11.12.2006 · Rückgaben gehören in den Museen der neuen Bundesländer zur Alltagsarbeit. Doch nun soll die Staatliche Kunstsammlung in Dresden einen großen Teil ihres Porzellans abgeben. Am 18. Dezember werden die ersten Figuren bei Christie's in London versteigert.
Von Swantje KarichTraurig schauen Löwe und Löwin einander an, ziehen sorgenvoll ihre zerbrechlichen Porzellan-Brauen hoch und verdrehen die Pupillen, als wüßten sie um ihr Schicksal: Nur wenige Wochen nachdem das Paar von der Staatlichen Kunstsammlung Dresden restituiert wurde und offiziell in den Besitz der Wettiner übergegangen war, fanden sie sich als Ware auf dem Kunstmarkt wieder und sollen nun drei bis fünf Millionen Pfund einspielen.
Am 18. Dezember werden die beinah lebensgroßen Plastiken bei Christie's in London versteigert und verlassen Dresden - zum ersten Mal, seit Johann Gottlieb Kirchner sie 1732 aus reinem Meissner Porzellan schuf. Dort waren sie Teil der bedeutenden staatlichen Porzellansammlung, deren Bestände ihren Ursprung in kurfürstlichen Zeiten unter August dem Starken und August II. haben. Beide Kurfürsten und damals auch Könige von Polen gehörten zu den größten Kunstmäzenen ihrer Zeit und stammten aus dem Geschlecht der Wettiner. Ihre Nachfahren, organisiert in einer Firma unter dem Namen GbR Haus Wettin A.L., forderten diesen Sommer zehn Porzellanobjekte aus der Staatlichen Dresdner Porzellan-Sammlung zurück, von denen sie die beiden Löwen sowie einen Fuchs und eine Vase vom Freistaat Sachsen zugesprochen bekamen.
Aufteilung zwischen Familie und Land
Die Geschichte dieser Restitution begann 1918: Damals mußte der letzte sächsische König abdanken, und der Besitz der Wettiner, ihre Ländereien, Gemälde und Kunsthandwerk gingen in Staatsbesitz über. 1924 folgte ein Vertrag, in dem die Aufteilung des Besitzes zwischen Familie und Land geregelt wurde. Diesbezügliche Unterlagen und eine Inventarliste von 1924 gelten als im Krieg zerstört. In den Nachkriegswirren wurden die Bestände der Museen in ganz Europa verteilt. Im Jahr 1999 suchten Land und Adelshaus einen Kompromiß: Der Freistaat Sachsen gab 6000 Objekte an die Wettiner ab; 12.000 Werke wettinischer Herkunft durften die Museen behalten - dafür zahlten sie eine hohe Entschädigung. In Dresden ging man damals davon aus, daß nun diese Kulturgüter für die Zukunft angemessen und gerecht verteilt seien.
Es gibt da eine Schwachstelle: Für das Land Sachsen existiert eine verheerende Öffnungsklausel in dem Vertrag von 1999, die nämlich prinzipiell Nachforderungen der Gegenseite zuläßt. Bis heute ist unklar, wie es zu dieser völlig unverständlichen Einschränkung zu Lasten des Landes Sachsen in dem Vertrag kommen konnte. Seit Jahren schon beschäftigt das Haus Wettin ständig drei Anwälte mit der Formulierung weiterer Rückforderungen. Ihnen stehen die Hausjuristen des sächsischen Kultusministeriums gegenüber. Der entsprechende Paragraph besagt, daß bei jedem weiteren Hinweis auf den möglichen Besitz des Adelshauses von diesem Verhandlungen gefordert werden dürfen.
Rückgaben gehören zum Museumsalltag
Martin Roth, der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, rechnete aufgrund dieser Klausel zwar mit weiteren vereinzelten Forderungen; denn Rückgaben gehören in den Museen der neuen Bundesländer zur Alltagsarbeit, sagt Roth. Aber die Forderung nach den zehn genannten Porzellanen war offenbar nur eine Art Testlauf für die drei Wettiner-Anwälte: Jetzt verlangt das Haus Wettin - für das Dresdner Museum völlig überraschend - vom Freistaat Sachsen noch einmal weitere rund 1600 kostbare Stücke zurück, die zum Bestand der Kunstsammlungen gehören: darunter Serviceteller und kleine Porzellane, aber auch Ausführungen, deren Marktwert sechs- und siebenstellig zu beziffern wäre.
„Wir haben mit allem gerechnet, aber nicht damit, daß die Wettiner das ganze Verfahren noch einmal aufrollen“, erklärt Martin Roth und bangt nun um einen bedeutenden Teil der Museums-Sammlung: „Hätte ich die Möglichkeit gehabt, ich hätte schon die Ausfuhr der Stücke (nämlich zum Auktionshaus in London) verhindert.“ Im kommenden Frühjahr wird Roth die Porzellan-Sammlung schließen müssen, damit seine Mitarbeiter Zeit zur Provenienzforschung bekommen.
Das attraktivste Stück der Sammlung
Prinz Albert von Sachsen, derzeit Oberhaupt des Hauses Wettin, verteidigt die Forderungen seiner Familie und die Versteigerung der drei Tierplastiken und der Vase am 18. Dezember mit dem Argument, daß er weder Platz noch Mittel für die Unterbringung und Pflege dieser Kunstwerke habe.
Zu den Schätzen, die Prinz Albert jetzt in London veräußert, zählt zunächst eine Meissen-Vase, bisher eines der attraktivsten Stücke der Dresdner Sammlung. Im Jahr 1741 formte Johann Joachim Kändler, der Star unter den Meissner Modelleuren, das 64 Zentimeter hohe, äußerst filigrane Gefäß, eine sogenannte Elementen-Vase, weil sie eine Allegorie des Wassers darstellt: Ein aus Meereswogen aufsteigender von Seepferden gezogener Vierspänner sprüht vor Energie; der bärtige Neptun in seiner Muschel führt sicher die Zügel, und eine Meerjungfrau taucht lächelnd aus den Fluten auf. Das bauchige Gefäß wird von Christie's auf 10.000 bis 15.000 Pfund geschätzt.
Meisterkunst aus weißem Gold
Wie fein gearbeitet und ausdrucksstark diese Vase auch immer sein mag, berühmt wurde Kändler mit seinen lebensechten Tierplastiken. Johann Gottlieb Kirchner, sein Kollege in der Manufaktur, ist der Schöpfer des Löwenpärchens. Kirchner gilt bis heute als Mann der zweiten Wahl in Meissen: Sein Fuchs aus den Jahren 1732/33 wirkt jedoch ebenfalls geradezu verblüffend lebendig und energiegeladen - Meisterkunst aus weißem Gold. Im Maul trägt der Fuchs ein erbeutetes Huhn und schaut wachsam um sich: 200.000 bis 300.000 Pfund versprechen sich die Wettiner von seinem Verkauf.
Zu Lebzeiten von August dem Starken und Augusts II. waren der Fuchs, das Löwenpaar und anderes Getier mit einfachen Ölfarben naturgetreu bemalt, da die dünne Porzellan-Haut der Stücke einem zweitem Brand im Ofen für eine Glasur nicht standgehalten hätte. Die Bemalung verlor sich jedoch im Lauf der Jahre oder wurde im 19. Jahrhundert bewußt entfernt.
Schwund im Porzellan-Zoo
August der Starke träumte davon, daß alle zu seiner Zeit existierenden, rund 500 Tiere von Kändler und Kirchner in seinem Japanischen Palais in der Dresdner Neustadt präsentiert würden. Für den Porzellan-Zoo war ein fünfzig Meter langer Raum vorgesehen, in dem man an den Tieren hätte vorbeiflanieren können. Die Wirkung sollte nicht nur ästhetischer Natur sein, sondern Macht und Autorität ausstrahlen. Doch dazu ist es nicht mehr gekommen.
Heute existieren in Dresden nur noch knapp hundert der Tierdarstellungen des Kurfürsten.