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Warum Kunstbücher die Malerei verraten haben

 ·  Die Latte hängt hoch in den etwas über achtzig Seiten, die der französische Kunsthistoriker und Philosoph Georges Didi-Huberman über den Künstler James Turrell verfasst hat, und dort oben angebracht wurde sie vom Autor selbst. "All diese Fragen sind, wie man sieht", lautet Didi-Hubermans vernichtendes ...

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Die Latte hängt hoch in den etwas über achtzig Seiten, die der französische Kunsthistoriker und Philosoph Georges Didi-Huberman über den Künstler James Turrell verfasst hat, und dort oben angebracht wurde sie vom Autor selbst. "All diese Fragen sind, wie man sieht", lautet Didi-Hubermans vernichtendes Urteil über die Literatur, die bisher zu dem amerikanischen Lichtkünstler erschienen ist, "falsch gestellt." Der Satz bietet dem Leser Komplizenschaft an; auch wir sollen an diesem Punkt eingesehen haben, dass sich Kunstgeschichte und -kritik bisher auf dem Holzweg befanden. Spätestens hier aber werden wir stocken, um zu fragen: Wirklich? Wurden die Fragen bisher falsch gestellt? Vor allem: Werden sie von Didi-Huberman nun besser gestellt und beantwortet?

Mit James Turrell und Didi-Huberman, muss man wissen, treffen zwei Exzentriker aufeinander. Dem einen, Didi-Huberman, verdankt die Kunstgeschichte einige ebenso originelle wie wegweisende Studien: Im Jahr 1997 erschien etwa auf Deutsch sein Buch über die Bildseite der psychiatrischen Forschung im neunzehnten Jahrhundert unter dem Titel " Die Erfindung der Hysterie. Die photographische Klinik von Jean-Martin Charcot". In "Bilder trotz allem" schrieb er 2007 über die vier überlieferten Fotografien, die Häftlinge 1944 im Lager von Auschwitz heimlich aufgenommen hatten. Man würde nun sicherlich nicht auf die Idee kommen, Didi-Hubermans Philosophie als analytisch zu bezeichnen; ähnlich wie zu Lebzeiten Jacques Derrida wird er auch im Ausland intensiver gelesen als in Frankreich, wo er an der Pariser École des Hautes Études en Sciences Sociales Kunstgeschichte lehrt. Aber gerade sein behutsamer Denkstil, seine Vorsicht, das Tastende seiner Überlegungen hat sich häufig genug - insbesondere bei den genannten Büchern - als Glücksfall erwiesen, denn nicht bei jedem Thema wünscht man sich ja, dass es analytisch sauber heruntergebrochen wird.

Und damit also zu dem anderen: James Turrell, der 1943 in Los Angeles geboren wurde und dessen Werk Didi-Huberman zu seinem Gegenstand gemacht hat. Turrells Werkstoff ist das Licht, natürliches wie künstliches. Studiert hat er Mathematik, Psychologie, Kunst und Kunstgeschichte. Für Stanley Kubrick und dessen Film "2001" arbeitete er als Lichtspezialist. Weltberühmt aber wurde er mit seinem "Roden Crater", einem erloschenen Vulkan, der wie ein großes Auge in Arizonas Wüste bei Flagstaff liegt. Von 1974 an hat Turrell unterirdische Räume, Stollen und Schächte in das einhundertfünfzig Meter hoch aufragende Gestein geklopft, gegraben und gesprengt und ein gigantisches Licht-Observatorium geschaffen. Und noch bis April stellt das Kunstmuseum Wolfsburg Turrells bisher größte begehbare Lichtinstallation aus (F.A.Z. vom 24. Oktober), ein durch dreißigtausend Leuchtdioden schimmernden Raum, der sämtliche Wahrnehmungserfahrungen auf den Kopf zu stellen scheint.

Mit einer Beobachtung hat Didi-Huberman sicherlich recht: Die Rezeption von Turrell lässt sich in zwei Lager aufteilen. Die einen beschreiben ihn als Wahrnehmungsphänomenologen, der mit den Gesetzen des Sehens experimentiert; die anderen sehen in ihm einen Mystiker, der mit seinen gleißenden Lichtinszenierungen ein synkretistisches Gesamtkunstwerk schafft, das eine "Brücke von den amerikanischen Quäkern zu den Zen-Buddhisten" schlägt. Beides greife zu kurz - da folgt man Didi-Huberman noch gern. Denn weder schickt Turrell die Betrachter einfach wie Ratten in eine sinnesphysiologische Versuchsanordnung, noch bedrängt er sie mit esoterischen Anliegen.

Was aber dann? Didi-Huberman verlangt nun von uns, dass wir "in die Fabel des Ortes fallen", um die "zwei großen Gattungen des Diskurses", die Wahl zwischen "logos" und "mythos", zu verweigern. Das ist die dunkel bleibende Pointe, mit der Didi-Huberman in den recht knappen Schlussabsätzen aufwartet - was einigermaßen ärgerlich wäre, wenn es sich tatsächlich um den Höhepunkt des Buches handeln würde.

Man kann dieses kleine Buch allerdings mit großer Freude und Gewinn lesen, wenn man das gegen den Strich tut: Denn auf dem Weg zu den dunklen Schlusssätzen schreibt Didi-Huberman ein ganz ungewöhnliches Stück Kunstgeschichte, das er auf Turrell zulaufen lässt. Es reicht von den Glasfenstern der Kathedrale von York aus dem dreizehnten Jahrhundert zu Fra Angelicos Fresko "Madonna der Schatten" in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. "Unsere Kunstbücher", lesen wir dazu, "haben die ganze alte Malerei eingerahmt und damit verraten." Erst der Rahmen habe diese Kunstwerke zu Fenstern erklärt, obwohl sie nie als Öffnung auf die Welt, als figürliche Darstellung gemeint waren. Didi-Huberman nennt die irisierende Form der leuchtenden Fenster und goldstrahlenden Bildhintergründe stattdessen "glühende Herde, frontale Lichtbüsche". Wie Moses in der Wüste begegnet der Betrachter in ihnen einem Paradox: Es erscheint uns etwas, das wir nicht sehen können. Allein für dieses verschüttete Stück Kunstgeschichte lohnt es sich allemal, dieses Buch zu lesen.

JULIA VOSS

Georges Didi-Huberman: "Der Mensch, der in der Farbe ging". Aus dem Französischen von Wiebke-Marie Stock. Diaphanes Verlag, Zürich/ Berlin 2009. 84 S., br. , Abb., 12,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2009, Nr. 274 / Seite 28
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