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Zeitgenössische Kunst Ein Händchen für neue Talente

09.02.2008 ·  Endlich eine wirklich junge Messe: Die neunte Ausgabe der Art Rotterdam setzt radikal auf Gegenwart. Auffällig viele Künstler schwelgen dort in Düsterkeit, erhalten sich aber gleichzeitig doch eine ironische Distanz.

Von Swantje Karich
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Die Art Rotterdam trägt Schwarz. Aber nicht aus Trauer gibt sich die sympathische, aufstrebende Messe für Gegenwartskunst so düster; denn die Stimmung ist gelöst unter den 77 Ausstellern. Vielmehr die Auswahl der Künstler zeigt dieses Jahr einen Hang zum so anziehenden Abgründigen, Morbiden und Verruchten. Das bietet einen Kontrast zur freundlichen Tageslichthalle im Cruise Terminal von Rotterdam mit freiem Blick auf den größten Seehafen Europas und Ben van Berkels Erasmus-Brücke. Allein 53 Galerien kommen aus Holland; internationaler Flair bleibt hier also aus. Doch das stört niemand: Auch die neunte Ausgabe der Schau bleibt den jungen Galerien treu. Stärkste ausländische Fraktion ist Deutschland, vier dabei aus Frankfurt: Parisa Kind, Eva Winkeler, Neue Alte Brücke und Alexander Lorenz.

Gleich links im Obergeschoss steht eines der schaurig-schönen Gruselobjekte: In der Koje der Galerie Upstream aus Amsterdam ist Marc Bijls schwarze Granit-Grabstein-Skulptur von 2006 prominent plaziert (12.000 Euro). „Gimme Shelter“ ist in den Stein gemeißelt und bezieht sich auf den berühmten Song der Rolling Stones und den Mord vor der Bühne in Altamont 1969. Am Stand von Eva Winkeler, direkt gegenüber, blickt ein Porzellan-Totenkopf des Inders Peyman Rahimi, aufgespießt auf einer Stange, aus leeren Augenhöhlen (Auflage 6; 1100 Euro); an der Wand ziehen Gerippe grausame Fratzen (Siebdruck; 1600 Euro). Nebenan vollendet Martin van Zomeren dieses Kabinett: Der Amsterdamer Galerist zeigt Werke von Alexandra Leykauf, Jahrgang 1976, die den Illy-Preis 2008 der Messe erhielt, der mit 10.000 Euro dotiert ist.

Düstere Monumente

Leykauf offenbart in ihren Fotografien und Collagen eine anachronistische Welt aus Schwarzweißbildern, die sie ihres eigentlichen Bedeutungszusammenhangs enthoben hat (Preise 1200 bis 6000 Euro). In der Office Baroque Gallery aus Antwerpen findet die Nichtfarbe Schwarz zu ihrer eigentlichen Funktion: Mehr als zwei Meter hoch sind die schalenförmigen Objekte von Davis Rhodes (3700 Euro), die wie schwarze Spiegel die Reflexionen der Umwelt verschlucken. Die New Yorker Galerie Pierogi verheimlicht in Rotterdam ihre zweite Herkunft: Im Katalog steht Leipzig als Ort; dort hat Pierogi seit zwei Jahren eine Dependance. Die in Leipzig von der Galerie vertretenen Künstler sind jetzt in Rotterdam zu sehen: Nahezu in Originalgröße haben Lutz-Rainer Müller und Jan Freuchen „The Eagle“ in Holz nachgebaut, die Raumkapsel, mit der die Amerikaner 1969 auf dem Mond landeten. Mehr als ein Jahr ließen sie die Skulptur in der Nähe von Berlin in der Natur liegen. Die Einzelteile erzählen nun neue Geschichten - bewachsen, beklebt, morsch geworden (3500 bis 14.000 Euro).

Bei der Galerie Gabriel Rolt aus Amsterdam stehen die Zeichen auf Ausverkauf. Der Zeichner Marijn Akkermans sitzt in der Koje und ist überrascht vom ausufernden Interesse an seinen doch einigermaßen sperrigen Großformaten: Eine überdimensionale Darstellung einer Frau löst eher Ensetzen aus, wie sie da ihre knöchrigen Hände vors Gesicht hält (um 3000 Euro). Was sie so verstört, bleibt verborgen. Einen ähnlichen Erfolg erhoffen sich wohl auch die Galeristen Figge und von Rosen aus Köln: Sie setzen auf ihren holländischen Künstler Bas de Wit mit einer Soloschau. Aus der quadratischen Koje hat er ein Panoptikum surreal anmutender Figuren gemacht.

Spiel mit den Befindlichkeiten

Die deutsche Künstlerin Sofia Grocinski, Jahrgang 1979, hat am Stand der ganz neuen Zürcher Galerie Visual Drugs Begriffe aus der Welt der psychischen Störungen auf kleinformatige Holztafeln an die Wand gebracht: Die Brettchen sind schwarz gestrichen, dann weiß lackiert. In diese Oberflächen hat sie je einen englischen Fachbegriff geritzt: „Social Phobia“, „Narcissistic Personality Disorder“ oder auch „Obsessive-Compulsive Disorder“ - jedem sein Problembrett (160 Euro). Daneben hängen in der Koje Zeichnungen von Monica Ursina Jäger, die 1974 geboren ist: Jägers Weltuntergangsvisionen „Never seen the ocean“ (5500 Euro) und „Strange weather“ (2000 Euro) haben Kraft und brennen sich ins Gedächtnis ein. In der Galerie Rokeby aus London hängen die Fotografien des Finnen Axel Antas; auch er war für den Illy-Kunstpreis nominiert. Sein künstlerisches Erprobungsfeld liegt in den kargen und gewaltigen Bergen der katalanischen Pyrenäen: Nistkästen bringt er hoch oben im Gebirge an, die auf seinen Fotos eine Kulisse der Stille erzeugen (3600 Euro). Für die Messe sind sie mit den bizarren Tischkonstruktionen von Michael Samuels konfrontiert: „Fall from grave“ für 7800 Euro blinkt und leuchtet.

Ein Glanzpunkt versteckt sich in der hintersten Ecke der Halle bei Ron Mandos aus Rotterdam: Der Belgier Hans op de Beeck bespielt dort eine Videolounge mit seinem Film „The Building“ von 2007. Die Kamerafahrten durch ein Modellgebäude öffnen kalte Räume in künstlichem Licht. Menschenleer zeigt sich die Architektur. Türen gehen mechanisch auf, begleitet von metallischen Geräuschen (Filmstills kosten 13.500 Euro). Stolz ist die Messeleitung, eine Galerie aus Indien päsentieren zu können: Chemould Prescott Road aus Bombay hat, in Zusammenarbeit mit der Galerie Willem Baars Project aus Amsterdam, die aufwendige Rauminstallation „May Look closer than they appear“ des Inders Anant Joshi ins Land gebracht: Auf goldenem, wolkigem Grund hat er unzählige Hochhausarchitekturen aus Magazinen aufgeklebt (je Leinwand 96.000 Euro). Durch dieses Stadtpanorama, das die Wände des großen Stands vollständig bedeckt, schlängelt sich ein Zug (70.000 Euro) aus Fundstücken und Keramik-Objekten, die Joshi in seiner Heimatstadt Bombay gesammelt hat.

Bis 10. Februar, im Cruise Terminal. Täglich von 11 bis 17 Uhr. Eintritt 15 Euro, Katalog 6 Euro.

Quelle: F.A.Z., 09.02.2008, Nr. 34 / Seite 43
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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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