26.01.2010 · Saisonauftakt für Buchliebhaber: Eine Vorschau auf die Stuttgarter Antiquariatsmesse und die Ludwigsburger Antiquaria.
Von Fabian GranzeuerMit der Stuttgarter Antiquariatsmesse im Württembergischen Kunstverein vom 29. bis zum 31. Januar und der Antiquaria in der Musikhalle im nahen Ludwigsburg, die schon einen Tag früher öffnet, beginnt traditionell die neue Saison für die Anhänger alter, wertvoller Bücher. Anstatt auf das Konkurrenzprinzip zu setzen und die übliche Rangordnung von Haupt- und Satellitenmesse zu pflegen, kooperieren die beiden Veranstalter auch dieses Jahr wieder miteinander. Und sollten sich am Eröffnungstag mehrere Besucher für dasselbe Objekt interessieren, so entscheidet auf beiden Messen das Los, wer die Handschrift, den Autograph, den Prachtdruck, die Grafik, die Fotografie oder das Künstlerbuch mit nach Hause nehmen darf. Das ist Tradition. Die Auswahl wird bei insgesamt rund 130 Ausstellern hoffentlich groß genug sein, um auch den Unterlegenen einer Verlosung dann doch noch zufriedenzustellen.
Das teuerste Stück der Stuttgarter Antiquariatsmesse kommt aus der Schweiz. Heribert Tenschert aus Ramsen zeigt ein kostbares französisches Pergamentstundenbuch aus dem späten 15. Jahrhundert. Zwölf der insgesamt neunzehn Miniaturen schuf Georges Trubert aus Troyes (480.000 Euro). Mehr dem Wort als dem Bild verpflichtet zeigt sich Martin Luther in einem Brief von 1518 aus Nürnberg. Auf dem Weg ins katholische Augsburg, zum Verhör durch den Dominikaner Cajetan, schreibt er an Vertraute in Wittenberg: „Auch zu Augsburg, auch mitten unter seinen Feinden herrscht Jesus Christus.“ Vielleicht glückte dem Reformator, nachdem er sich geweigert hatte zu widerrufen, auch deswegen die Flucht aus der Stadt. Das Blatt bieten Inlibris aus Wien und Kotte aus Roßhaupten gemeinsam für 280.000 Euro an.
Eine Zeitungsseite als Kunstwerk
Beinahe ohne Bewegung ist jene Reise, die antritt, wer einen Blick in den Guckkasten wirft, den Weinek aus Salzburg anbietet: Mit 41 austauschbaren Ansichten europäischer Städte verzückten um 1800 Schausteller ihr bezahlendes Publikum (88.000 Euro). Überraschend wie ein Bildwechsel in diesem Apparat ist möglicherweise die Anzeige gewesen, die sich den Lesern dieser Zeitung am 11. September 1970 bot.
Unter einem Foto der beiden Künstler Dieter Roth und Stefan Wewerka in Bittstellerpose steht: „Wer diese Seite von Dieter Roth und Stefan Wewerka zur Ausstellung in der Galerie Mikro, 1 Berlin 12, Carmerstraße 1, Tel. 315865, mitbringt bzw. einsendet, der bekommt sie von den beiden zurück, und zwar signiert und numeriert! - Vorausgesetzt, er füge DM 100,- bei und sei unter den ersten 200. Eröffnung 19. September 1970 um 21 Uhr.“ Bei St. Gertrude aus Hamburg hat man jemanden gefunden, der sich von seinem Exemplar trennen konnte (300 Euro).
Choreographien aus dem 18. Jahrhundert
Am 28. Januar schon eröffnet die 24. Antiquaria in Ludwigsburg. 52 Aussteller reisen aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich und der Schweiz an. Kryptisch wirken heute die Schemata, die Landrin und Bouin, zwei Pariser Musikverleger, im späten 18. Jahrhundert veröffentlichten. Ihr Sammelband stellt 73 Tänze vor. Neben einer Beschreibung und der Musik in Notenform hielten sie die Choreographien fest. Wer sie nachtanzen möchte, wird bei Gerber aus Basel fündig und muss 13.330 Euro aufbringen.
Jan Peter Tripps „Venezianischer Ikarus“ auf einer Radierung aus dem Jahr 1983 hat offenbar ausgetanzt. Das Antiquariat Bewer aus Stuttgart bietet das Blatt für 550 Euro an. Der Fotorealist Tripp arbeitete zeitweise als Bühnenbildner. Hier denkt man aber weniger ans Theater, sondern eher an Kubricks Filmklassiker „A Clockwork Orange“, denn die Maske von Tripps Ikarus ist eigentlich nur eines: ein monumentales Gesichtshorn.
Träger des Antiquaria-Preises für Buchkultur 2010 ist der Restaurator und Papierkünstler Gangolf Ulbricht. Seine Fähigkeiten stellte er unter anderem bei der Rettung von Werken nach dem verheerenden Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar unter Beweis. Die Verleihung der mit 6000 Euro dotierten Auszeichnung findet am Eröffnungstag statt.