20.03.2010 · Die Art Dubai ist maximal international und entfaltet gleichzeitig ihre ganze lokale Größe. Und diese Messe arbeitet erfolgreich gegen die Scheren in unseren Köpfen.
Von Rose-Maria GroppEin starker grüner Baum wächst aus einem Zwillingsstamm auf dem Umschlagfoto des Katalogs zur vierten Art Dubai. Oder sind es zwei Bäume, die sich zu einer mächtigen grünen Krone vereinigen, über ein dazwischen geschobenes Hindernis hinweg, mitten in wüstem Land? Es gibt zwei Säle im luxuriösen riesigen Hotel Medinat Jumeirah in Dubai. Gleich am Eingang des einen, des „Ballroom“, hängen, an einer Außenwand der Koje von Sfeir-Semler, 26 Inkjet-Drucke mittleren Formats, auf jedem ist ein Wachturm zu sehen, als wären das Wassertürme von Bernd und Hilla Becher, transponiert an die Demarkationslinie.
„Watchtowers Westbank“ heißen lapidar die Schwarzweißfotografien von Taysir Batniji, und sie formulieren einen Aspekt vom ganz großen Thema dieser Messe: der Grenzen nämlich - der politischen und künstlerischen, der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen und der Grenzen natürlich, die durch Zensur gezogen sind. Vor allem aber steht das Pathos der Türme auch für die Überwindung solcher Schranken, diese Utopie, wie sie für einige Tage Gestalt wird auf der Art Dubai.
Eine kleine Messe mit maximaler Internationalität
Es gibt jede Menge Kunstmessen auf der Welt, zu viele jedenfalls. Aber die Art Dubai ist bestimmt nicht überflüssig, und ihr neues Erscheinungsbild, das sich mit seinem Angebot demonstrativ von jeder Ambition absetzt, eine Schau nach westlichem Geschmack zu sein, steht für dieses Programm. Nicht die globalen Big-Shots sind vertreten, nicht die Gagosian & Co., die womöglich ohnehin nicht gekommen wären. Mit dieser Ambition hat vor ein paar Monaten die Art Abu Dhabi wohl eher ernüchternde Erfahrungen gemacht.
Dafür sind jetzt in Dubai eine ganze Menge wirklich wichtige, international agierende Galerien versammelt, genannt seien zum Beispiel eben Andrée Sfeir-Semler aus Hamburg und Beirut, Ursula Krinzinger aus Wien, Kamel Mennour aus Paris, die sich im Auswahlkomitee engagieren. So kann die Art Dubai 72 Galerien aus 31 Ländern vorweisen - es ist eine kleine Messe mit maximaler Internationalität. Als die größte Kunstmesse des mittleren Ostens darf sie sich bezeichnen. Ihr erklärter Schwerpunkt liegt auf der Kunst aus der Region, die sich „Menasa“ nennt, nämlich der Mittlere Osten, Nordafrika und Südasien. Das ist eine wirtschaftliche Logik, aber auch transnationale und -territoriale Idee, wie sie Zukunft haben wird, nicht nur in der Kunst.
„Fair Skies“ von Mahmoud Obaidi
Es ist eine schöne Übung, liebgewordene Sehgewohnheiten und Bewertungskriterien auf dieser Schau abzulegen. Dann gelingt es, dem Hinweis von John Martin, dem Direktor, zu folgen und die Art Dubai als „a space to enjoy the art“ zu erfahren, will heißen: als einen Raum, bereitgestellt für die Kunst. Ein gemeinsamer Nenner für viele der ausgestellten Werke und Arbeiten, die sich nicht westlicher Stromlinienform anzuschmiegen versuchen, ließe sich in einer Affäre von Bilder-Geschichten ausmachen. Nicht zufällig verbirgt sich dahinter auch das Ausweichen in Allegorien, die nicht so einfach zu entlarven sind als Kritik oder gar Aufsässigkeit. Zwar ist Dubai ein eminent liberaler Ort in der Region, aber Scheren in den Köpfen, denen der Künstler und denen der Wächter, gibt es auch hier. Stets in der Geschichte war die Allegorese das Mittel des Ausdrucks.
Das kann so aussehen wie bei der Agial Art Gallery aus dem Libanon, die mit „Fair Skies“, einer bitterbösen Installation von Mahmoud Obaidi, gegen die Schemata vorgeht, nach denen auf Flughäfen verdächtige Personen identifiziert werden; um solche Kontrollen zu unterlaufen, werden „Kits“ angeboten für helle Haut, blonde Haare, blaue Augen (Auflage 4; 80 000 Dollar). Ganz anders vertreten die beiden Schwestern, die in Teheran die Aaran Gallery betreiben, ihre Künstler; deren „selfcensorship“ begreifen sie mitunter als künstlerisches Mittel. So macht das auch Siamak Filizadeh, der mit den Exemplaren seiner porzellanenen Serie „Cow Vid“ mehr als bloß Michelangelos David äfft.
Eine kluge Brücke zwischen den Welten schlägt Kourosh Nouri mit seiner Carbon 12-Galerie in Dubai selbst. Er führt seinen Landsleuten dort Künstler wie Andre Butzer oder Ralf Ziervogel zu. Bei der, inzwischen von den internationalen Messen bekannten Galerie The Third Line aus Dubai ist eine große alte Frau der Kunst zu entdecken: Monir Shahroudy Farmanfarmaian und ihre zauberisch glitzernden Geometrien. Neben den Ausstellern gibt es eine lehrreiche Sonderschau „Pioneers of Modernism“, zusammengestellt aus regionalen Sammlungen, voller Déjà-vus der europäischen Nachkriegskunst, an denen sich der eminente Aufbruch, der sich gerade vollzieht, ermessen lässt.
„Le Petit Dôme de Rocher“ von Kader Attia
Der mit insgesamt einer Million Dollar dotierte Preis der in Dubai ansässigen Investmentfirma Abraaj Capital gilt künstlerischen Vorhaben und deren Ausführung, die jetzt auf der Messe enthüllt wurden. Für das Jahr 2009 ging der Preis an die ägyptische Künstlerin Hala Elkoussy, an Marwan Sahmarani aus Kairo und an den Franzosen algerischer Abkunft, Kader Attia.
Der in der westlichen Welt zurecht längst bekannte, in der Banlieu von Paris geborene Künstler, der sich - hoch ästhetisch und zugleich provokant - immer wieder mit den gesellschaftlichen Verhältnissen anlegt, hat mit seiner Projektion „Le Petit Dôme de Rocher“ eine makellose Metapher auf den Stand der Dinge geschaffen: Der kleine Messingbolzen auf zwei silbernen Schraubenmuttern, dessen Abbild auf eine große schwarze Wand in einem schwarzen Kubus geworfen wird, imitiert nicht nur die Form des Felsendoms in Jerusalem, woher der Titel der Arbeit kommt, sondern erinnert zugleich an eine Moschee.
Mehr ist kaum zu sagen, um diese brisante „Mise en abyme“, dieses Spiegelspiel mit der Repräsentation und der Realität zu begreifen. Das Geräusch des Winds, der in Jerusalem weht, umtost die goldig glänzende Kuppel über ihrem Polygon, in dem die Welt die Form ihrer heiligen Häuser erkennt. Eine solche Wahl ist dem Abraaj Capital Art Prize hoch anzurechnen, verbunden mit der Hoffnung, dass Attias Werk öffentlich sichtbar bleiben wird.
Dubai hat sich eindrucksvoll auf den Weg gemacht
Das frühe 19. Jahrhundert hat die perfekt modellierte, die künstliche Ruine gefeiert. Und es ist inzwischen beinah überflüssig zu erwähnen, dass Dubai das Bild des Unvollendeten am Beginn des 21. Jahrhunderts abgibt, nicht als Romantik, sondern als ein Memento. „To let“, zu vermieten, sind die meistgesehenen zwei Worte im öffentlichen Raum, an halb verkleideten Bauskeletten ohne jede Regung. Hybris war nie gut, schon gar nicht in der Wüste, von der es heißt, dass sie sich zurückholt, was man ihr abzwingt.
Aber die gängige Überheblichkeit der westlichen Hemisphäre ist auch keine lässliche Sünde, nicht in der Kunst zumal. Dubai hat sich jedenfalls eindrucksvoll auf den Weg gemacht zu neuen Ufern, mit ganz offenem Ergebnis. Es wäre zu schade, wenn dieses spannende Unternehmen wieder in der Regionalität versanden müsste. Deshalb sei der Art Dubai, wie sie sich in dieser Ausgabe selbst als Möglichkeit entworfen hat, eine Zukunft gewünscht, um noch vielen Besuchern die Augen zu öffnen.
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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