23.09.2007 · Die Kölner Traditionsmesse sucht ihr Glück im Süden. Zum ersten Mal findet die „Art Cologne Palma de Mallorca“ statt. Unser Rundgang inspiziert das ambitionierte Unterfangen der Kölner Messegesellschaft in Spanien.
Von Sandra KegelIn der VIP-Lounge flimmert ein Video über Miami Beach an der Wand. Wer für den Clip verantwortlich ist, die Veranstalter, ein Sponsor, der Getränkelieferant, weiß hier gerade niemand, aber so viel scheint klar: Was dem jungen trendorientierten Sammler sein Miami ist, soll für den gediegeneren Kunstfreund künftig Malle sein. Die Art Basel hat es vorgemacht, als sie vor fünf Jahren einen Satelliten in Florida plazierte, der rasch zur Party unter Palmen geriet. Nun hat die Art Cologne mit einem Ableger in Palma de Mallorca nachgezogen. Weil Amerika schon besetzt war und der Kölner Messechef keinesfalls nach China wollte, kam Gérard A. Goodrow auf die Idee, am beliebtesten Ferienziel der Deutschen eine Messe für Klassische Moderne und Zeitgenössisches zu etablieren. Die Art Cologne Palma de Mallorca, deren Premiere morgen zu Ende geht, soll, wünscht Goodrow sich Sarkozy-gleich, zum „Zentrum für die Kunst im gesamten Mittelmeerraum“ werden.
Ausrichtung auf den lokalen Markt
Aus zweihundert Bewerbungen wurden 55 Galerien aus vierzehn Ländern ausgewählt, darunter Europa, Mexiko und Korea; die meisten kommen aus Spanien und Deutschland. Die Veranstalter, die Koelnmesse und die Fires de Balears, verkündeten bei der Eröffnung, die Sammler könnten, weil die Verkaufsschau im Flughafen stattfindet, für einen Tagestrip einfliegen. Bei einem Rundgang durch das Terminal A wird indes klar, dass sich diese Erstausgabe mit etablierter Ware vor allem an den lokalen Markt richtet, an Sammler also, die auf Mallorca ein Feriendomizil haben. Darauf, dass diese künftig erst in der dritten Septemberwoche Urlaub machen, muss die Hoffnung der Messe ruhen.
Aller Anfang ist schwer, wobei Goodrow die Gewissheit hilft, dass sich die deutsch-spanischen Partner verpflichtet haben, die Messe mindestens vier Jahre lang zu stemmen. Schließlich soll für jeden etwas herausspringen: Köln möchte sich - als älteste Kunstmesse der Welt und jüngst oft kritisiert - mit der neuen „Lifestyle City“ Palma, wie es in Köln heißt, ein jugendliches Image geben, den Staub aus vierzig Jahren abschütteln und neue Käuferschichten erobern: In Mallorca urlauben zahlreiche Vorstände deutscher Dax-Unternehmen. Für Mallorca, wo man seit Jahren daran arbeitet, den Ballermann-Ruf abzuschütteln, bedeutet die Schau ein weiteres Element, um zu zeigen, dass man mehr zu bieten hat „als Sonne und Strand“, so Handelsministerin Francesca Vives.
Problematischer Standort
Tatsächlich hat die Hauptinsel der Balearen bislang kein Kultur-Event vorzuweisen, weder ein Film- oder Musikfestival noch Theaterfestspiele oder Kunstschauen. Es war nie nötig, sagt man auf der Insel, die Touristen kamen ohnehin. Die Idee der Messe ist deshalb in jedem Fall lobenswert, auch, weil sie den starken mallorquinischen Galerien - sie machen jedes Jahr die Hälfte aller spanischen Aussteller in Köln aus - wie etwa Pelaires die Chance gibt, sich und ihre Stadt zu präsentieren.
Der Flughafen als Standort aber erweist sich als Problem. Denn nicht nur finden viele Besucher die ehemalige Abfertigungshalle nicht, auch geht dem Airport die Pracht und Faszination der Stadt Palma ab. Unglücklich war außerdem gewählt, dass die erste Preview um 13 Uhr begann; denn um diese Zeit halten die Spanier Siesta, Kunst hin oder her. Die Galeristen waren deshalb erst mal fast unter sich - für jeden, der einmal auf der Arco war, unvorstellbar: Die Madrider Messe mit ihren 200 000 Besuchern ist weltweit unschlagbar, was die Publikumszahlen angeht.
Mancher Aussteller fehlt
Gérard Goodrow erwartet für Palma 20 000 Besucher; das Teilnehmerfeld nennt er „nicht bombastisch, aber solide“. Das Angebot umfasst, wie in Köln, das gesamte 20. Jahrhundert von Picasso, Miró, Kirchner bis zu Lichtenstein, Warhol, Serra, Lüpertz und Erwin Wurm. Dominant ist die Klassische Moderne; Jugendwahn und feuchte Leinwände direkt aus dem Atelier spielen in Palma keine Rolle. Dennoch ist der spanische Ableger - mit seiner (noch) mäßig internationalen Präsenz - kein „Spiegelbild der Art Cologne“, wie es vorab hieß: Große Namen für Klassische Moderne, die jedes Jahr an den Rhein kommen, fehlen ebenso wie angesagte Galerien für Zeitgenössisches.
Zu den Highlights gehört das Kabinett mit deutschem Expressionismus der Basler Galerie Henze & Ketterer & Triebold. Prächtig füllen dort Nolde, Heckel, Kirchner, Mueller, Pechstein und Schmidt-Rottluff die Stellwände. Allen voran erstrahlt Kirchners „Totentanz der Mary Wigman“, den er 1926/28 im Querformat auf Leinwand bannte (2,4 Millionen Euro). Auch Grosz' „Selbstporträt mit Akt“ von 1937 bannt die Blicke (390 000 Euro). Deutscher Expressionismus erfreut sich in Spanien reger Nachfrage, seit dort die Thyssen-Stiftung residiert. Beck & Eggeling aus Düsseldorf hat zum Beispiel Noldes „Durchbrechendes Licht“ von 1950 für 2,5 Millionen Euro im Programm.
Kaum Videokunst
Benden & Klimczak ließ die junge Kunst in Köln und setzt auf die bewährte Pop-Art, darunter eine 3,22 Meter breite Seelandschaft mit Wolken Lichtensteins von 1991/94 (650 000 Euro), die als Provenienz das Lenbachhaus vorweisen kann. Gmyrek aus Köln hat Immendorffs großes Selbstporträt „solo“ von 1988 dabei, das einst Charles Saatchi besaß (480 000 Euro). Hachmeister aus Münster ist mit Aquarellen von Mark Tobey und Papierarbeiten von Le Corbusier angereist. Rieder, München, zeigt mit einer 1978 entstandenen Arbeit von Emil Schumacher dessen Leidenschaft für Asphalt (280 000 Euro); Chillidas seltene Terrakotta-Skulptur „Lurra M-20“ ist mit demselben Preis beziffert. Reizvoll kontemplativ ist der Stand des Wieners Johannes Faber, der mit Werken von Heinrich Kühn, Frantisek Drtikol, Man Ray der Klassischen Moderne in der Fotografie Raum gibt.
Etwas verloren in der Halle für ältere Kunst präsentiert sich Kleindienst aus Leipzig, der sich verstärkt der Fotografie der jungen Leipziger verschrieben hat, hier vertreten durch Oskar Schmidt, der sich über den Verkauf seines „Ruhenden Mädchens“ für 4200 Euro freut. Mezzanin aus Wien hat eine Doppelschau aus den figurativen Werken von Katrin Plavcak mit den abstrakten Tuschebildern von Christina Zurfluh klug kombiniert. DNA aus Berlin zeigt eine der wenigen Videoarbeiten der Messe: Die faszinierenden Selbsterkundungen der Bulgarin Mariana Vassileva (bis 8000 Euro). Johann Nowak von DNA findet die Mischung der Verkaufsschau gelungen; denn die Fixierung auf junge Künstler in der jüngsten Zeit sei nicht normal.
Optimistischer Blick in die Zukunft
Andere sind skeptischer: Da werden in den leeren Hallen Kuratoren vermisst, Museums- und Kunstvereinsleute, auf die gerade jüngere Galerien angewiesen sind. Auch das Konzept der Messe überhaupt erklärt sich einem gestandenen Galeristen wie Kaj Forsblom aus Helsinki nicht, der dennoch gern gekommen ist. Und dass der mallorquinische Galeristenverband am Vortag der Eröffnung eine separate Pressekonferenz über seine Galeriennacht veranstaltete, verdrängte die Messe aus den lokalen Feuilletons fast gänzlich. Alexander Baumgarte aus Bielefeld, der seit Jahren in Mallorca aktiv ist, gibt sich dennoch optimistisch: „Miami hatte es anfangs auch schwer. Wer hätte gedacht, dass sich in der Hitze Kunst verkaufen ließe“, findet er. Auch Klaus Benden glaubt an den Dreiklang aus „Kultur, gutem Wetter und guter Laune“.
Auf dem Vorplatz des Flughafens stehen, als Teil einer Skulpturen-Schau der Messe, „Los Vigilantes“ von Martín y Sicilia: Die lebensgroßen, mit Ferngläsern bewaffneten Ballermann-Urlauber begrüßen ihresgleichen in Scharen ebenso wie die ersehnten distinguierten Sammler.