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Paris Photo 2006 August Sander steht Pate

17.11.2006 ·  Fotos in Frankreich: Die zehnte Ausgabe der Spezialmesse Paris Photo beweist den Vormarsch der Zeitgenossen auch auf dem Feld der Fotografie - groß und bunt gefällt sehr.

Von Angelika Heinick, Paris
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Paris Photo feiert das zehnte Jubiläum. Die Pariser Messe für Fotografie hat ihr Versprechen, ein internationaler Treffpunkt für Fotosammler zu werden, längst eingelöst. Mit 106 Ausstellern aus 21 Ländern - 88 Galerien und achtzehn Verlage - hat sich die Teilnehmerzahl seit 1997 verdoppelt. Zwei Drittel der Händler kommen aus dem Ausland, 22 aus den Vereinigten Staaten, zwölf aus Deutschland, acht aus Spanien und sechs aus Großbritannien. Das Gewicht hat sich noch ein wenig mehr zur zeitgenössischen Fotografie hin verschoben. Die frühe und die klassische Fotografie, Kerngebiete für Sammler der ersten Stunde, bilden zunehmend museale Enklaven auf einem ansonsten in alle Richtungen explodierenden Markt.

Hans P. Kraus (New York), Daniel Blau (München) oder Johannes Faber (Wien) sind weiterhin dabei, doch vermißt man so wichtige Galerien wie zum Beispiel Kicken (Berlin) oder Paviot (Paris). Letztere wurde aus ungenannten Gründen in diesem Jahr von der Teilnahme ausgeschlossen. Auch auf Paris Photo spiegelt sich die Entwicklung des gesamten Kunstmarkts wider: Die neue Sammlergeneration, so befindet ein Vertreter der klassischen Fotografie, mag es groß, bunt und teuer. Mit Ausnahme der immer seltener werdenden Ikonen der Fotografiegeschichte erscheinen in diesem Licht die weniger spektakulären, kleinformatigen Werke namhafter Fotografen des 20. Jahrhunderts oftmals preisgünstiger als manche der jüngsten Produktionen, die oft als erstes durch ihr Überformat ins Auge fallen.

Frei assoziierte Alltagschronik

Der Anblick der großen „Pyramide von Cheops“ von Félix Teynard in der ganzen Weichheit eines Salzpapierabzugs von 1851/1852 (50.000 Dollar) verheißt im Innern der abgedunkelten Koje von Hans P. Kraus weitere Schätze - wie nicht zuletzt den, in körnigen Schattierungen sanft angedeuteten Frauenakt von Edward Steichen, „The Little Round Mirror“, ein Gummi- oder Platindruck von 1902 (Preis auf Anfrage). Robert Klein (Boston) offeriert ebenfalls eine Aktaufnahme von Steichen, „In memoriam“ von 1906, in einem weniger geheimnisvoll anmutenden Silberabzug auf „Gevalux“-Papier der dreißiger Jahre (125.000 Dollar). Die Ästhetik des Piktorialismus auf die Spitze getrieben hat Frantisek Drtikol mit dem Bromöl-Vin-tageprint einer „Dance Study“, die 1926 in Prag entstanden ist und bei Johannes Faber 8400 Euro kostet.

Priska Pasquer aus Köln spannt den Bogen von heute höchst selten auf dem Markt auftauchenden Vintageprints der Aufnahmen von August Sander aus der Serie „Menschen des 20. Jahrhunderts“ bis zur frei assoziierenden Alltagschronik der jungen Japanerin Rinko Kawauchi. Die Preise für die sechs Porträts von August Sander - darunter „Der junge Kaufmann“ von 1927, eine „Bauernfamilie“ von 1911 bis 1914 oder „Kleinstädterinnen“ aus derselben Zeit - liegen zwischen 70.000 und 100.000 Euro; für Rinko Kawauchis C-Prints (Auflage 6) sind im Kleinformat 1700 Euro, im Format ein mal ein Meter 4500 Euro anzulegen.

Formale Strenge in Schwarzweißaufnahmen

Je nach Bekanntheitsgrad des Autors variieren die Preise für Vintageprints enorm: So bietet Agathe Gaillard (Paris) signierte Originalabzüge von Jules Aarons, einem Bostoner Ingenieur und fotografischen Autodidakt, für 1800 Euro an; seine Pariser Straßenszenen der frühen fünfziger Jahre wie „Le Bonaparte“ oder „Marché aux Puces“ stehen unter dem Einfluß Cartier-Bressons oder Doisneaus, besitzen jedoch ihren eigenen Charme.

Das gilt auch für die in formaler Strenge gehaltenen Schwarzweißaufnahmen des Chinesen Fan Ho - „Hong Kong Slums“ von 1962 für 3000 Dollar und „In the Still of the Night“ von 1958 für 3200 Dollar -, die Laurence Miller aus New York ebenso mitgebracht hat wie einen Originalabzug eines der berühmtesten Bilder von Diane Arbus, „Boy with toy hand grenade, NYC 1962“, der 150.000 Dollar kostet.

Authentische Bäuerin und Handwerker

Einer der spannendsten Aspekte der zeitgenössischen Fotografie ist der Wille einiger ihrer Vertreter zur systematischen Dokumentation unserer sich zusehends schneller verändernden Welt. Der amerikanisch-britische Fotograf Sze Tsung Leong hat zwischen 2002 und 2005 mit seiner Serie „History Images“ die gewaltige Urbanisierung einiger chinesischer Großstädte festgehalten: Yossi Milo (New York) bietet die Abzüge je nach Format zu Preisen zwischen 6000 und 15.000 Euro an. Von der einstigen Pracht der DDR ist bei der Galerie m aus Bochum noch das Gerüst zu sehen; denn Thomas Florschütz hat den Palast der Republik im Abbau fotografiert (“o.T. (Palast) # 51, Auflage 5; 16.000 Euro).

Albrecht Tübke, 1971 in Leipzig geboren, hat 1996 die Bewohner eines Dorfs in Mecklenburg porträtiert. Zwei der Farbaufnahmen seiner Serie „Dalliendorf“ (Auflage 2/6; jeweils 2100 Dollar), für die August Sander das Vorbild lieferte, sind bei der Rose Gallery aus Los Angeles ausgestellt: Die Bilder einer Bäuerin und eines Handwerkers, die ihre formale Qualität mit der Stärke des authentischen Dokuments verbinden, werden möglicherweise auch in hundert Jahren noch faszinieren können.

Bis 19. November. Geöffnet am Samstag von 11 bis 20 Uhr, am Sonntag on 11 bis 19 Uhr. Eintritt 15 Euro, mit Katalog 30 Euro.

Quelle: F.A.Z., 18.11.2006, Nr. 269 / Seite 50
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