14.06.2009 · Dass Satelliten nicht unbedingt Nebenschauplätze sind, beweisen die Liste und die Scope. Sie sehen sich ganz selbstbewusst als Sprungbrett zur Art Basel.
Von Tilo RichterIm kräftigen Fahrwasser Art Basel präsentieren sich die Satellitenmessen und verstärken die Sogwirkung der Hauptveranstaltung im internationalen Kunstmarkt (siehe Bericht auf der vorigen Seite). Die Basler Liste im Warteck-Areal bringt seit vierzehn Jahren ausschließlich junge Kunst an den Rhein. Eine Teilnahme dort gilt längst als Aufwärmrunde für Galerien und Künstler vor dem Sprung auf die Art Basel selbst. Rund ein Drittel der heutigen Galeristen auf der Hauptmesse war zuvor Liste-Aussteller - eine erstaunliche Quote, die auch für die Expertise der Macher um Direktor Peter Bläuer spricht.
Reizvoll sind bereits die Ausstellungsräume: Statt trist-monotoner Messekojen bietet ein ehemaliges Brauereigebäude den Rahmen für die Auftritte von 64 Galerien aus 24 Ländern. Ein Drittel der Teilnehmer ist mit Einzelschauen angereist, ein weiteres Drittel setzt auf zwei bis drei Positionen. Auf den ersten Blick schlicht und dann doch ausufernd erzählerisch sind die „70 Zeppeline“ (18.000 Euro) von Ian Tweedy, einem 1982 in Deutschland geborenen und heute in Mailand lebenden Amerikaner, der von der römischen Galerie Monitor vertreten wird. Auf Papierfundstücken aus Büchern und Magazinen zeichnet Tweedy in Perfektion „fliegende Zigarren“; der Betrachter wähnt authentische historische Dokumente vor sich - bis die Brechungen sichtbar werden. Skurrilität und Surrealismus dieser Arbeit erinnern an die Collagen von Max Ernst.
Kolorierte Koloristinnen
Das Medium der Zeichnung rückt bei diesem Liste-Jahrgang stark in den Fokus. Beispiele für diese Tendenz zeigt die erstmals beteiligte Galerie von James Fuentes aus New York mit psychologisierenden Porträts und Figurenbildern von Alejandro Cardenas. Ähnlich subtil zeigen sich übermalte Siebdrucke von Etienne Chambaud, die die Pariser Galerie Lucile Corty ausstellt. Die Serie von Unikaten „Les Coloristes Coloriées“ (Preise von 5000 bis 8000 Euro) spielt mit der Selbstreferenz des Mediums Malerei: Fleißig kolorierende Damen einer Druckerei der Jahrhundertwende von 1900, festgehalten mit der Plattenkamera, erfahren eine künstlerische Wiederbelebung durch behutsames Auftragen des Inkarnats.
Unter den zahlreichen Soloshows fallen Scott Olsens kleinformatige Gemälde auf, vorgestellt von Overduin and Kite aus Los Angeles. In gedeckter Farbpalette inszeniert Olsen geometrische Strukturen, die sich zu Meditationstafeln verdichten (4000 Dollar). Gleichermaßen meditative Stimmung verbreitet die Künstlergruppe Mahoney am Stand von Layr Wuestenhagen Contemporary aus Wien mit ihrer Installation „Land's End“ (4000 Euro): Sie reflektiert die Suche nach dem westlichsten geographischen Punkt von England und präsentiert den Standort in Formzweier vor Ort entnommener Steine. Inzwischen steht wissenschaftlich fest: Land's End (und nicht Cape Cornwell) ist tatsächlich der vermutete Extremort, auch wenn er natürlich nicht das Ende der Welt ist.
Wolken auf der Scope
Die Scope in Basel lanciert einen betont kommerziellen Auftritt, auch der Charakter vieler ausgestellter Kunstwerke ist eine Spur lauter als auf der Liste. Nach leisen Tönen muss man suchen und landet bei der Johyun Gallery aus Seoul, die großformatige Wolkenfotografien des Koreaners Boomoon, Jahrgang 1954, nach Basel mitgebracht hat (11.000 Dollar). Ebenfalls Luftbilder, allerdings mit dem Blick hinunter auf australische Erde, präsentiert Stefan Röpke aus Köln: An den Wänden seiner Koje hängen unter anderem beeindruckende, teils in malerische Abstraktion überführte Aufnahmen des kanadischen Fotografen Edward Burtynsky (5500 bis 23.000 Euro).
Brigitte Schenk, mit etwas bunt gemischtem Programm angetreten und wie Röpke in Köln stationiert, konnte etliche rote Punkte kleben: Die Installationen des ursprünglich zum Biologen ausgebildeten und vor einer Dekade in der Kunst angekommenen Klaus Fritze erinnern an naturkundliche Schautafeln oder Laborinterieurs (um 1000 Euro). Die inszenierten Objekte erreichten die Scope-Laufkundschaft offenbar mit Leichtigkeit. Ähnlich euphorischen Zuspruch vermeldete das unter der Obhut von Fredy Hadorn nicht kommerziell arbeitende Forum Licht Feld aus Basel für die auffälligen Video-Skulpturen des Schweizer Künstlers Marck - für „Maria“ von 2009 oder „Turkysh Bath“ aus dem vergangenen Jahr (12.000 bis 34.000 Dollar).
Berliner unter sich
Ruhiger geht es in einigen Galerien aus Berlin zu, die unter dem Schlagwort Art from Berlin eine eigene Sektion innerhalb der Scope bilden. Aus dem Angebot ragen die geheimnisvollen Malereien von Miriam Vlaming heraus, die von Alexander Ochs einen Soloauftritt erhält. Mystisch und verrätselt wirken auch die Fotografien von Karen Irmer, vorgestellt von der Zweigstelle Berlin. Einen besonders starken Eindruck hinterlassen Irmers „Dickicht“-Bilder für 700 Euro, die als paysages intimes auf die Schule von Barbizon und deren Berührungen mit dem damals jungen Medium Fotografie verweisen. Sebastian Schraders altmeisterlich anmutende Gemälde bei Berlin Art Projects sind nicht immer über jeden Zweifel erhaben; mit der skizzenhaft angelegten „Reise“ von 2005 für 11.000 Euro zeigt er Präzision und Emotion.
Nicht frei von Ironie treten die Schweizer Admir Jahic und Comenius Röthlisberger auf: Ihre von Hand gezeichnete Youtube-Adaption des inzwischen zum Kultfilm avancierten „Star Wars Kid“ ist in animierter Form bereits selbst wieder Teil des Digitalfilm-Kosmos geworden. Vierzig Sekunden einer absurden Imitation von Star Wars mit großem Fremdschäm-Potential haben die Künstler Bild für Bild in 605 Farbstiftzeichnungen übertragen. Wer alle Blätter besitzen will, benötigt dafür 120.000 Franken und 120 Quadratmeter Wandfläche.