Das „Abendgebet“ von Jean-François Millet ist nicht nur eines der bekanntesten Werke des Malers, es ist auch eines der teuersten Gemälde des 19. Jahrhunderts. Millet verkaufte es 1859 für tausend Franc. 1872 wechselte es in der Galerie von Paul Durand-Ruel nach einer Ausstellung für 38.000 Franc den Besitzer; wenige Jahre nach dem Tod des Malers 1875 erzielte es auf einer Auktion für die damalige Zeit unglaubliche 160.000 Franc. Auf der Versteigerung der Sammlung des Finanziers Secrétan 1889, wo der Louvre es mangels ausreichenden Budgets nicht erwerben konnte, ging es dann sogar für 580.000 Franc inklusive Aufgeld an die „American Art Association“. Im Jahr darauf brachte der Sammler Alfred Chauchard das Gemälde für unbeschreibliche 800.000 Franc nach Frankreich zurück und vermachte es nach seinem Tod dem Louvre. Damals hielt man den Preis für Millets „Abendgebet“ für eine einmalige, nicht zu wiederholende Wertsteigerung eines Kunstwerks, doch die Spekulation mit der zeitgenössischen Kunst hatte den Pariser Markt - damals Weltzentrum der Kunst - längst ergriffen.
Rasante Preissteigerung
Die französische Historikerin Anne Martin-Fugier ist dem Phänomen der Spekulation mit zeitgenössischer Kunst im 19. Jahrhundert in ihrem Buch „La vie d'artiste au XIXe siècle“ nachgegangen und führt auch das Beispiel des Händlers Eugène Blot an, der bei Ambroise Vollard ein kleines Ölbild von Manet, „Madame Manet auf dem Kanapee“, zu 300 Franc erstand, um es sogleich eine Tür weiter bei Bernheim-Jeune zu 3000 Franc weiterzuverkaufen. Bernheim-Jeune hatten den interessierten Sammler Auguste Pellerin an der Hand - nirgends mehr als im Kunsthandel bestimmt die Nachfrage den Preis.
Den Malern selbst gefiel der spekulative Umgang mit ihren Werken nicht immer, auch wenn manche, wie Théodore Rousseau und Narcisse Diaz, ihre Werke in der Hoffnung, ihren Kurswert zu steigern, selbst im Hôtel Drouot einlieferten. Gustave Courbet unternahm 1866 gerichtliche Schritte gegen den Wechselmakler Lepel-Cointet, der ihm für 16.000 Franc eine Jagdszene abgekauft und wenig später versucht hat, sie für 25.000 Franc dem türkischen Sammler Khalil Bey anzubieten.
Schon im 19. Jahrhundert, folgert die Autorin, war zeitgenössische Kunst eine Geldanlage, und die spekulativen Preissteigerungen veränderten auch die Kriterien für den Erfolg eines Künstlers: Nicht mehr die institutionelle Anerkennung, sondern der Preis begründete den Ruhm eines Künstlers - eine Entwicklung, die bis heute ihre Blüten treibt. Das Schlusswort überlässt Anne Martin-Fugier dem Maler Monet: Er sei glücklicher gewesen, als er seine Bilder für 300 Franc an Leute verkaufte, die Mühe hatten, die drei Scheine aufzubringen. „Den Snobs von heute“, bedauerte er, „fällt es leichter, mir zwanzigtausend Franc zu geben.“