet: Die Gewinnerin der bedeutendsten Auszeichnung für Gegenwartskunst in Großbritannien ist die Deutsche Tomma Abts. Dabei sehen ihre Werke aus wie die Musterbestände einer aufgelösten DDR-Tapetenfabrik.
Von Niklas MaakRätselraten, Verlegenheit, Staunen bei der Bekanntgabe des diesjährigen Turner-Prize-Trägers. Die Gewinnerin der bedeutendsten Auszeichnung für Gegenwartskunst in Großbritannien ist: Tomma Abts. Von der deutschen Künstlerin, die seit zwölf Jahren in London lebt, hatte man hierzulande bisher so gut wie nichts gehört. Man weiß nur, daß sie 1967 in Kiel geboren wurde, in Berlin von der Galerie Giti Nourbakhsch vertreten wird und auf dem immer gleichen klassischen Porträtformat von 38 mal 48 Zentimetern malt. All ihre Bilder tragen abstruse Personennamen („Feye“, „Ehme“), zeigen jedoch keine Personen, sondern etwas, das aussieht wie die Musterbestände einer aufgelösten DDR-Tapetenfabrik.
Daß die Jury des mit 25.000 Pfund dotierten Kunstpreises ausgerechnet diese mild abstrakte Malerei auszeichnete, ist erklärungsbedürftig - denn der Preis, der seit 1984 vergeben wird, stand wie kein anderer für eine Idee von Kunst als einer möglichst skandalösen, schockfreudigen Angelegenheit, die den Nerv der Gegenwart nicht nur treffen, sondern am besten gleich durchtrennen sollte. 1993 gewann Damien Hirst mit seiner durchgesägten Kuh in Formaldehyd, Chris Ofili beklebte eine Madonna mit Elefantendung, und wo nicht auf Blut, Schock und Katharsis gesetzt wurde, galt nur Kunst als preiswürdig, die Unterströmungen und Fühlweisen ihrer Gegenwart in neue Formen zu fassen wußte - weswegen der Fotograf Wolfgang Tilmans vor sechs Jahren als erster Deutscher den Preis erhielt. In dieser Logik hätte die Jury in diesem Jahr den ebenfalls nominierten jungen Künstler Phil Collins auszeichnen müssen, der sich in seinen Arbeiten unter anderem mit Menschen beschäftigt, deren Leben durch Nachmittagstalkshows ruiniert wurde. Aber die Jury des Turner Prize hat offenbar ihre Vorstellungen von Kunst geändert.
Reichlich schwammige Hymnen
Die Auszeichnung von Abts ist ein Indiz dafür, daß die Kunstwelt in zwei Hälften zerfällt: in eine, die an einem pathetischen, kritischen Kunstbegriff festhält und von „Kunst“ erwartet, daß sie neue Sichtweisen eröffnet, durch visuelle Schocks und Verführungen das Sehen und Denken nachhaltig ändert, vorsprachlich etwas aufscheinen läßt, was anders nicht formulierbar ist - und in eine, die zwischen Kunst, Design und Kunsthandwerk nicht mehr trennen mag und nur noch danach urteilt, ob etwas „formal gelungen“ sei, wobei die Kriterien für „Gelungenheit“ (alternativ auch „Hochgelungenheit“) in den Hymnen auf Tomma Abts reichlich schwammig bleiben.
Neu ist das, was Abts macht, eher nicht; schon Albers, Delaunay, Baumeister und Vasarely haben mit dynamischen und statischen Formen fast jede erdenkliche abstrakte Kombination durchgespielt, kurz danach hatten Gebrauchsdesigner die Erfindungen der abstrakten Kunst begeistert aufgegriffen, wie die Tapeten der sechziger und siebziger Jahre beweisen. Mit Tomma Abts geht die Rückkoppelung von Kunst und Alltag in die nächste Runde: Auf die Tapetenwerdung der Avantgarde folgt nun die Seligsprechung der Tapete zur Kunst. In den Musterbildern von Abts geht es nicht darum, Form, Farbe und Raum grundsätzlich neu auszuloten - das haben die Konstruktivisten schon ausgiebig getan -, sondern darum, wie man in einem Raum eine bestimmte Stimmung erzeugt. Abts' Bilder sind das, was in Bars Hintergrundmusik ist und bei Möbeln die Frage des richtigen Bezugsstoffes - wobei gegen gutes, dekoratives Design ja an sich gar nichts zu sagen wäre; es ist allemal nützlicher als schlechte Gesellschaftskritik.
Der breitere Fuß des Fernsehers
Aber es ist andererseits schon kurios, wie das elegante Schlingern von Abts und noch das letzte harmlose Bildchen der Neuen Deutschen Malerei, auf dem eine Person mit Hängekopf vor einer braungrünen Wiese zu sehen ist, so lange ins terminologische Drachenblut der Kulturkritik getunkt wird, bis es als „Infragestellung gängiger Sehkonventionen“ und „subtile Analyse unserer Zeit“ wiederauftaucht. Offenbar hat die vielgefeierte „Aufweichung der Kategorien“ dazu geführt, daß die Produktion von Idealbildern und ihre „Analyse“ nicht mehr so gut auseinandergehalten werden können, was zu einer Ratlosigkeit führt, der auch wohlwollende Interpreten nicht entkommen. Über Tomma Abts war etwa im Berlin-Biennale-Katalog zu lesen, daß die herausragende Qualität ihres Werks das „sich wiederholende Prinzip des In-Frage-Stellens und Überdenkens“ beim Malen sei. Nun arbeitet jeder Designer so: verlängert probehalber den Kotflügel eines Autos, verbreitert den Fuß eines Fernsehers.
Tomma Abts' Bilder sind Design; sie entstehen in einem formal aufwendigen Prozeß, an dessen Ende elegante Formen und geschmackvolle Farben stehen, die gut zu einem Art-déco-Teppich und einem alten Freischwinger passen, mehr aber auch nicht. Vielleicht hat es kommerzielle Gründe, daß all diese gar nicht unsympathischen Musterbilder statt als Design immer noch als kritisch-infragestellungsvolle Kunst verkauft werden, denn die läßt sich, was eine Folge des ungebrochenen kryptoreligiösen Kunstglaubens ist, auf Auktionen nun mal deutlich besser versteigern als bekennendes Kunsthandwerk. Müßte man zum Beispiel zugeben, daß die Bilder einiger junger Leipziger Maler in die Kategorie „Gemütsdesign/Individualtapete“ fallen, könnte sie das Auktionshaus Phillips de Pury nicht für weit über 200.000 Dollar verkaufen.
Mal Mann, mal Flugzeug
Noch interessanter als die schwer zu beantwortende Frage, ob bestimmte Bilder überhaupt Kunst seien, sind die Argumente, mit denen sie als besonders wertvolle Kunst gelobt werden. Adrian Searle vom „Guardian“ lobt die „Ortlosigkeit“ von Tomma Abts' Arbeiten, der „Times“-Kritiker Morgan Falconer feiert „verwirrende und zugleich faszinierende Kompositionen aus Flugzeugen und anderen Formen, die sich jeder rationalen Erklärung zu entziehen scheinen“. Daß sie sich nur zu entziehen „scheinen“, läßt noch hoffen, daß es eine Erklärung für sie geben möge. Es bleibt aber bei Vermutungen: Dieses Gekurve könnte ein Mensch sein, dieses Gezacke eine Kathedrale. Und so kann man endlos in die bedeutungs- und „ortlosen“ Bilder starren wie auf eine Tapete, deren Musterungen vor dem sinnsuchenden Auge mal zu einem tanzenden Mann, mal zu einem Flugzeug werden.
Es gehe bei Abts, schreibt Falconer weiter, nicht „um utopische Pläne und den Ausdruck von Ideen“ wie in den konstruktivistischen Abstraktionen der zwanziger Jahre, sondern „um wechselnde Stimmungen“. Genau das könnte das Problem sein. Der Turner Prize hat sich nach Jahren des größtmöglichen Radaus in eine milde Feel-good-Moderne verabschiedet, die sich vorrangig um „Stimmungen“ kümmert. Die von einer Herausforderung zur bloßen Stimmungsdekoration heruntergemilderte Kunst kommt damit endgültig wieder an jenem Ort an, vor dem die Avantgarden geflohen waren: im Salon, im Wohnzimmer, wo die Tapete, die Schwundstufe der abstrakten Moderne, schon hämisch grinsend wartet.