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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Seine Familie stand ihm nackt Modell

 ·  Wenn das Porträt das Ideal verdrängt: Das umfangreiche zeichnerische Werk Johann Gottlieb Schadows

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Johann Gottlieb Schadow (1764 bis 1850) war ein unermüdlicher Zeichner. Noch bevor er sich mit vierzehn Jahren für den Beruf des Bildhauers entschied, hatte er den Umgang mit Papier und Griffel gelernt. Seine erste Reise, die ihn nach Rom führte, sollte reiche Zeichenfrüchte bringen: Im Mai 1785 hatte er mit seiner Braut Marianne Devidels Berlin verlassen, um einer Ehe mit der Tochter seines Lehrers Antoine Tassaerts zu entkommen.

In Rom faszinierten ihn die Antiken. Mehr als zweihundert Blätter sind aus dieser Phase bekannt. Vermutlich 3000 Zeichnungen mit den verschiedensten Themen sollten es in Schadows langem Leben werden. Nachdem sich der Akademiekurator Friedrich Freiherr Anton von Heintz für seine Rückkehr eingesetzt und Tassaert 1788 gestorben war, stand seiner Karriere als Leiter der Hofbildhauerwerkstatt und Direktor der Skulpturen beim Hofbauamt nichts mehr im Wege. Er wurde Mitglied der königlich-preußischen Akademie und lehrte dort Bildhauerei. Im Januar 1816 wurde er zu ihrem Direktor ernannt.

Die Verbundenheit mit der Akademie brachte es mit sich, daß 1062 Blätter aus dem Nachlaß in ihr Archiv gelangten. Weitere Zeichnungen verwahren das Kupferstichkabinett und das Zentralarchiv der Staatlichen Museen, das Geheime Staatsarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Graphische Sammlung des Stadtmuseums. Nur ein kleiner Teil gelangte in private Sammlungen. Es mag deshalb paradox erscheinen, daß die Blätter fast unbemerkt die Jahrzehnte überdauerten. Die für einen Bildhauer ungewöhnlich hohe Anzahl und qualitätsvolle Vielfalt wurden erstmals 1909 wahrgenommen: Es sei die größte Überraschung, die das Werk des Meisters biete. Trotzdem wurden in Publikationen immer wieder dieselben Zeichnungen abgebildet, und der große Rest wurde ignoriert.

Bellen und wässern

Im Zusammenwirken mit der Akademie der Künste hat nun der Deutsche Verein für Kunstwissenschaft einen Katalog des zeichnerischen OEuvres veröffentlicht. Sorgfältig haben die drei Autorinnen Sibylle Badstübner-Gröger, Claudia Czok und Jutta von Simson über 2300 Zeichnungen chronologisch geordnet und bearbeitet.

Schadow war ein von großem wissenschaftlichen Ernst beseelter Ethnologe, ein genauer Beobachter physiognomischen Ausdrucks sowie ein treffsicherer Karikaturist. Sein unbedingtes Interesse galt dem Menschen. Tiere und Landschaften sind immer domestiziert. Wenn er sich 1809 dem Studium von Affenschädeln widmete, dann nur, um sie mit menschlichen Köpfen zu vergleichen. Der Klassizist Schadow war ein Realist, wie Werner Hofmann in seinem einleitenden Essay ausführt. Der Künstler suchte die Wahrheit zwischen den Extremen von Schön und Häßlich. Diese Einstellung ist ihm von Goethe zum Vorwurf gemacht worden, der in seiner Kritik über den prosaischen Zeitgeist der Berliner Szene insbesondere auf Schadow zielte. Charakter und Ideal würden durch das Porträt verdrängt. Dies bedeute das Ende der Poesie. Schadow antwortete ihm, daß die antike Skulptur genauer als spätere Epochen der Natur gefolgt sei.

Er war zu dieser Erkenntnis durch die Vermessung antiker Köpfe gekommen. Seit 1792 widmete er sich kraniologischen Untersuchungen, später dem ganzen menschlichen Körper, um seine eigene Proportionslehre zu entwickeln. Das Buch, das er nach dem klassischen Bildhauer "Polyclet" nannte, der die erste kanonische Statue entwickelt hat, sollte ein Lehrwerk für den Unterricht sein.

Seine Familie,Verwandte und Bekannte standen ihm nackt Modell. Der französische Athlet Lesbenier übte eine besondere Faszination auf Schadow aus. Schadow verglich die Körper seiner Modelle mit dem "Christus" von Michelangelo und dem "Pugilatore" von Canova sowie verschiedenen Antiken, die ihm alle in Gipsabgüssen zu Verfügung standen.

Um seinen Kanon zu vervollständigen, war der Künstler bemüht, nicht nur beide Geschlechter, sondern auch die Lebensalter zu erfassen. Neugeborene maß er in der königlichen Entbindungsanstalt. Als er am 22. September 1802 Goethe besuchte und ihn bat, Zirkel und Taster an seinen Kopf anlegen zu dürfen, war der Dichter beleidigt. Schadow skizzierte ihn kurz darauf als Zeus, in den Wolken thronend, umgeben von einem Glorienschein. Zu seinen Füßen haben sich die Brüder Schlegel, Tieck, Novalis und Nicolai eingefunden. Letzterer als Hund, da er laut Schadow, "nur noch bellen und wässern kann". Die Skizze war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Auch Schillers Bildnis im Profil, das am 8. Mai 1804 bei einem Mittagessen im Hause Zelter entstand, ist eine private Notiz, die er seinem "Familienalbum" hinzufügte. Die Kreidezeichnung sprengt die Illusion vom Dichterheros: schütteres Haar, borstige Augenbrauen, hakenförmige Nase und schmallippiger Mund. Die Freiheit des Strichs, die sich in diesen Zeichnungen andeutet, entwickelt Schadow immer weiter. Auch dies bedeutet einen Bruch mit der klassizistischen Norm. In den späten zwanziger Jahren erfindet er eine neue Art zu skizzieren: die Auflösung der Darstellung in parallele Schraffuren, die zugleich Licht und Schatten evozieren.

Gleichzeitig arbeitet Schadow nicht nur am "Polyclet", sondern auch an den "National-Physionomieen oder Beobachtungen über den Unterschied der Gesichtszüge und die äußere Gestaltung des Kopfes", deren Vorzeichnungen er bis ins kleinste Detail ausführt. Die "National-Physionomieen" entsprangen der sich seit dem achtzehnten Jahrhundert etablierenden Wissenschaft der Anthropologie. Angeregt durch Peter Campers Buch "Über den natürlichen Unterschied der Gesichtszüge des Menschen verschiedener Gegenden und verschiedenen Alters", das 1792 in Berlin erschienen war, maß und zeichnete Schadow die Köpfe von Angehörigen der "caucasischen", das heißt der indogermanischen Rasse.

Alkohol als Treibstoff

Dabei setzte er sich mit Campers These, daß die Rassen auf den ersten Blick bestimmbar wären, wenn sie sich nicht durch Heiraten vermischt hätten, auseinander. In Frontalansicht und im Profil jeweils auf einem Blatt vereint, zeichnete er die Angehörigen verschiedener Völker vom Säugling bis zum Greis. Als Anschauungsmaterial dienten ihm seine Familie und Freunde, vor allem aber exotische Fremde, die mit Schiffen der Preußischen Seehandlung nach Berlin gelangten und allgemeine Aufmerksamkeit erregten.

Schadow studierte auch Präparate. Der Kopf des sogenannten "Caffern-Prinzen", eines Hottentotten, der 1820 bei einem Gefängnisaufstand ums Leben kam, wurde in mehrere Gallonen Alkohol eingelegt und von Kapstadt nach Berlin gebracht. Schadow hielt ihn nicht nur für die "National-Physionomieen" fest, sondern modellierte auch seine Büste.

Im Jahr 1821 begann sein Stern als Bildhauer zu sinken. Gefragt waren nun die Skulpturen seines Schülers Christian Daniel Rauch, der einen imposanten, repräsentativen Klassizismus vertrat, fernab von Schadows Natürlichkeit. Mit Nachdruck trieb Schadow seitdem seine Lehrbücher voran, die ihn beide seit 1803 beschäftigt hatten. 1834 veröffentlichte er auf eigene Kosten den "Polyclet", ein Jahr später die "National-Physionomieen". Stolz nennt Schadow die Titel und Orden, die ihm verliehen wurden, auf den Titelblättern. Es ist die Erinnerung an seine großen Erfolge, bevor sich sein Ruhm "in Rauch auflöste".

BETTINA ERCHE

Sibylle Badstübner-Gröger, Claudia Czok, Jutta von Simson: "Johann Gottfried Schadow". Die Zeichnungen. Mit einem einführenden Essay von Werner Hofmann. Im Auftrag der Akademie der Künste und des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft herausgegeben von Rüdiger Becksmann. Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 2006. Textband mit 181 S., 120 Abb., davon 48 Farbtafeln. Zwei Katalogbände mit zusammen 816 S. und 2280 S/W-Abb., geb. 248,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2006, Nr. 167 / Seite 39
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