23.01.2011 · Die Stuttgarter Antiquariatsmesse und die Antiquaria in Ludwigsburg locken mit leuchtenden Pflanzenzeichnungen eines Apothekers und einer raren Bibelhandschrift. Die „Bible Historiale“ knackt sogar die Millionengrenze.
Von Sophie von MaltzahnStuttgart und das nur wenige Kilometer entfernte Ludwigsburg werden auch in diesem Jahr wieder zur Pilgerstätte für Bibliophile. Zum fünfzigsten Mal öffnet die Stuttgarter Antiquariatsmesse vom 28. bis zum 30. Januar ihre Tore, zeitgleich lädt die Antiquaria in Ludwigsburg vom 27. bis zum 29. Januar zu ihrem 25. Jubiläum. In Stuttgart sind fünf Aussteller schon vom ersten Jahr an dabei, nämlich C. G. Boerner aus Düsseldorf, Fritz Neidhardt aus Stuttgart, August Laube und Hellmut Schumann aus Zürich und J. A. Stargardt aus Berlin.
Mit einem Objekt knackt das Angebot in Stuttgart sogar die Millionengrenze: Es ist eine monumentale „Bible Historiale“, die Heribert Tenscherts Antiquariat Bibermühle im schweizerischen Ramsen für 1,45 Millionen Euro anbietet. Die vollständig erhaltene Handschrift in französischer Sprache entstand in Flandern oder Nordfrankreich um 1470 und ist eine Übersetzung der „Historia scholastica“ des Theologen Petrus Comestor, einem Lombardus-Schüler der damit eine Art biblisches Lehrbuch der Weltgeschichte geschaffen hatte. Die ungewöhnlich großen 51 Illustrationen zu Geschichten aus dem Alten Testament werden im Katalog als ein Höhepunkt der spätgotischen Bibelillustration bezeichnet.
Bei Kotte aus Roßhaupten kann man in einem Konvolut mit 75 Autographen von Einstein nachlesen, wie der Physiker und Nobelpreisträger sich in seiner familiären Korrespondenz äußerte. „Dies die gerechte Strafe für meine Schwäche, die mich mein Leben an das Deine ketten liess“, klagt er am 15. September 1914 seiner Gattin Mileva gegenüber, von der er sich später scheiden ließ: Die Kinder habe sie ihm weggenommen, hetze sie gegen ihn auf und suche überhaupt und in jeder Weise das zu vergiften, was ihm an Lebensfreude noch übrig geblieben sei (250.000 Euro).
Sehr viel versöhnlicher wirken da die Originallithographien von Marc Chagall bei Schmidt & Günther aus Kelkheim, in denen er die Liebesgeschichte von Daphnis und Chloe illustriert. Die 42 farbigen Graphiken, sechzehn davon sind doppelblattgroß, in einer mit blauem Samt ausgeschlagenen Kassette erschienen 1961 in einer Auflage von 250 Exemplaren, das Impressum ist von Chagall signiert (240.000 Euro). Doch auch Günstigeres lässt sich in Stuttgart finden, beispielsweise Radierungen mit Stadtansichten von Rom, schon von 260 Euro an bei Hanno Schreyer aus Bonn.
450 Euro für eine Erstausgabe von „Ulysses“
Auf der Schwestermesse in Ludwigsburg bewegen sich die Preise im Ganzen auf einem niedrigeren Niveau. Als teuerstes Werk verzeichnet der Katalog bei Thomas Rezek aus München die „Phytanthoza-Iconographia“ des Apothekers Johann Wilhelm Weinmann, das ist die „Eigentliche Vorstellung etlicher Tausend, sowohl einheimisch-als ausländischer Plantzen . . .“. Die vier Bände erschienen von 1735 bis 1745 (59.000 Euro).
Bei Wirkus aus Ehlscheid können sich „Ulysses“-Anhänger um eine Erstausgabe von James Joyce' Roman aus dem Jahr 1925 bemühen - für 450 Euro. Falls es mehrere Bieter gibt, entscheidet in Ludwigsburg das Los, wie in Stuttgart auch.
Die Messen haben dieses Verfahren eingeführt, um das Gedrängel bei der Eröffnung zu unterbinden. Liegt nach 45 Minuten nur ein Los vor, darf das Werk verkauft werden. Ansonsten geht die Messeleitung nach einer Stunde von Stand zu Stand und zieht den neuen Besitzer. Jeder Anwärter darf dabei nur eine Loskarte ausfüllen und muss sich während der Ziehung am Stand aufhalten.
Ein Preis für das „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“
Eine weitere Erstausgabe wird Liebhaber reizen, nämlich Teil eins und Teil zwei von Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen“, zu haben bei Daniel Osthoff aus Würzburg für 8000 Euro. Die beiden Teile des - wie Nietzsche selbst es sah - „tiefsten Buchs der Menschheit“ sind die Erstausgaben von 1883 und 1884, zusammengefasst um 1920 auf vier falschen Bünden: Man mochte damals diese künstlichen, an sich überflüssigen waagrechten Wölbungen im Buchrücken, auch wenn die Fäden der Bindung bereits viel dünner waren.
Amouröses bietet das Altstadt Antiquariat aus Freiburg mit dem von Alfred Richard Meyer herausgegebenen „Venuswagen“, einer Sammlung erotischer Privatdrucke mit Original-Graphik. Die 1919/20 erschienenen neun Bände sind sämtlich vom Verleger Fritz Gurlitt im Impressum signiert. Die Episoden stammen von Autoren wie Schiller, Heinrich Lautensack oder Joris-Karl Huysmans, zu den Illustratoren zählt auch Lovis Corinth (1800 Euro).
Traditionell verleiht die Antiquaria auch in diesem Jahr wieder ihren Preis für Buchkultur. Ausgezeichnet werden Ines Geipel und Joachim Walther für die Gründung des „Archivs unterdrückter Literatur in der DDR“. Beide waren in der DDR Repressalien ausgesetzt. Die ehemalige Weltklassesprinterin Ines Geipel musste den Sport wegen politischer Abweichungen aufgeben. Joachim Walther war Redakteur bei der Zeitschrift „Temperamente“, deren gesamte Redaktion 1978 entlassen wurde; 1983 wurde er dann zur Kündigung beim Buchverlag „Der Morgen“ gezwungen.
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