Home
http://www.faz.net/-gz0-6kzyp
Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Süßes auf Abwegen

 ·  Constanze Küsel schreibt über "Schokolade in der Kunst"

Artikel Lesermeinungen (0)

Schokolade ist nicht nur ein willkommener Nachtisch, Schokolade ist wahre Medizin: Die Süßigkeit wandert in die Mägen büffelnder Studenten, unterzuckerter Schüler und stressgeplagter Angestellter. Mittlerweile ist sie auch mehr als nur ein beliebtes Trostmittel: Wellnessanhänger lassen sich die süße Substanz in die Haut einmassieren oder verteilen sie sich sogar in Form von Creme im Gesicht. Schokoladenliebhaber schlafen in entsprechend bedruckter Bettwäsche und verschenken Schokoladentafeln mit Glückwunschsprüchen. Das so vergängliche, für den Konsum bestimmte Lebensmittel - ist es tatsächlich ein Material, aus dem man Kunst machen kann?

Die Kunsthistorikerin Constanze Küsel hat dem in ihrer Dissertation nachgespürt und diese nun unter dem Titel "Schokolade in der Kunst" bei Frankfurt University Press veröffentlicht. Die "Initialzündung", sich diesem kunsthandwerklichen Nischenmaterial wissenschaftlich anzunähern, lieferten die sieben Selbstporträtbüsten der Künstlerin Janine Antoni, wie Küsel sagt. Ungewöhnlich an der Installation war nicht nur das Material - Schokolade -, sondern auch der Bruch mit traditionellen Bildhauertechniken: Antoni hat die Büsten nicht etwa mit den Händen geformt, sie hat die Formen herausgenagt und -geleckt.

Passenderweise eröffnet diese Installation, auf dem Titel von Küsels Buch abgebildet, den künstlerischen Schokoladenreigen. Und es finden sich noch weitere Kuriositäten auf den mehr als 400 reichbebilderten Seiten: ZumBeispiel die an Duchamp angelehnte Kloschüssel von Thomas Rentmeister, die fast über den Rand hinaus mit Nussnougatcreme gefüllt ist, der 100 Kilo schwere, 1,80 Meter große nackte Schokoladenjesus des kanadischen Künstlers Cosimo Cavallaro oder die Skulpturen von Warren Laine-Naida, die der Künstler aus mit Luftblasen und Reif durchsetzter Schokolade formt und sie mit Glasscherben oder Stacheldraht versieht.

Küsel macht aber nicht nur mit den Künstlern und ihren Werken bekannt, sie zeigt auch, wie komplex sich die Aspekte Authentizität und Originalität gerade bei dem mit der Zeit schmelzenden, schimmelnden, zerbröselnden oder gar von Insekten zerfressenen Material der Schokolade zeigen.

ISABELL ZIEGLER

"Schokolade in der Kunst" von Constanze Küsel, erschienen bei Frankfurt University Press

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2010, Nr. 231 / Seite 39
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel