Die Lust am Erzählen, daran, das Leben in seinen freundlichen, oft ungewollt komischen Momenten, aber auch in seiner Tragik, Einsamkeit und Drastik mitzuteilen, ist ein so wesentlicher wie einnehmender Bestandteil der jüdischen Kultur und Tradition. Ausschweifen, gestikulieren, schmunzeln, hinweisen und aufbegehren läßt sich aber nicht nur mit Worten, sondern auch mit Bildern. Auf diese beredte Weise erzählt der Fotograf Boris Carmi von Israel. Er schilderte das Land, indem er seinen Menschen zusah - bei ihren alltäglichen Verrichtungen ebenso wie bei den Erfahrungen, die die Geschichte mit sich brachte. Eine Auswahl aus Carmis Werk versammelt der Band "Photographs from Israel", der auch die Grundlage einer Ausstellung von Carmis Fotografien bildet, die das Jüdische Museum Frankfurt noch bis zum Jahresende zeigt.
Der 1914 in Moskau geborene Carmi, der ursprünglich Vinograd hieß, gelangte, wie so viele, über Umwege durch halb Europa nach Israel. Nach dem frühen Tod der Eltern besuchte er ein Internat im thüringischen Saalfeld, in den dreißiger Jahren bereiste er Italien, bevor er an der Sorbonne ein Ethnologie-Studium aufnahm. Drei lange Jahre, von 1936 bis 1939, mußte er in Danzig auf seine Papiere zur Auswanderung nach Palästina warten. Hier und auf der anschließenden Schiffspassage nach Jaffa entstanden die ersten Aufnahmen, die den engagierten Amateur rasch zum Profi werden ließen. Wer Carmis Bilder von den Einwanderern betrachtet, vergißt leicht, daß der Mann, der diese ruhigen, selbstbewußten Aufnahmen machte, sich selbst in der aufwühlenden Lage zwischen Entwurzelung und Neuanfang befand - und es wohl gerade darum verstand, sich in Unsicherheit und Hoffnung, Heimweh und Aufbruchssehnucht hineinzufühlen.
Bis zu seinem Tod im Jahr 2002 begleitete Carmi die Geschicke des Landes, das er zu seinem gemacht hatte, doch verfolgte er mit seinen Arbeiten keinerlei politische oder ideologische Mission. Denn wenngleich die Politik in Israel nie fern ist, läßt sich der Alltag davon nicht unterdrücken: Menschen müssen ausruhen, innehalten, kochen, essen, waschen, ihre Kinder stillen, reden. Dieses ganz gewöhnliche Leben hatte es Carmi angetan. Im Staunen über die impulsive Schönheit dieser Bilder zeigt sich auch, daß die israelische Identität nicht aus einem Guß ist - und daß darin ihre Stärke liegt. Auf Carmis Bildern erscheinen die Israelis als eine Art weitverzweigte Familie, eine offene Nation. So entsteht das Porträt eines Landes, dessen Bewohner, nach den Worten von Amos Oz, eher in einen Film von Federico Fellini als von Ingmar Bergman gehören. - Unsere Abbildung zeigt eine Familie in Jaffa, aufgenommen im Jahr 1954.
fvl
Boris Carmi: "Fotografien aus Israel". Herausgegeben von Alexandra Nocke. Englisch-deutsche Ausgabe. Prestel Verlag, München 2004. 111 S., Abb., geb., 29,95 [Euro].